Christiane Florin
Christiane Florin

16.01.2019

Journalistin vor Podiumsgespräch mit dem Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz "Wie kann man da eigentlich noch in den Spiegel gucken?"

 „Wohin treibt die Kirche?“ – so lautet die Frage bei der Podiumsdiskussion, die am Mittwoch in der Kölner Karl Rahner Akademie stattfindet. Diskutieren werden der Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz, Hans Langendörfer, und die Journalistin Christiane Florin.

DOMRADIO.DE: Fangen wir mal mit dem Aufregerthema an, nämlich mit dem sexuellen Missbrauch durch katholische Kirchenmänner. Wie weit wird in ihren Augen der Umgang damit die nähere Zukunft der Kirche hierzulande prägen?

Christiane Florin (Journalistin): Der Umgang damit prägt schon die Gegenwart. Was da zu sehen und zu spüren war ist nicht weniger, als ein Verrat an der eigenen Botschaft. Die Kirche hat Täter geschützt, weil es eben Priester, angeblich besondere geweihte Männer waren. Sie hat die Opfer nicht geschützt und hat sie dann auch noch durch die Art des Umgangs mit den Missbrauchsvorwürfen ein zweites Mal gedemütigt.

Ich glaube es geht nicht alleine um Vertrauensverlust, sondern um diese Diskrepanz zwischen der Botschaft, die das Christentum eigentlich hat, und dem Verhalten der Kirche. Ich bin der Ansicht, dass die katholische Kirche überhaupt nicht mehr in der Position ist, mit moralischer Autorität zu sprechen. Sie hat diese Autorität verloren und sie hat es auch nicht geschafft, spätestens im September des vergangenen Jahres einen Schnitt zu machen.

DOMRADIO.DE: Nach der Veröffentlichung der Missbrauchstudie im Herbst war die Zerknirschung groß. Viele Bischöfe haben sich entschuldigt. Haben Sie seitdem kein Umdenken ausgemacht? 

Florin: Nein, es geht weiter in den üblichen Diskussionsroutinen. Es werden halbherzig Reformvorschläge gemacht, im Prinzip die immer wieder gleichen alten Themen. Reformen, die auch schon vor zehn oder zwanzig Jahren richtig gewesen wären, werden jetzt unter Verweis auf die MHG-Studie angeführt. Das ist sozusagen die eine Seite, das liberale Lager. Und auf der anderen Seite, der konservativen, werden die sexuelle Befreiung und der Umgang mit Homosexualität, also die homosexuellen Priester, jetzt für alles verantwortlich gemacht.

Das ist eigentlich die selbe Debattenroutine in den Lagern wie vorher, wo man doch eigentlich sehen müsste, dass die Täter und Beschuldigten beiden Fraktionen angehörten. Es gab sehr konservative Priester, die Täter wurden und es gab sehr liberale Priester, die Täter wurden. Also müsste man eigentlich mit dem Blick auf die Betroffenen mal mit diesem Lagerdenken aufhören. Ich finde aber Frauenordination oder Zölibat oder mehr Beteiligung von Laien ist auch wichtig und richtig - ganz unabhängig davon, was diese Missbrauchsstudie zutage gefördert hat.

DOMRADIO.DE: Sie haben die Frauenordination angesprochen. Das ist natürlich tatsächlich etwas, was viele Frauen nachhaltig in und an ihrer katholischen Kirche abschreckt. Was meinen Sie: Wird sich die katholische Hierarchie das noch lange leisten können?

Florin: Ich glaube, sie wird es sich noch lange leisten wollen. Ich bin der Ansicht, dass diese Frauenfrage eine Machtfrage ist und keine theologische Frage. Theologisch gibt es ja viele Gründe, die dafür sprechen, Frauen und Männer in punkto Weihe gleich zu behandeln. Aber es wird mit Autorität und unter Verweis auf ein Wort des früheren Papstes Johannes Paul II. durchgesetzt, dass man eigentlich nicht einmal mehr diese Frage stellen darf.

Die Debatte ist mindestens 50 Jahre alt und bisher ist noch nichts Entscheidendes passiert. Man muss jetzt schauen was diese Diakoninnen-Kommission zutage fördert. Aber ich habe bisher keinen vorherrschenden Willen bei hohen Klerikern erkennen können, Frauen und Männer völlig gleich zu berechtigen - gerade in der Ämter-Frage.

DOMRADIO.DE: Sie haben gerade den Begriff Debattenroutine gebraucht und tatsächlich ist es so. Es sind immer die ewig gleichen Diskussionen um die ewig gleichen Dinge. Der Eindruck ist, dass die bei vielen Menschen eine immer größere Gleichgültigkeit der Kirche gegenüber auslösen. Ist das auch Ihre Erfahrung?

Florin: Naja, diejenigen, denen das sehr wichtig war, sind oft schon gegangen, weil sie resigniert haben, weil es zu nichts geführt hat, sich zu engagieren. Diejenigen, die bleiben, sind oft die, die mit Feuereifer bei der Sache sind und die Institution als solche gar nicht infrage stellen. Ich glaube nicht, dass sich die Kirche gesund schrumpfen kann. Ich glaube zurückbleiben oder bleiben werden eher die, die autoritär strukturiert sind, die eine Ordnung haben wollen und gerade nicht sich fragen: Wie kann sich Christentum in einer pluralen Gesellschaft bewähren? 

Das sehen wir jetzt schon, dass viele, denen die Reformthemen wichtig gewesen sind, nicht mehr dabei sind, weil sie sich von dieser Kirche abgestoßen fühlen. Die Ruhe ist eigentlich eine trügerische Ruhe, denn es ist die Ruhe nach dem Bedeutungsverlust. Eigentlich nicht, weil die Themen, über die debattiert wurde, unwichtig geworden wären.

DOMRADIO.DE: Diskussionen sind aber natürlich trotzdem immer gut. Sie diskutieren heute Abend mit dem Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz. Was versprechen Sie sich davon?

Christiane Florin: Ich habe schon ein paar Fragen an ihn. Ich habe schon die Frage, wie man, wenn man so lange schon dabei ist und auch schon bei dem ersten Missbrauchsskandal Jahr 2010 dabei war, eigentlich noch in den Spiegel gucken kann.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

(DR)

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