Deutsche Bischofskonferenz verabschiedet Sieben-Punkte-Plan
Deutsche Bischofskonferenz verabschiedet Sieben-Punkte-Plan

27.09.2018

DOMRADIO.DE-Chefredakteur zum Abschluss der DBK-Vollversammlung "Reinen Tisch schaffen"

Das Ausmaß des Missbrauchs durch Geistliche hat die katholischen Bischöfe tief erschüttert. Zum Abschluss ihrer Herbst-Vollversammlung haben sie einen Sieben-Punkte-Plan verabschiedet. Doch jede Diözese muss nun alleine weitergehen, so DOMRADIO.DE-Chefredakteur Ingo Brüggenjürgen.

DOMRADIO.DE: War die Betroffenheit der Bischöfe über die Ergebnisse der MGH-Studie glaubwürdig?

Ingo Brüggenjürgen (DOMRADIO.DE-Chefredakteur): Das kann man wohl sagen. Mit großer Ernsthaftigkeit haben sie sich den Themen gewidmet, das hat Kardinal Marx auch in der Abschlusspressekonferenz gerade nochmal deutlich gemacht. Mit Ernsthaftigkeit und mit einer großen Betroffenheit wurden diese Straftaten, die ja über Jahre gingen, zur Kenntnis genommen. Dieses Ausmaß hatte sich wohl der ein oder andere Bischof doch nicht vorstellen können. Und nun haben sie ja auch schwarz auf weiß, dass es sich nicht um das Vergehen von einzelnen schwarzen Schafen handelt, sondern es handelt sich um ein systemisches Versagen. Das System Kirche hat hier versagt. Sich das einzugestehen, war für einige Bischöfe sichtlich nicht einfach.

DOMRADIO.DE: Kardinal Marx hat nun ein Papier vorgestellt mit konkreten Empfehlungen für die Zukunft. Was sind das für Empfehlungen?

Brüggenjürgen: Es ist ein Sieben-Punkte-Plan, den die deutschen Bischöfe vorgelegt haben. Der läuft unter "Erklärung der deutschen Bischöfe zu den Ergebnissen der Studie des sexuellen Missbrauchs". Und das ganz Entscheidende ist der erste Satz: "Wir werden diesen Bericht, diese Studie, als Grundlage unseres weiteren Handelns nehmen." Das heißt, die Dinge, die die Wissenschaftler den Bischöfen ins Stammbuch geschrieben haben - und das waren ja eine ganze Reihe von Empfehlungen - wird man jetzt nach und nach abarbeiten. Jedenfalls hat man diese Absicht hier bekundet.

Und da sind auch eine Reihe von Punkten benannt. Man kann sich zum Beispiel verwundert die Augen reiben, aber die Bischöfe wollen sich jetzt mit den Betroffenen wirklich treffen. Natürlich hat es einzelne Treffen mit Opfern schon gegeben, aber jetzt möchte man diesen Dialog intensivieren. Man möchte zum Beispiel eine einheitliche Aktenführung hinbekommen - auch das ein Manko in allen Diözesen. Es wird auch eine zentrale und unabhängige Anlaufstelle geben. Eigentlich sahen die Richtlinien von 2000 ja schon externe Ansprechpartner vor. Aber die Wissenschaftler haben festgestellt, das ist nicht in allen 27 Bistümern erfolgt. Da gibt es also noch Defizite.

DOMRADIO.DE: Die Bischöfe mussten sich auch die Frage gefallen lassen, warum bestimmte Dinge erst jetzt angegangen werden. Schließlich ist seit 2002 bekannt, dass es massiven Missbrauch in der katholischen Kirche gegeben hat und wohl auch weiterhin gibt. Warum hat es in Deutschland so lange gedauert, bis man dann tätig wurde?

Brüggenjürgen: Die Bischöfe haben deutlich gemacht, dass es ein Lernprozess sei. Sie hätten nun dazugelernt. Jetzt mag man über das Lerntempo streiten. 2002 wurden die ersten Fälle bekannt, 2010 hat man sich die Richtlinien gegeben. Vor vier Jahren hat man dann die Studie in Auftrag gegeben. Jetzt ist die Studie im Jahr 2018 vorgestellt worden. Das ist in der Tat ein kirchliches Tempo, das man kritisieren kann.

