Otto Georgens
Otto Georgens

Weihbischof Otto Georgens ist Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für die Seelsorge der Menschen mit Behinderung. Im domradio.de-Interview spricht er über den Stand der Inklusion in Deutschland. Anlass ist der Internationale Tag der Menschen mit Behinderungen.

Seelsorge für Menschen mit Behinderung
Gegenseitiges Geben

03.12.2014

Weihbischof Georgens für mehr Teilhabe von Menschen mit Behinderung Die Barriere im Kopf abreißen

Bei der Teilhabe von Menschen mit Behinderung sieht Weihbischof Georgens noch Nachholbedarf. Dabei gehe es um mehr als den Abbau physischer Barrieren. Georgens hat einen Bruder mit Behinderung, von ihm habe er viel gelernt.

domradio.de: Der Tag macht auf die Situation von Menschen mit Behinderung aufmerksam. Eingeführt 1993 von den Vereinten Nationen. Wie wichtig ist auch 2014 noch so ein Tag?

Weihbischof Georgens: Ich denke, es ist nach wie vor wichtig, dass das Anliegen der Inklusion speziell in der Gesellschaft immer wieder vermittelt wird. Der Internationale Tag der Menschen mit Behinderung ist keine Erfindung der Kirchen, es geht von den Vereinten Nationen aus, aber wir als Kirche machen uns das Anliegen zu Eigen. Es geht eben um die Teilhabe, die gesellschaftliche Teilhabe aller Menschen. Ziel muss es sein, allen Menschen - eben gleichgültig, ob sie jetzt eine Behinderung haben, mit einer Einschränkung leben müssen oder als sogenannte Normale - dass sie teilhaben und sie haben uns auch etwas zu geben.

domradio.de: Inklusion, das wird von der Politik immer als das zu verwirklichende Ziel schlechthin ausgegeben. Wie weit sehen Sie die deutsche Gesellschaft auf diesem Weg?

Weihbischof Georgens: Ich denke wir haben noch ein großes Stück vor uns. Es ist schon einiges geschehen, das Thema wird diskutiert, auch in den einzelnen Bundesländern. Es gibt Bundesländer, die schon sehr weit sind, aber es gibt immer noch Nachholbedarf.

domradio.de: Woran kann ein nichtbehinderter Mensch erkennen, dass sich etwas in Sachen Inklusion bewegt?

Weihbischof Georgens: Man kann es vielleicht sehen an barrierefreien Zugängen an Häusern, an öffentlichen Gebäuden, oft sind ja Menschen, die mit einem Rollstuhl davor stehen, behindert ein Gebäude zu betreten oder überhaupt zu einer Veranstaltung zu kommen oder ein Amt zu besuchen. Da ist schon einiges passiert, auch bei uns im kirchlichen Bereich.

domradio.de: Inwieweit ist die Kirche auch Vorreiter bei der Inklusion?

Weihbischof Georgens: Gut es gibt gelungene Beispiele, wenn ich jetzt zum Beispiel an unseren Dom in Speyer denke. Wir haben ein Seitenportal so eingerichtet, dass auch Menschen mit Behinderung ohne Schwierigkeiten, ohne Barrieren da eintreten können. Das ist auch ein wichtiges Zeichen, dass wir uns als Kirche dem Anliegen nicht verschließen.

domradio.de: Sie haben dazu aufgerufen, dass alle Menschen ihre Barrieren in den Köpfen abbauen. Was versprechen Sie sich von Ihrem Aufruf?

Weihbischof Georgens: Ich denke, es geht letztlich um eine Änderung in unserem Bewusstsein, es geht um eine Änderung unserer Mentalität, dass eben Menschen mit Behinderung auch zu uns gehören und dass wir Ihnen die Teilhabe ermöglichen. Ich habe einen Bruder, der in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderungen lebt. Ich habe sehr viel auch von ihm gelernt, muss ich sagen. Ich wäre sicher nicht der geworden, der ich geworden bin ohne meinen Bruder. Ich denke, es geht nicht nur darum, Menschen zu integrieren in unserer Gesellschaft, sondern es geht um mehr, es geht um Teilhabe und vor allen Dingen auch um die Sichtweise und dass Menschen mit Behinderungen uns auch etwas geben können.

Das Interview führte Daniel Hauser.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Weder domradio.de noch das Erzbistum Köln machen sich Äußerungen der Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen zu eigen.

(dr)