Kardinal Reinhard Marx
Kardinal Reinhard Marx

16.10.2019

Kardinal Marx über aktuelle Fragen zur katholischen Kirche Von Amazonas-Synode bis Seenotrettung

Ob die Beteiligung von Frauen in der katholischen Kirche, Entschädigungszahlungen für Missbrauchsopfer sowie aktuelle politische Themen: Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, stellte sich in Berlin Fragen von Journalisten.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, hat sich erneut für eine stärkere Beteiligung von Frauen in der katholischen Kirche ausgesprochen. Sie sei "notwendig und überfällig", sagte Marx am Mittwoch vor Journalisten in Berlin.

Mit "großer Wucht und Eindringlichkeit" hätten das bei der derzeit in Rom stattfindenden Amazonas-Synode auch Länder in Südamerika gefordert. "Auch das Diakonat der Frau", so Marx. Er könne nicht erkennen, dass solche Stimmen nur aus Deutschland kämen.

Auch eine mögliche Lockerung des Zölibats sei Thema in Rom. "Mehr als ich erwartet habe", so Marx. Dabei gehe es nicht um eine Abschaffung des Zölibats, sondern darum, ob es in Einzelfällen auch weitere Zulassungsbedingungen geben könne. So seien viele Bischöfe aus Südamerika der Ansicht, es könne nicht hingenommen werden, dass Messen in bestimmten Regionen nicht einmal in der Woche stattfinden könnten, weil es nicht ausreichend Priester gebe.

Bei der Amazonas-Synode bis zum 27. Oktober beraten Bischöfe aus Südamerika gemeinsam mit Ordensleuten, Vertretern von Indigenen und Experten über Reformen des kirchlichen Lebens, aber auch über ökologische und soziale Folgen des Raubbaus in der ressourcenreichen Region. Das Treffen steht unter dem Motto "Amazonien - neue Wege für die Kirche und eine ganzheitliche Ökologie".

Hoffnung auf baldige Entscheidung zu Entschädigungszahlungen

Mit Blick auf Entschädigungszahlungen für Missbrauchsopfer hofft Marx auf eine Entscheidung "in den nächsten Monaten". Die Summe, die Opfer erwarten könnten, werde höher sein, sagte er weiter. Es sei aber "völlig abwegig, jetzt schon über Summen zu spekulieren".

Nach der bisherigen Regelung der "Anerkennung zugefügten Leids" erhalten Betroffene Pauschalzahlungen von rund 5.000 Euro, in Einzelfällen auch mehr. Bislang wurden nach Angaben der Bischofskonferenz rund 9,7 Millionen Euro bewilligt.

Eine von der Bischofskonferenz eingesetzte Arbeitsgruppe hatte den Bischöfen im September ein Empfehlungspapier vorgelegt, das für eine Neuregelung zwei Modelle vorschlägt. Das eine sieht eine pauschale Entschädigung in Höhe von rund 300.000 Euro pro Fall vor, das andere ein abgestuftes Entschädigungsverfahren, bei dem je nach Schwere des Falls zwischen 40.000 und 400.000 Euro gezahlt werden sollen. Bei der vergangenen Vollversammlung der Bischofskonferenz in Fulda haben sich die Bischöfe grundsätzlich auf eine Neuregelung der Zahlungen an die Opfer verständigt.

Marx lobte den erarbeiteten Bericht. Er sei über die "Differenziertheit und Kompetenz" positiv überrascht gewesen.

Solidarität mit Juden

Eine Woche nach der Bluttat von Halle hat der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz erneut sein Mitgefühl mit den Opfern und seine Solidarität mit der jüdischen Gemeinschaft bekräftigt. Die Morde von Halle hätten ihn "zutiefst erschüttert", sagte Marx in Berlin. Er denke auch an die 50 jüdischen Brüder und Schwestern, die in der Synagoge gewesen seien.

"Wir müssen alles tun, dass alle Tendenzen hin zu Hass und Antisemitismus überwunden werden", betonte der Kardinal. Die Botschaft der Kirche müsse klar sein: "Wir lassen uns nie mehr trennen von unseren jüdischen Brüdern und Schwestern." Der Nachricht, dass derartiges in Deutschland geschehen sei, habe auch in Rom für Unruhe gesorgt. Die derzeit dort stattfindende Synode mit Papst Franziskus haben für die Opfer gebetet und ein Zeichen der Solidarität gesetzt.

Marx beklagte ein Anwachsen des Rechtspopulismus in viele Ländern. Dabei würden auch die Grenzen zum Rechtsradikalismus "schwammig".

Dies gelt besonders für die Verrohung der Sprache. Das sei "außerordentlich beunruhigend". Gerade angesichts der globalen Herausforderungen sei die Rückkehr zum Nationalismus, Populismus und dem "Identitären" besorgniserregend. Das Thema der kommenden Jahre sei der Erhalt und die Weiterentwicklung der Demokratie.

Kirche will Seenotrettung weiter unterstützen

Die katholische Kirche will die Seenotrettung von Flüchtlingen auf dem Mittelmeer weiter unterstützen. Es sei "schon zynisch", dass die politischen Akteure in Europa die Flüchtlinge verschöben, "damit sie uns nicht zu nahe kommen", betonte Kardinal Marx.

