Bischof Felix Genn
Bischof Felix Genn

02.03.2015

Studie zur (Un-)zufriedenheit der Katholiken mit ihrer Kirche Ein kritischer Zustand

Viele Menschen wenden der Kirche den Rücken zu oder treten sogar aus. Den Ursachen für diese Unzufriedenheit wollte das Bistum Münster auf den Grund gehen. Nun liegen die Ergebnisse einer Studie vor, sie dürften auch für andere Bistümer von hohem Interesse sein.

Die Unzufriedenheit der Katholiken im Bistum Münster mit der katholischen Kirche ist hoch. Eine repräsentative Umfrage, die das Bistum Münster unter 1.000 Katholiken, 80 pastoralen Mitarbeitern und Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind, durchgeführt hat, liefert aber auch zahlreiche Ansatzpunkte, wie die Zufriedenheit erhöht werden kann. Auch wenn die Ergebnisse der regionalen Studie keine Eins-zu-eins-Übertragung auf die Stimmungslage der Katholiken in ganz Deutschland zulassen, kann davon ausgegangen werden, dass Tendenzen und Ursachen für die Unzufriedenheit vieler Menschen mit ihrer Kirche durchaus auf die meisten Bistümer zutreffen.

Die zentralen Ergebnisse der Zufriedenheitsstudie und mögliche Maßnahmen des Bistums, hat Münsters Bischof Felix Genn am Montag vorgestellt. Die Befragungen ergeben, dass sich die Zufriedenheit der Katholiken mit der Institution "katholische Kirche" in einem kritischen Zustand befindet (Mittelwert von 3,0 auf einer Skala von 1-5).

Die eigenen Mitarbeiter bewerten die Zufriedenheit der Katholiken sogar noch schlechter als diese tatsächlich ist. Etwas besser, aber auch nicht gut, ist die Zufriedenheit der Katholiken mit der Pfarrgemeinde (2,6). Auffallend ist hier, dass selbst in kritischen Situationen 17 Prozent der Gläubigen in ihrer Pfarrgemeinde keinen Halt finden: "Ein sehr schlechter und kritischer Wert", wie Prof. Tim Eberhardt (Geschäftsführer des Münster Research Institute – MRI) einräumt. Eberhardt hat die Studie gemeinsam mit Prof. Heribert Meffert (emeritierter Direktor des Instituts für Marketing am Marketing Centrum Münster – MCM) und Prof. Dr. Peter Kenning (Inhaber des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf) durchgeführt.

Stagnation seit fünf Jahren

In den letzten fünf Jahren, so zeigen die Befragungen weiter, hat sich die Zufriedenheit der Katholiken mit der katholischen Kirche nicht verändert. Nahezu keine Unterschiede gibt es auch, wenn die Katholiken die unterschiedlichen kirchlichen Dienstleistungen bewerten: sowohl bei Gottesdiensten und Seelsorge wie bei Erziehungs- und Bildungsangeboten, beim gemeinschaftlichen Miteinander und auch bei den sozialen und caritativen Angeboten liegen die Zufriedenheits-Werte in einem "allenfalls durchschnittlichen" Bereich (2,7).

Auffallend ist der Unterschied zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung im Blick auf die sozialen und caritativen Leistungen: Die Zufriedenheit der Katholiken mit diesen Leistungen wird von den Mitarbeitern weit überschätzt. Die Studie gibt auch Hinweise darüber, welche Altersgruppen mit der katholischen Kirche besonders unzufrieden sind: es sind die Katholiken unter 25 Jahren sowie diejenigen zwischen 56 und 65 Jahren.

21 Prozent austrittsgefährdet

Rund 21 Prozent der Katholiken sind nach der Untersuchung austrittsgefährdet. Als Hauptgrund für einen etwaigen Kirchenaustritt wird eine Rückständigkeit der Kirche genannt, gefolgt von der Kirchensteuer und der Enttäuschung beziehungsweise dem Ärger über die Kirche.

Diese Befunde interpretierten Prof. Meffert und Prof. Kenning. Sie machten deutlich, dass die Zufriedenheit beziehungsweise Unzufriedenheit der Katholiken mit der katholischen Kirche und der Pfarrgemeinde eine hohe Relevanz im Blick auf die Austrittswahrscheinlichkeit habe. Die Studie zeige, dass für Zufriedenheit und Beziehungsqualität drei Faktoren eine entscheidende Rolle spielten: die liturgischen Leistungen und die Seelsorge, das gemeinschaftliche Miteinander sowie die katechetischen Leistungen – also die Leistungen, die etwa bei der Erstkommunion-Vorbereitung oder der Firmung erbracht werden.

Gläubige als Kunden

Für einen Kirchenaustritt, so betonten die beiden Professoren, gebe es viele Gründe. Insbesondere die Faktoren, die mit der Beziehungsqualität zusammenhingen, könne das Bistum beeinflussen und so die Zufriedenheit erhöhen und die Austrittswahrscheinlichkeit verringern. Angesichts der hohen Unzufriedenheit der Katholiken mit der katholischen Kirche plädierten die Professoren dafür, "die Bedürfnisse und die Wahrnehmungen der ‚Kunden‘ sehr viel stärker in den Blick zu nehmen."