DOMRADIO.DE: Kardinal Marx sagte auch, es dürfe keine Tabus geben, über alles müsse geredet werden. Reden ist ja schön und gut, was ist aber, wenn für einige Themen - beispielsweise  Zölibat oder Frauenpriestertum - gilt, dass sie in der Kirche unverhandelbar sind. Was nutzt denn da das Reden?

Brüggenjürgen: Das ist ein Grundproblem, dass einige der Empfehlungen der Wissenschaftler den Markenkern der Kirche betreffen. Hier hat Kardinal Marx sich nicht weit aus dem Fenster gelegt. Er hat allerdings deutlich gemacht, dass jetzt wirklich über alles geredet werden muss. Wenn die Sexuallehre der Kirche, die Homophobie oder auch der Zölibat wirklich Punkte sind, die zwar nicht jeder für sich zwangsläufig zum Missbrauch führen, die aber in der Summe, Konstellationen bieten, die das Risiko deutlich erhöhen. Dann muss man sich hier sicherlich auf den Weg machen. Die Bischöfe haben gesagt, sie wollten das diesmal nicht alleine tun. Sie wollen das im Dialog mit den Betroffenen, mit den Gemeinden und auch mit externen Wissenschaftlern machen.

DOMRADIO.DE: Die Herbstvollversammlung ist jetzt zu Ende gegangen. Die Bischöfe gehen zurück in ihre eigenen Bistümer. Und da macht dann jeder Bischof, was er für richtig hält. Ein einheitliches Handeln der katholischen Kirche wird es nicht geben. Ist das nicht ein großes Problem?

Brüggenjürgen: Das ist das große Problem bei den Bischöfen, dass man natürlich feststellen muss, dass es 27 Diözesen gibt und dort ist jeder selber verantwortlich. Das ist eben auch das Manko des Vorsitzenden der Bischofskonferenz, der dann immer die Lösung verkaufen muss. Das gilt auch für den Missbrauchsbeauftragten der Deutschen Bischofskonferenz. Jeder Bischof ist jetzt auf gefordert, in seinem Bistum die nötigen Schritte einzuleiten. Man möchte das von unabhängiger Seite aufarbeiten lassen. Insofern ist man hier vielleicht einen Schritt weiter. Aber ob jetzt alle 27 Diözesen das wirklich mit der gleichen Ernsthaftigkeit angehen, das ist die ganz große Frage. Auch die Leitlinien, die man sich 2010 gegeben hatte, sind eben nicht alle umgesetzt worden.

DOMRADIO.DE: Ist denn die Kirche auf dem richtigen Weg?

Brüggenjürgen: Ich hoffe, dass alle Bischöfe das verstanden haben. Ich hätte mir sicherlich auch gewünscht, dass dieser Sieben-Punkte-Plan an der ein oder anderen Stelle ein wenig verbindlicher ist. Ein Kollege sagte eben, das sei doch alles ziemlich "Wischiwaschi". Man kann dem nicht widersprechen. Es sind viele Punkte sehr vage formuliert. Die Bischöfe haben aber auch gesagt, das ginge gar nicht anders, weil rechtliche Dinge berücksichtigt werden und viele Verfahrensfragen geklärt werden müssen. Ich hoffe, dass die Bischöfe verstanden haben, und dass sie jetzt nicht nur diese Absichtserklärung in den Raum stellen, sondern dass sie jetzt auch wirklich tatkräftig handeln. Das Vertrauen ist so stark zerstört.

DOMRADIO.DE: Blicken wir noch kurz auf das Erzbistum Köln. Wie sieht es da aus? Ist das Erzbistum Köln in dieser Krise gut gerüstet?

Brüggenjürgen: Der Erzbischof von Köln hat ja bereits vor dem Treffen deutlich gemacht, dass er sich der Aufarbeitung stellt. Er hat erkannt, dass es ein "weiter so" nicht geben kann, und dass man jetzt wirklich reinen Tisch machen muss. Jetzt muss man schonungslos aufklären. Das wird nicht nur in Köln vielleicht zu einigen, dunklen und bösen Überraschungen führen. Aber da kommt man nicht umhin. Wenn man nach vorne schauen will, muss man jetzt auch ‚Ross und Reiter‘ benennen. Wenn Akten vernichtet worden sind, muss geklärt werden, wer dafür verantwortlich ist. Es kann nicht sein, dass Täter weiter ihren priesterlichen Dienst ausüben. Hier muss man endgültig reinen Tisch schaffen.

(DR)

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