Er rief dazu auf, "niemanden zurückzuschicken in eine Situation von Krieg und Gewalt". Solange Europa nicht in der Lage sei, Grenzen so zu gestalten, dass es menschenwürdig sei, "kann man jedes zivile Engagement unterstützen". Anders als die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) wolle sich die katholische Kirche aber nicht mit einem eigenen Schiff an der Seenotrettung von Migranten auf dem Mittelmeer beteiligen.

Kardinal Marx verurteilt Vormarsch der Türkei in Nordsyrien

Weiter hat der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz den Vormarsch der Türkei in Nordsyrien scharf verurteilt. "Das ist ein klarer Bruch des Völkerrechts", sagte Marx in der Bundespressekonferenz in Berlin. Dort würden zahlreiche Menschen vertrieben, darunter auch viele Christen. Er erwarte dazu auch klare Worte der Nato, die "doch ein Wertebündnis sein soll", so Marx.

Organspende muss freier Akt der Nächstenliebe bleiben

Die Organspende muss nach den Worten von Kardinal Marx auch künftig ein freier Akt der Nächstenliebe bleiben. Die Freiheit und Würde des Einzelnen und seine Entscheidung seien die "absolute Grenze" auch gegenüber Ansprüchen des Gemeinwohls, sagte er. "Der Körper ist nicht ein Ersatzteillager, sondern hat seine eigene Würde", so der Kardinal.

Angesichts niedriger Spenderzahlen will der Gesetzgeber die Organspende wohl noch in diesem Jahr neu regeln. Marx wandte sich mit seinen Ausführungen gegen die sogenannte Widerspruchslösung. Sie sieht vor, dass jeder als Organspender gilt, sofern er dem nicht zu Lebzeiten ausdrücklich widersprochen hat. Auch Angehörigen steht demnach kein eigner Entscheidungsspielraum mehr zur Verfügung.

Die entsprechende Gesetzesinitiative wird von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und dem SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach getragen. Ein konkurrierender Gesetzentwurf will hingegen an der derzeit gültigen persönlichen Zustimmung als Voraussetzung einer Organentnahme festhalten, diese aber durch eine Entscheidungslösung verbindlicher machen. Er wird von den ehemaligen Gesundheitsministern Ulla Schmidt (SPD) und Hermann Gröhe (CDU) sowie der Grünen-Chefin Annalena Baerbock getragen.

Marx plädierte für eine freie und informierte Entscheidung. Dies sei schon angesichts der Konsequenzen, die der Einzelne bei der Zustimmung zur Organentnahme auf sich nehme, geraten. Zugleich warb der Kardinal für die Organspende als Akt der Nächstenliebe. Dazu müsse ermutigt werden. Er wandte sich aber ausdrücklich dagegen, das Gemeinwohl als Rechtfertigung für einen fast automatischen Zugriff des Staates auf die Organe heranzuziehen.

Ehrgeizige Ziele der Pariser Klimakonferenz umsetzen

Zudem hat der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz zu einer Umsetzung der "ehrgeizigen Ziele" der Pariser Klimakonferenz aufgerufen. Es gehe um das Überleben, sagte Marx. Die Kirche habe hier eine besondere Verantwortung, betonte er auch mit Blick auf die derzeit in Rom tagende Amazonas-Synode.

Zugleich erinnerte er an die Enzyklika "Laudato si" von Papst Franziskus, die bewusst vor der Klimakonferenz veröffentlicht worden sei. Die Industrienationen hätten beim Klimaschutz eine größere Verantwortung, da sie diese Ressourcen seit Jahrhunderten nutzten.

Notwendig sei auch eine neue Fortschrittsidee. Gegenüber einer einseitig an der Wirtschaft orientierten Sicht mahnte er, die Gesamtheit der Lebensverhältnisse in den Blick zu nehmen.

Marx beklagte angesichts globaler Herausforderungen eine Rückkehr zum Nationalismus, Populismus und "Identitären". Das Thema der kommenden Jahre sei der Erhalt der Demokratie. Alle Tendenzen zu Hass und Antisemitismus müssten überwunden werden, so Marx. Der Anschlag in Halle habe ihn zutiefst erschüttert. Marx betonte sein Mitgefühl mit den Opfern und bekräftigte die Solidarität der Kirche mit der jüdischen Gemeinschaft: "Wir lassen uns nie mehr trennen von unseren jüdischen Brüdern und Schwestern."

Mit Blick auf den Syrienkonflikt sprach Marx von einem "klaren Bruch des Völkerrechts". Er beklagte die Vertreibung unzähliger Menschen, darunter auch Christen, und kritisierte die Waffenexporte. Zur Seenotrettung sagte er, die Grenze des Mittelmeeres dürfe "keine Grenze des Todes" sein. Nötig sei ein faires Verfahren. Es dürfe niemand in eine Situation von Krieg und Gewalt zurückgeschickt werden. Zugleich müssten die Fluchtursachen angegangen werden.

(KNA)

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