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Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK)
Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK)

27.09.2017

Klimawandelforscher appelliert an Deutsche Bischofskonferenz "Ruck durch die Reihen der Bischöfe"

Der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und päpstliche Berater, Hans Joachim Schellnhuber fordert im domradio.de-Interview die Mitglieder der Deutschen Bischofskonferenz auf, ihre Stimme zu erheben.

domradio.de: Sie haben den Bischöfen heute mit auf den Weg gegeben: Drei bis fünf Jahre bleiben uns noch, um das Ruder beim Thema Klimaschutz herumzureißen. Hat die Kirche das verstanden?

Prof. DDr. Hans Joachim Schellnhuber (Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung): Zu dem Zeitpunkt, als "Laudato si" geschrieben wurde, war noch nicht in dieser absoluten Deutlichkeit klar, wie klein das Zeitfenster ist. Aber die Päpstliche Akademie wird jetzt im November wieder ein Symposium zu dem Thema haben und ich denke, es wird auch in diesem Fall wieder ein Treffen mit dem Papst geben.

Es ist so, dass viele Menschen, die ich im Vatikan und in der Kirche kenne, sich der Dramatik bewusst sind. Ich habe heute Morgen hier einen Vortrag zu dem Thema gehalten und ich glaube auch da ging schon noch einmal ein Ruck durch die Versammlung und durch die Reihen der Bischöfe. Die Dramatik ist jetzt wirklich mit Händen zu greifen.

Ich muss aber noch dazu sagen: Wir haben drei bis fünf Jahre um die Trendwende zu schaffen. Dann müssen wir die Emissionen steil herunterfahren. Das ist dann eine Aufgabe der nächsten drei Jahrzehnte. Aber wenn wir den Einstieg nicht rechtzeitig schaffen, dann wird es nicht mehr möglich sein, weil dann die Emissionsreduktionen so steil sein würden, dass das keine Volkswirtschaft der Welt verkraften würde.

Die Tür fällt jetzt so langsam zu, ist noch einen Spalt offen und jetzt muss ich den Fuß reinschieben. Wenn ich den Fuß drin habe, dann kann ich die Tür wieder aufstemmen. Wenn sie ins Schloss gefallen ist, dann kann keine Macht der Welt sie wieder öffnen. Das ist die Logik dahinter.

domradio.de: Ihr Kollege am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, Prof. Dr. Edenhofer, hat gesagt, die Kirche bleibt weit hinter dem zurück, was Papst Franziskus in seiner Enzyklika fordert. Stimmen Sie dem zu?

Schellnhuber: Ich glaube es ist ein gemischtes Bild. Es gibt sehr wohl fortschrittliche Kirchen auf der Welt. Ich glaube, dass auch hier in Deutschland Kardinal Marx die Sache mit großem Eifer voranreibt. Ich würde sagen: Viele, große Teile der Kirche bleiben zurück hinter der Forderung von Franziskus, aber das ist auch kein Wunder. Es gibt immer einen Verzögerungseffekt.

Es ist so, dass eine Lehrschrift und ein Rundschreiben erst einmal mit großem "Hallo" wahrgenommen wird. Dann wird es an Kommissionen delegiert. Dann gibt es Arbeitskreise. Dann verschwindet es zunächst wieder. Aber bei dieser Lehrschrift glaube ich: Sie wird immer wiederkehren und eigentlich wird die Botschaft mit immer größerer Wucht wiederkehren, weil eben die Klimaveränderungen so überdeutlich sind.

Mit jedem Hurrikan, mit jeder Flutkatastrophe, mit jeder Dürre irgendwo auf der Welt wird deutlich: Ja, das gemeinsame Haus ist bedroht und es wird einstürzen. Insofern, ja, es sollte schneller gehen aber gleichzeitig bin ich eher ermutigt dadurch, dass eben eine große Weltkirche, nämlich die Katholische, sich die Bewahrung der Schöpfung so explizit auf die Fahnen geschrieben hat. Ich würde mir hoffen, dass die islamische Glaubensgemeinschaft ähnlich reden würde. Die könnte ja mal eine Fatwa erlassen.

domradio.de: Die Weltklimakonferenz in Bonn (COP23) steht vor der Tür. Kann die Kirche da auch Akzente setzen und vielleicht ein bisschen Druck ausüben?

Schellnhuber: Ja, ich glaube absolut. Ich denke, gerade in Deutschland. Deutschland fällt nämlich hinter seine Klimaambitionen zurück. Wir werden unsere Klimaziele für 2020 verfehlen, wenn nicht die neue Regierung, zum Beispiel bei der Kohleverstromung, einen ganz neuen Weg einschlägt.

Die reichen Länder, die auch die größten Emissionen haben – Deutschland, Frankreich, Großbritannien China und die USA natürlich – müssen jetzt Farbe bekennen und vor allem muss Europa Farbe bekennen. Das ist ganz klar. Ich denke schon, dass ein Ruf aus Rom da wichtig sein könnte. Aber ich glaube, dass gerade auch die Deutsche Bischofskonferenz gefordert ist, ihre Stimme zu erheben. Ein Zwischenruf zur deutschen Klimapolitik ist dringend fällig.

domradio.de: Machen wir es an der Praxis fest. Sie betonen immer wieder, dass das Thema Energie sehr wichtig ist in dieser Frage - wir müssen die Energiewende schaffen und weg von der Kohle. Würden Sie sagen, die Kirche muss sich das Thema Divestment (Abzug von Investitionen, die dem Klima Schaden zufügen) mehr auf die Fahnen schreiben?

Schellnhuber: Ja, unbedingt. Ich habe das auch so angesprochen und jetzt auch wiederholt. Das kommt auch aus der Bischofskonferenz selbst. Da gibt es Stimmen. Ich glaube, manche haben das Thema noch nicht so richtig wahrgenommen. Aber es ist klar: Wenn ich selber auch ein ökonomischer Faktor bin, dann versteht es sich von selbst, dass man ethisch investiert.

Ich kann nicht anderen vorhalten, dass sie sündig sind, wenn ich mich selbst an den eigenen Grundsätzen messe. Divestment wäre eine Möglichkeit. Selbst wenn es diese Bewegung nicht gäbe, muss ich natürlich fragen: Will ich Geld damit verdienen, dass Kinder ausgebeutet werden, dass Blut am Geld klebt, dass damit die Umwelt zerstört wird? Die Antwort ist natürlich: Nein.

Ich glaube es wird so geschehen, man muss nur erst einmal Rechenschaft ablegen, was man überhaupt tut. Ich glaube, die meisten wissen gar nicht, was mit ihrem Geld geschieht. Das gilt übrigens nicht nur für die Kirchen.

Das Interview führte Jann-Jakob Loos.

(dr)

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