Kirchentag in Stuttgart
Kirchentag in Stuttgart
Winfried Kretschmann
Winfried Kretschmann

26.05.2015

Ministerpräsident Kretschmann freut sich auf den Kirchentag Zu Gast beim Prototyp der Ökumene

Eine Woche vor dem Evangelischen Kirchentag in Stuttgart betont Ministerpräsident Winfried Kretschmann das Miteinander von Katholiken und Protestanten in Baden-Württemberg. "Wir sind der Prototyp der Ökumene", findet der Katholik.

KNA: Herr Ministerpräsident, was verbinden Sie mit Katholiken- und Kirchentagen? Sind Sie regelmäßig Gast dort?

Winfried Kretschmann Ministerpräsident in Baden-Württemberg (Grüne): Sogar ganz regelmäßig. Es sind große Glaubensversammlungen: Kirche und Welt treffen sich dort in einer dichten Form. Bei diesen friedlichen Festen wird die Pluralität in den Kirchen mit den verschiedensten Ausformungen und Zugängen zum Glauben sichtbar. Es sind immer sehr bewegende Tage, und in dieser Zeit wird eine Stadt verwandelt.

KNA: Sie nehmen an einigen Veranstaltungen teil: an der Eröffnung, einer Bibelarbeit, der Preisverleihung für umweltfreundliche Kirchengemeinden, an einer Diskussion über "Religion: Öffentlich oder privat?". Worauf freuen Sie sich besonders?

Kretschmann: Natürlich auf die Bibelarbeit.

KNA: Haben Sie schon damit angefangen?

Kretschmann: Ja. Für mich als Nicht-Theologen ist es eine große und spannende Herausforderung, das Wort Gottes auszulegen. Ich mache das mit großer Begeisterung. Aber es ist mit viel Vorbereitung verbunden, da muss ich schon vieles selbst machen. Es geht um einen Text aus dem Alten Testament, das Buch Prediger, Kapitel 3, die Verse 9 bis 13.

KNA: Besucht auch der Privatmensch Kretschmann Kirchentags-Veranstaltungen?

Kretschmann: Nein, wenn man Ministerpräsident ist und öffentlich in Erscheinung tritt, ist man kein Privatmensch mehr. Das gilt ganz generell. Selbst wenn ich an einem Gottesdienst teilnehme, was eine höchst private Angelegenheit ist, muss ich damit rechnen, dass eine Kamera auf mich gerichtet ist. In der Öffentlichkeit gibt man sein Privatsein mit einem solchen Amt auf. Wenn man das nicht will, darf man das Amt nicht annehmen. Das ist also keine Beschwerde, sondern eine reine Tatsachenbeschreibung. Aber ich muss es auch nicht schön finden, beim Beten von der Kamera ins Visier genommen zu werden. Zugleich kann ich für mich persönlich trotzdem Schönes und Wertvolles erleben und mit nach Haus nehmen.

KNA: Der Kirchentag ist vielfach durch aktuelle politische Fragestellungen geprägt, etwa Umwelt und Schöpfung, Asyl- und Flüchtlingspolitik oder auch bioethische Themen. Welchen Stellenwert haben diese Debatten in Ihren Augen? Können die Kirchen Beiträge zur Lösung solcher Fragen anbieten?

Kretschmann: Da gilt der berühmte Böckenförde-Satz: Der säkulare Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.

Genauso sehe ich es. An der Basis der Zivilgesellschaft, zu der die Kirchen ganz wesentlich gehören, werden erst die Werte und Werthaltungen generiert, auf denen unsere Ordnung steht. Das Grundgesetz garantiert Freiheitsrechte, aber Menschen müssen sie mit Leben füllen. Kirchen- und Katholikentage imprägnieren Menschen mit Werthaltungen - das ist entscheidend.

KNA: Was könnte ein besonderer württembergischer Akzent des Deutschen Evangelischen Kirchentags sein?

Kretschmann: Zwei Punkte möchte ich hervorheben. Das eine ist eine Willkommenskultur. Gerade in Stuttgart gibt es viele Flüchtlinge, einen sehr hohen Migrantenanteil - und trotzdem keine nennenswerten Proteste und keine Pegida. Es ist ja das Proprium des Christentums, dass auch der Fremde dein Nächster ist. Das wird hier gelebt. Wir müssen zeigen, wie wir diesen urchristlichen Impuls umsetzen.

Das andere ist ein ausgeprägtes ökumenisches Miteinander. Katholiken und Protestanten in Baden und Württemberg, das ist in etwa fifty-fifty. Wir sind der Prototyp der Ökumene. Hier wird das religiöse Miteinander ganz besonders gepflegt. Ich würde also eher sagen, wir setzen baden-württembergische Akzente.

KNA: In welcher Höhe unterstützt das Land den Kirchentag, und halten Sie solche Förderungen für zeitgemäß?

Kretschmann: Das Land gibt fünf Millionen. Schließlich ist es ein großes zivilgesellschaftliches Ereignis für Stadt und Land. Es ist mir wichtig hier eines explizit zu betonen: Wer die strikte Trennung von Staat und Kirche fordert, der muss auch bedenken, dass die weltanschauliche Neutralität des Staates nach unserer Verfassungsordnung eine fördernde, eine inkludierende ist. Das hat das Bundesverfassungsgericht immer wieder festgestellt. Es darf nur keine Religion bevorzugt oder benachteiligt werden. Wir sind ein säkularer Staat, aber kein laizistischer. Wir freuen uns auf jeden Fall, Gastgeber sein zu dürfen.

Das Interview führte Michael Jacquemain.

(KNA)

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