09.01.2016

Soziologe Nassehi zur spirituellen Sehnsucht "Religiosität verschwindet nicht"

Beim Neujahrsempfang der Erzdiözese Bamberg haben der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick und der Soziologe Armin Nassehi sich über die Rolle von Religiosität in der Gesellschaft geäußert.

Die spirituelle Sehnsucht in der Gesellschaft stellt die Kirchen nach Einschätzung des Münchner Soziologen Armin Nassehi vor neue Herausforderungen. "Religiosität verschwindet nicht", sagte der Wissenschaftler am Samstag in Bayreuth. Dem müssten sich die christlichen Gemeinschaften stellen, da sie dafür besondere Verantwortung trügen. Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick sagte, die katholische Kirche werde sich auch weiterhin politisch einmischen. Nassehi und Schick äußerten sich beim Neujahrsempfang der Erzdiözese Bamberg.

In Europa sei eine "Individualisierung und Privatisierung des Religiösen" zu beobachten, erläuterte Nassehi. Dies vermindere die "Potenz religiöser Rede in der Gesellschaft". Er bemängelte den Verlust an religiösem Wissen auch unter kirchennahen Menschen. Wenn man sich anschaue, was diese über den Traditionsbestand der Kirche wüssten, "wird man blass". Zum Satz "Religion ist nicht alles" von Erzbischof Schick bemerkte der Soziologe, dies höre sich wie ein Rückzugsgefecht an. "Es ist aber genau das Gegenteil, nämlich die Bedingung dafür, dass Religiosität in der modernen Gesellschaft überhaupt funktionieren kann."

"Kirche muss politisch sein"

Nach den Worten von Schick soll die Kirche "ein Akteur in der Gesellschaft für das Gemeinwohl sein". Sie müsse politisch sein und begleite Politik und Staat "mahnend und kritisch". Zum Wohl aller "erheben wir immer wieder und auch künftig unsere Stimme", fügte der Erzbischof hinzu. Er dankte den ehrenamtlichen Mitarbeitern in der Flüchtlingshilfe. Diese kämen zum großen Teil aus dem kirchlichen Bereich. Vor allem in der Betreuung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge seien christliche Organisationen und Einrichtungen tätig.

Kein Ausschließen anderer Lebensformen

Schick rief erneut dazu auf, Familien zu stärken. "Ohne Familie ist kein Staat zu machen. Und auch keine Kirche", sagte er. Eltern und Kinder bräuchten intensive politische und kirchliche Unterstützung. Der Bamberger Oberhirte betonte zugleich, die katholische Kirche halte um der Familien willen an der Unauflöslichkeit der Ehe fest. Dies bedeute nicht das Festhalten "an irgendeiner Institution", sondern an Werten wie Treue, Verlässlichkeit, Geduld und beständiger Liebe. "Damit schließen wir aber nicht andere Lebensformen einfach aus", betonte der Erzbischof.

(KNA)

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