Für die aus ihrer Sicht notwendigen Veränderungen stellten sie ein Konzept vor, das sie "das Konzept der drei I" nennen. Die "drei I" stehen für: "Integrität – Interaktion – Integration". Integrität im Sinne von Rechtschaffenheit, Aufrichtigkeit und Zuverlässigkeit ist für Prof. Meffert und Prof. Kenning "der Schlüssel für Glaubwürdigkeit und für Vertrauensbildung und damit auch für die Zufriedenheit der Gläubigen mit der katholischen Kirche im Bistum Münster". Interaktion meine, dass ein intensiver und offener Austausch und Dialog mit den Gläubigen notwendig sei. Integration bedeute, die Kräfte zu bündeln – sowohl auf einer organisatorisch-strukturellen Ebene als auch zwischen Vertretern der Kirche und den Gläubigen.

"Ernst aber nicht hoffnungslos"

"Insgesamt zeigen die Untersuchungen: Die Lage für die katholische Kirche im Bistum Münster ist ernst. Sie ist aber keineswegs hoffnungslos", brachten Meffert und Kenning ihre Analyse auf den Punkt. Von dieser Interpretation ausgehend, leitete Pater Manfred Kollig sechs Konsequenzen ab. Er betonte, dass diese im Zusammenhang mit der Entwicklung lokaler Pastoralpläne zu ziehen seien:  Zum einen gehe es darum, genauer zu erfahren, welche Erwartungen die Menschen vor Ort etwa an die Gestaltung der Liturgie, an die Katechese und an das gemeinschaftliche Miteinander hätten. "Die Vertreterinnen und Vertreter der katholischen Kirche sollten mehr von den Menschen und ihren Wünschen und Erwartungen wissen – sie sollten zunächst Fragende und Hörende sein", sagte er.

Auch sei es wichtig, in allen kirchlichen Tätigkeitsfeldern Platz zu schaffen für experimentelle Räume: Neues könne und solle ausprobiert werden. Dabei "sollten insbesondere auch die Menschen in den Blick genommen werden, die nicht zum ‚Inner Circle‘ von Kirche und Pfarrei zählen", betonte Pater Manfred. Er warb für eine "einladende und dienende" Kirche und dafür, sich vor allem bei den Gottesdiensten, die Menschen aus besonderen Anlässen wie etwa einer Taufe, Erstkommunion, einer Eheschließung oder einem Begräbnis mitfeierten, noch stärker an den Erwartungen der verschiedenen Zielgruppen zu orientieren.

Eine neue "Feedback-Kultur"

Wichtig sei es zudem, die Beziehungsqualität zwischen Vertretern der katholischen Kirche und den Menschen zu stärken. "So ist es etwa unerlässlich, dass Kirche auch in den größer gewordenen pastoralen Einheiten weiter in den einzelnen Gemeinden vor Ort personal präsent ist", sagte Pater Manfred Kollig, Leiter der Hauptabteilung Seelsorge. Notwendig sei zudem, die Kommunikation nach außen und innen zu professionalisieren und zu verstärken: "Es braucht eine Feedback-Kultur, eine verbesserte Ansprechbarkeit, eine multimediale Kommunikation und Offenheit für Dialog und kritischen Diskurs."

Weiterhin sollten sich die Angebote, die die katholische Kirche im Bistum Münster den Menschen macht, verstärkt einer systematischen und kontinuierlichen Prozess- und Ergebnisevaluation unterziehen. "Dabei geht es nicht um eine Zertifizierung der Pastoral, sondern um eine Etablierung von Instrumenten für die kritische Würdigung des pastoralen Alltags", betonte er. Schließlich sprach er sich für eine Stärkung des Profils "katholische Kirche" aus und für eine möglichst enge Zusammenarbeit zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen sowie zwischen Priestern und Laien. Die Rolle des Bischofs sieht Pater Manfred dabei vor allem auch darin, "mit Hilfe aller seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auf allen Ebenen Wandel und Weiterentwicklung der Kirche vor Ort zu ermöglichen".

Bischof Genn: "Wandel gestalten"

Bischof Genn sagte, dass die hohen Zahlen der Kirchenaustritte und die zurückgehenden Zahlen etwa bei Gottesdienstbesuchern, Taufen oder kirchlichen Eheschließungen schmerzlich und alarmierend seien. Wer diese Entwicklungen nur mit den großen kirchlichen Krisenthemen der letzten Jahre erklären wolle, mache es sich zu einfach. "Richtiger ist für mich vielmehr, dass wir uns als Kirche auch im Bistum Münster in massiven Veränderungsprozessen befinden: der individuelle Wertewandel geht auch an der traditionellen Volkskirche nicht spurlos vorbei. Diesen Wandel müssen wir wahrnehmen und gestalten, statt ihn einfach nur über uns ergehen lassen. Von daher gilt: ‚Packen wir es an! – Stellen wir uns den neuen Herausforderungen!‘, sagte der Bischof.

In den Maßnahmen, die das Bistum aus den Ergebnissen der Studie ableite, solle die Grundidee von Kirche im 21. Jahrhundert deutlich werden: "Wir wollen an der Seite der Menschen und mitten unter ihnen stehen;  wir wollen eine einladende und keine ausschließende und selbstbezogene Kirche sein; wir wollen eine Kirche sein, die die Charismen und Begabungen aller Gläubigen aufsucht und fördert; wir wollen eine Kirche sein, die für die Menschen da ist – gerade für die Armen und Schwachen in unserer Gesellschaft", sagte der Bischof. Wichtig sei, dass die Menschen dies im Handeln kirchlicher Vertreterinnen und Vertreter so erlebten und in einer guten Beziehung zu diesen stünden. Bischof Genn beschrieb auch seine eigene Rolle: "Ich möchte ein Ermöglicher und ein Brückenbauer sein." Es gelte, "Vertrauen in die Menschen, in das Volk Gottes haben, denn Gott selbst vertraut ihm".

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