Kardinal Marx beim St. Michael-Jahresempfang
Kardinal Marx beim St. Michael-Jahresempfang
Bundeskanzlerin Merkel und Kardinal Marx
Bundeskanzlerin Merkel und Kardinal Marx

09.09.2015

Kardinal Marx beim St. Michael-Jahresempfang "Europa darf keine Insel des Wohlstands werden"

Reinhard Kardinal Marx hat die Wiedervereinigung Deutschlands vor 25 Jahren als großes Geschenk bezeichnet, das sich gleichzeitig in Europa weiter entwickeln müsse. Das sagte der DBK-Vorsitzende am Dienstagabend beim St. Michael-Jahresempfang.

Bei dem Jahresempfang auf Einladung des Leiters des Kommissariats der deutschen Bischöfe, Prälat Dr. Karl Jüsten, betonte Kardinal Marx, dass mit der Wiedervereinigung viele Bilder und Hoffnungen erfüllt worden seien: "Wir stehen aber in einer neuen Situation. Weil die Situation innerhalb Europas prekärer und spannungsvoller wird, müssen wir uns diesen Herausforderungen stellen." Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) sprach vor mehr als 800 Gästen - unter ihnen Bundestagspräsident Norbert Lammert, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Vizekanzler Sigmar Gabriel - zum Thema "Beten - Denken - Arbeiten: Eine Ermutigung zur Politik".

An den europäischen Grenzen habe sich eine prekäre Situation entwickelt. "Wer hätte vor 25 Jahren gedacht, dass Europa an seinen Grenzen solche Unruhe und Unsicherheit, ja so große Fragen erleben würde? Niemand kann sagen, wie eine positive Entwicklung in den nächsten Jahren aussieht. Wie kann Entwicklung in den Ländern wie der Ukraine, dem Nahen Osten oder auf dem Balkan vorangehen", fragte Kardinal Marx. Dabei warnte er davor, die Probleme kleinzureden: "Europa darf keine Insel des Wohlstands werden. In der Flüchtlingskrise muss sich Europa beweisen und zeigen, was seine 'Signatur' ist und was seine Identität ausmacht."

"Einheit zur Menschheitsfamilie vollenden"

Die Aufgabe von Politik und Gesellschaft und auch der Kirchen sei es, Spannungen und Misstrauen in Europa zu überwinden. "25 Jahre nach der Einheit ist es unsere gemeinsame Aufgabe, diese Einheit zu vollenden - in Europa und der Welt, eine Einheit zur einen Menschheitsfamilie", so Kardinal Marx. Eine solche Menschheitsfamilie müsse auch die Interessen der Armen berücksichtigen: "Im Wohlstand voranschreiten, ohne an die Armen der Welt zu denken, ist fatal. Die Bilder der letzten Wochen waren von besonderer Dichte. Sie sind ein Abbild dessen, vor welchen Herausforderungen wir auch 25 Jahre nach dem Fall der Mauer stehen", betonte Kardinal Marx. Mit Blick auf den jüngsten Koalitionsgipfel am vergangenen Sonntag sagte er: "Ich bin der Bundeskanzlerin und allen Beteiligten dankbar, dass Sie mit ihren Entscheidungen zur Flüchtlingsfrage ein Zeichen in unserem Land und Europa gesetzt haben. Das war wichtig für uns alle!"

Europa brauche eine Zukunftsperspektive, so Kardinal Marx. Diese müsse getragen sein von den europäischen Prinzipien, insbesondere von der Verteidigung der Freiheit: "Wenn wir Flüchtlingen nicht helfen, wäre das ein Angriff auf die Identität Europas. Für uns als Kirchen, katholisch wie evangelisch, hat es oberste Priorität, dass niemand an den europäischen Grenzen ertrinkt oder erstickt. Europa braucht gemeinsame Standards, die klar definiert sind. In Deutschland, ja in allen Ländern der Europäischen Union muss klar sein, dass jede Person menschenwürdig behandelt wird und ein faires Verfahren erhält. Dieses Minimum an Standards sollten wir gemeinsam durchsetzen, darauf muss sich Europa verständigen, auch wenn die Ursachen der Migration damit nicht geklärt sind", betonte Kardinal Marx.

Die Debatte um Migration sei eine globale Herausforderung, die mit der Frage einhergehe, wie sich die Welt insgesamt entwickle. "Wenn es keinen Weg gibt, die globalen nachhaltigen Entwicklungsziele voranzubringen, werden die Integrationsströme noch größer. Die globale Entwicklung muss eine neue Fortschrittsidee werden, die die Armen mit einbezieht. Das ist die große Melodie der Enzyklika 'Laudato si' von Papst Franziskus. Er schaltet sich in die aktuellen Debatten ein und fragt und regt an, wie die Welt weiter auf Fortschritt ausgerichtet sein kann, wie die Ursachen von Armut angegangen werden. Es braucht ein umfassendes Bild von Wachstum und Fortschritt, das ist die Intention des Papstes in der Enzyklika", so Kardinal Marx.

(DBK)