Papst Franziskus und Kardinal Marx beim Ad-Limina-Besuch
Papst Franziskus und Kardinal Marx beim Ad-Limina-Besuch

01.01.2016

Die Jahresbilanz des Münchner Kardinals Reinhard Marx "Der Papst macht, was er für richtig hält"

Familiensynode, Vatileaks 2, neues Arbeitsrecht, Flüchtlingswelle - die katholische Kirche blickt auf ein bewegtes Jahr zurück. Im Interview zieht Kardinal Reinhard Marx Bilanz und blickt auf das neue Jahr.

KNA: Herr Kardinal, manche sprechen bei 2015 von einem Epochenjahr, einer Zeitenwende gar. Können Sie damit etwas anfangen?

Kardinal Reinhard Marx (Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz): Ich bin mit solchen Formulierungen vorsichtig. Das Jahr war turbulent. Viele Ereignisse haben uns betroffen gemacht, wenn ich nur an den Terrorismus und die Flüchtlinge denke. Da merken wir, es tut sich etwas, das langfristig Folgen haben wird, auch wenn wir sie noch nicht genau absehen. Aus der Geschichte lernen wir, dass die langfristigen Folgen nicht immer im Blick waren: Was auch vom Westen aus im Nahen und Mittleren Osten im letzten Jahrhundert durch Ausbeutung und falsche politische Entscheidungen angerichtet wurde, hat bis heute verheerende Auswirkungen. Es ist oft so: Die Folgen politischen und wirtschaftlichen Handelns müssen dann die späteren Generationen ertragen. So ist es ja auch beim Klimawandel.

KNA: In der Flüchtlingspolitik haben sich die Kirchen klar auf die Seite der Bundeskanzlerin gestellt. War diese Positionierung für Sie alternativlos?

Kardinal Marx: Uns ging es um die Frage, welche Politik aus einer ethisch begründeten, christlich inspirierten Position zu verantworten ist. Wer in Not zu uns kommt, dem müssen wir helfen, ein schnelles und faires Asylverfahren ermöglichen, und wer aus bestimmten Gründen nicht bei uns bleiben kann, muss auch menschenwürdig behandelt werden, wenn er zurückgeführt wird. Und es muss klar sein, dass unsere Verantwortung für diese Menschen sich damit nicht einfach erledigt.

KNA: 2015 hat den Kirchen zwei Rekorde beschert - bei den Austritten und der Kirchensteuer. Ist dieser Spagat ein Problem?

Kardinal Marx: Nicht die Höhe der Einnahmen ist das Problem, sondern die Frage, ob wir vermitteln können, dass mit diesem Geld der Gläubigen auch das getan wird, wozu Kirche da ist: den Armen zu helfen, die Evangelisierung voranzutreiben, unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ein Auskommen zu ermöglichen. Wir werden die Politik der Transparenz fortsetzen und deutlich machen, dass wir diese Zielrichtung im Auge behalten.

KNA: Welche Fortschritte hat 2015 für die katholische Kirche gebracht?

Kardinal Marx: Für Deutschland kann ich sagen: Wir sind einen durchaus guten Weg miteinander gegangen, etwa im Dialogprozess, der im September einen vorläufigen Abschluss gefunden hat. Als der Papst zum Jubiläum der Bischofssynode gesagt hat, wie wichtig es ist, dass in der Kirche viel miteinander gesprochen wird, auch wenn es mühsam ist, dass Gremien da sind, Laien in der Mitverantwortung, habe ich beim Zuhören gedacht, das ist bei uns vielfach verwirklicht. Da sind wir vielleicht sogar Vorreiter. Das Engagement der Laien in unseren Pfarreien und Verbänden ist schon großartig. Ich sehe etwa mit Freude den großen Einsatz für Flüchtlinge. Pfarreien haben entdeckt, dass sie für ihre ganze Kommune Kristallisationspunkte sein können, wo sich auch Leute treffen, die gar nicht so eng mit der Kirche verbunden sind. Sie haben neu gelernt, wozu Kirche auch da ist. 

KNA: Vor der Familiensynode und bei der Reform des kirchlichen Arbeitsrechts gab es in der Deutschen Bischofskonferenz zweimal Mehrheitsentscheidungen. Ist das der neue Stil in einem Gremium, das zuvor auf maximale Geschlossenheit bedacht war?

Kardinal Marx: Naja, zwei Drittel ist schon eine Menge für eine normale Gemeinschaft, das gilt für die Synode, für die Papstwahl sogar. Einstimmigkeit ist nach den Statuten der Bischofskonferenz etwa dann notwendig, wenn es um lehramtliche Aussagen oder finanzielle Entscheidungen geht, sonst nicht. Das ist synodales Denken. Es geht um Einmütigkeit, nicht um Einstimmigkeit!

KNA: Papst Franziskus begeistert weiterhin die Massen ? zugleich häufen sich Indiskretionen, scheint auch die interne Kritik an ihm gerade in Rom zuzunehmen. Hat er den Laden noch im Griff?

Kardinal Marx: Was Franziskus in Gang bringt, ist auch ein großer Kulturwandel, und der braucht seine Zeit. Das ist bei allen großen Organisationen so. Die Skandale sind ein Zeichen der Unsicherheit und verschiedener Interessen. Vertrauensbruch ist schlimm, wichtiger ist: Stimmen die Informationen? Und wie handeln wir, wenn sich aus ihnen ergibt, dass etwas nicht so bleiben kann? Manche denken, die Reformen müssten noch schneller gehen. Ich habe im Vatikan Geduld gelernt, auch wenn ich sonst gelegentlich zur Ungeduld neige.

KNA: Zum Jahresende zieht Deutschland wieder in einen Krieg. Ist das richtig?

Kardinal Marx: Krieg ist immer eine Niederlage der Menschheit, so hat Johannes Paul II. gesagt. Aus Sicht der christlichen Friedensethik kann ein begrenzter, auf Verteidigung zielender militärischer Einsatz gerechtfertigt sein, wenn zuvor alle gewaltlosen Mittel ausgeschöpft wurden, um die Quelle der Bedrohung zu beseitigen, und wenn ein Konzept zur langfristigen Friedenssicherung erkennbar ist. Im aktuellen Fall bin ich skeptisch. Der Terrorismus ist ein schwieriger, kaum zu fassender Gegner. Das Ganze ist ein schwer zu entwirrendes Knäuel von Interessen - politischen, religiösen und finanziellen. Russland, Saudi-Arabien, PKK, Europa, die USA, Iran, alle in einer Koalition verbunden; da kommt man doch ins Nachdenken, ob das gutgehen kann. Durch Waffen wird das Problem jedenfalls nicht nachhaltig gelöst. Einen wirklichen Friedensplan erkenne ich bis jetzt noch nicht.

KNA: Letzte Frage. Kommt der Papst 2016 nach Deutschland?

Kardinal Marx (lacht): Ich weiß es nicht. Wenn wir eines in den letzten zweieinhalb Jahren gelernt haben, dann dieses: Er macht, was er für richtig hält.

 

(KNA)