Bischof Ulrich Neymeyr
Bischof Ulrich Neymeyr
Trauer und Entsetzen in Halle/Saale
Trauer und Entsetzen in Halle/Saale

11.10.2019

Erfurter Bischof Neymeyr zum Anschlag auf Synagoge von Halle "Nicht aus heiterem Himmel"

In der Deutschen Bischofskonferenz ist Ulrich Neymeyr für die Beziehungen zum Judentum zuständig. Im Interview sprach der Erfurter Bischof am gestrigen Donnerstag über seine Einschätzung des Anschlags auf die Synagoge in Halle.

KNA: Herr Bischof, wie konnte es aus Ihrer Sicht zu dem Anschlag auf die Synagoge in Halle kommen?

Ulrich Neymeyr (Vorsitzender von deren Unterkommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum): Was wir jetzt in Halle erleben mussten, kommt nicht aus heiterem Himmel. Die Verrohung der Sprache in politischen Debatten und in den sozialen Medien hat die Anstandsgrenze verschoben. Wir müssen uns doch nicht wundern, dass manche der Hetze Taten folgen lassen. NSU, der Mordfall Lübcke und jetzt Halle - muss man noch deutlicher werden? Gerade darum kommt es jetzt darauf an, dass die Mehrheit viel stärker als zuvor ihre Solidarität mit den jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern und die Verurteilung des Antisemitismus deutlich macht, gerade auch in der Öffentlichkeit und dabei nicht zuletzt im Internet.

KNA: Es gab viele Solidaritätsbekundungen für die Opfer. Aber was ist jetzt konkret zu tun?

Neymeyr: Zunächst einmal muss alles getan werden, und zwar dauerhaft, nicht nur punktuell, dass jüdische Einrichtungen geschützt sind und Juden, ohne Angst zu haben, sich versammeln und Gottesdienste feiern können. Für Initiativen, die die Solidarität mit den Juden und ihren Gemeinden zum Ausdruck bringen, ist eine breite Unterstützung und Teilnahme seitens der Bevölkerung wünschenswert. Wo es möglich und gewünscht ist, können vielleicht auch Nichtjuden an jüdischen Gottesdiensten teilnehmen und so ihre Anteilnahme bekunden.

KNA: Was erwarten Sie vom Gesetzgeber?

Neymeyr: Aufrufe zu antisemitischen Hasstaten und selbstverständlich diese selbst müssen konsequent vom Rechtsstaat verfolgt werden. Ob das nationale und internationale Recht ausreicht, um die Verbreitung von Hass, Lügen und Verleumdungen im Internet einzuschränken, wäre eigens zu prüfen. Grundsätzlich müssen wir gesellschaftlich an der Frage dran bleiben, wer und was Antisemitismus fördert und welche Möglichkeiten es gibt, das zu unterbinden. Da sind alle Demokraten gefordert.

KNA: Was heißt das für den Bereich der Politik?

Neymeyr: Jeder Wähler, jede Wählerin sollte sich genau überlegen, bei welcher Partei man sein Kreuz macht und vor allem: welche Folgen das haben wird. Nur mit Protest und Anti-Haltung lässt sich kein Staat machen. Ferner braucht es nach wie vor die Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur und ihren Folgen, wie etwa dem Neonazismus. Den gab es auch in der DDR, was aber vom SED-Regime geleugnet wurde. Welche Auswirkungen hat das für heute? Auch dieser Frage müssen wir nachgehen.

KNA: Was können besonders die Kirchen tun?

Neymeyr: Zunächst einmal das, was jeder tun kann: Solidarität zeigen, gute Kontakte zu den jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern und ihren Gemeinden pflegen und jedem ins Wort fallen, der antisemitisch und rassistisch daherplappert. Das sollte gerade für Katholiken selbstverständlich sein, denn die Juden sind, wie es einmal Papst Johannes Paul II. gesagt hat, unsere älteren Geschwister. Für Antijudaismus und gar Antisemitismus gibt es in der Kirche keinen Platz. Das kann gar nicht oft gesagt werden. Gott sei Dank bestehen in Deutschland schon lange gute Kontakte zwischen Kirchen und Judentum.

Das Interview führte Gregor Krumpholz.

(KNA)

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