Sr. Karin Knötig im Gespräch mit Timm Giesbers
Sr. Karin Knötig im Gespräch mit Timm Giesbers
Gott im Abseits: Schwester Karin und Timm Giesbers
Gott im Abseits: Schwester Karin und Timm Giesbers

10.09.2017

Der Journalist und die Ordensfrau entdecken "Gott im Abseits" "Zwei Welten aufeinander geprallt"

Kirchenferner Journalist trifft auf gläubige Ordensfrau: Timm Giesbers hat Sr. Karin Knötig eine Woche lang bei der Arbeit begleitet. "Anstrengend war es, aber wir haben uns gefunden", sagten beide im domradio.de-Interview.

domradio.de: "Gott im Abseits" heißt das Nachfolgeprojekt von "Valerie und der Priester". Was bedeutet der Titel?

Timm Giesbers (Journalist): Es geht in dem Projekt darum, da hinzugehen, wo man Gott im ersten Moment nicht vermutet; nämlich zum Beispiel bei Menschen am Rande der Gesellschaft. Die Missionsärztlichen Schwestern kümmern sich um Obdachlose und Flüchtlinge in Frankfurt. 

domradio.de: Sie haben Schwester Karin bei der Arbeit in Frankfurt geholfen. Was war das für ein Erlebnis für Sie beide?

Giesbers: Es war ein sehr vielseitiges Erlebnis. Ich konnte in viele Bereiche schauen, die Woche war sehr abwechslungsreich. Die Arbeit war aber auch sehr fordernd und anstrengend, weil ich diese Art von Arbeit nicht gewöhnt bin. Vor allem werde ich in meinem Alltag nicht jeden Tag mit solchen Schicksalenkonfrontiert. Ich musste für mich einen Weg finden, alles zu verarbeiten und einzuordnen. 

Schwester Karin Knötig (Missionsärztliche Schwestern): Für mich war es sehr interessante Erfahrung. Grundsätzlich bin ich es gewohnt, dass Auszubildende in der Straßenambulanz mitlaufen. Die Arbeit mit einem Journalisten als fachfremde Person war auch für mich anders. Wir sind aber gut ins Gespräch gekommen über unsere Arbeit. 

domradio.de: Schwester Karin, Sie arbeiten nach dem Leitwort: "In jedem Menschen sieht man das Antlitz Gottes". Wie setzen Sie das in die Tat um?

Schwester Karin: Das ist unsere Spiritualität, dass wir an die Ränder gehen und dort präsent sind. Dort finden wir die Wunden unserer Gesellschaft, deswegen sind wir in der Obdachlosenarbeit. Man könnte die Arbeit einfach so machen: die Menschen besuchen, ansprechen, ihnen helfen. Ich kann aber auch schauen, was die Arbeit mit mir macht. Wenn ich von dem Grundsatz ausgehe: In jedem Menschen, den ich treffe, treffe ich auch Gott - dann muss ich mich fragen: Was hat Gott mir zu sagen? Es verändert mein Gottesbild. Es ist kein Gott, der im Himmel mit dem Zeigefinger runterwinkt. Es ist ein menschlicher Gott, der mir viel näher und sympathischer ist. Darauf kann ich mich einlassen, da bewegt sich auch in mir wieder etwas Menschliches. 

domradio.de: Herr Giesbers, Sie haben nicht mehr viel mit der Kirche zu tun. Sie sind getauft und konfirmiert. Haben Sie Vorurteile und Berührungsängste gehabt?

Giesbers: Ich bin nicht gläubig. Ich habe keinen Bezug zur Kirche und gehe auch nicht in den Gottesdienst. Ich bin vor allem neugierig. In meinem ersten Artikel habe ich meinen Standpunkt zur Kirche verdeutlicht: Wie stehe ich zur Kirche und zum Glauben? Das gab auch etwas Kritik, aber für mich war die Transparenz wichtig. Die Leser können es nun besser einordnen und vielleicht nachempfinden. Das war wichtiger für mich, als dass ich geschrieben hätte, ich bin vorurteilsfrei. Niemand ist ohne Vorurteile und jeder hat eine Haltung zum Glaube und zur Kirche.

domradio.de: Wie ist denn Ihr Standpunkt jetzt?

Giesbers: Für mich ist es eine Herausforderung zu sehen, warum Menschen glauben. Und weiter: Wie kann der Glaube dann zum Lebensinhalt werden? Wie kann mich der Glaube so tief berühren, dass ich daraus meine Leben entwickle, wie bei den Schwestern zum Beispiel. Das finde ich spannend.

domradio.de: Hat sich durch die Erfahrungen Ihr Bild von Kirche geändert?

Giesbers: Mein Glaube hat sich nicht geändert. Ich denke auch nicht, dass ich das innerhalb einer Woche ändern kann. Sowas formt sich über eine längere Zeit. Aber mein Bild von Kirche hat sich schon geändert. Ich habe sehr viel dazu gelernt, gerade über die katholische Kirche. Wenn überhaupt, dann bin ich protestantisch aufgewachsen. Ich habe ganz allgemeine Dinge gelernt: Hierarchien, Abläufe und Entscheidungsträger. Aber auch, dass nicht nur Priester und Kardinäle etwas zu sagen haben, sondern es ganz viele unterschiedliche Meinungen gibt. Ich habe wahrgenommen, dass viel diskutiert wird und es nicht nur eine Meinung gibt.  

domradio.de: Welche Reaktionen kommen auf Sie zu?

Giesbers: Die Idee dahinter war, offen zu sein für Fragen, die währenddessen kommen. Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich: "Toll, dass ihr einen Blick auf die Schwestern und die Arbeit am Rand der Gesellschaft werft." Aber auch: "Wieso schickt man jemand 'Ahnungslosen' in diese Art von Arbeit?!" Die positiven Reaktionen überwiegen aber und ich bin sehr froh, dass ein Licht auf die Arbeit der Schwestern in Frankfurt geworfen wird. 

domradio.de: Können Sie die Erkentnisse, die Sie beide gewonnen haben, zusammenfassen?

Sr. Karin: Am Anfang sind zwei Welten aufeinander geprallt. Wir haben uns zusammen gefunden und hätten nach der Woche richtig loslegen können. 

Giesbers: Für mich hat sich eine neue Welt aufgemacht: eine Welt von Menschen, die glauben. Dahingehend gibt es in der katholischen Kirche eine große Vielfalt. 

Das Gespräch führte Renardo Schlegelmilch.

(dr)

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