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Offene Bibel mit Kreuz

18.02.2021

Neues Buch über Sex in der Bibel Die Heilige Schrift ist nicht prüde

Die Bibel ist nicht prüde. Sie redet erstaunlich offen und ohne rot zu werden über Sex. Und zwar in allen Facetten, wie ein Streifzug durch das Buch der Bücher zeigt. Vieles klingt dabei für heutige Bibelleser befremdlich.

Sex und Bibel - das geht gar nicht? Im Gegenteil, schreibt der Aachener Bibelwissenschaftler Simone Paganini. In der Bibel wird oft und sehr offen über Sex geschrieben. Das Hohelied der Liebe besingt Brüste und Schäferstündchen sogar derart explizit, dass die christlichen Kirchenväter überlegten, ob dieses Kapitel gestrichen werden sollte. Sie deuteten die Erotik dann allegorisch - als Bild für die Liebe Gottes zu seiner Kirche.

Paganini lüftet in seinem locker geschriebenen neuen Buch "Unzensiert. Was Sie schon immer über Sex in der Bibel wissen wollten, aber nie zu fragen wagten" so manches erotische Geheimnis. Wer weiß schon, dass sich im Stammbaum von König David und damit auch unter den Vorfahren Jesu gleich zwei Prostituierte finden?

Keinen Sex zu bekommen, ist ein Scheidungsgrund

Das Buch der Bücher berichtet von Homosexualität, Polygamie und Selbstbefriedigung. Es kennt Vielehe, Inzest und Prostitution, sexualisierten Machtmissbrauch und Vergewaltigung. Im Buch der Sprüche werden die weiblichen Genitalorgane gesegnet. Beim Propheten Ezechiel ist ganz unverblümt die Rede von der optimalen Größe des Penis.

Das Buch Deuteronomium schreibt vor, dass ein Jungverheirateter für ein Jahr vom Kriegsdienst entbunden werden soll, um Sex mit seiner Ehefrau zu genießen. Aber auch für die Frauen gilt: Keinen Sex zu bekommen, ist ein Scheidungsgrund. Selbst Gott und seine Engel haben Sex, was für das altorientalische Denken nicht so besonders war.

"Das biblische Menschenbild ist stark von der Geschlechtlichkeit geprägt", schreibt der katholische Bibelwissenschaftler. Eine einheitliche Sexualmoral finde sich aber nicht. Gesetzliche Vorschriften im Alten Testament sind widersprüchlich; viele dienen der Abgrenzung zu benachbarten Völkern. Paganini warnt davor, den Regelungen allgemeine Gültigkeit zuzusprechen. "Sie müssen stets in den zeitlichen und kulturellen Kontext eingeordnet werden."

Vieles klingt für heutige Bibelleser befremdlich. Beim Thema Vergewaltigung etwa steht meist nicht der Schutz der Frau im Vordergrund, sondern die Interessen des Mannes, dem die Frau "gehört". Die Vergewaltigung eines nicht verlobten jungen Mädchens lässt sich dadurch wieder gutmachen, indem der Vergewaltiger sie heiratet.

Inzestuöse Beziehungen sind üblich

Auch das Liebesleben der Erzeltern ist aus heutiger Sicht turbulent: Sarah, die lange keine Kinder gebären kann, drängt Abraham, mit der Sklavin Hagar ein Kind zu zeugen. Inzestuöse Beziehungen sind üblich: Jakob ist gleichzeitig mit den Schwestern Lea und Rachel verheiratet, die auch noch seine Cousinen sind. Jakobs Sohn Juda hat Sex mit seiner Schwiegertochter und ist damit Vater und Opa der Zwillinge aus dieser Beziehung.

Auch Homosexualität ist kein Tabu. Es ist die Lichtgestalt König David, der sich zu seinem Freund Jonatan auf eine Weise hingezogen fühlt, die eine Männerfreundschaft übersteigt. "Homosexualität wird in der Bibel nicht thematisiert oder problematisiert, sie wird schlicht und ergreifend gelebt", schreibt Paganini. Dass sie im Buch Levitikus dann doch verurteilt wird, hängt laut Autor damit zusammen, dass es dabei um sexuelle Demütigung geht.

König David ist es übrigens auch, der die Vielehe vorlebt. Neben mehreren Ehefrauen erfreut er sich an mehr als zehn Nebenfrauen. Doch sein Sohn toppt das Ganze: König Salomo bringt es auf siebenhundert Frauen und dreihundert Nebenfrauen.

Eher zurückhaltend im Neuen Testament

Das Neue Testament ist beim Thema Sex zurückhaltend. Paganini nimmt an, dass Jesus sich wenig zu sexuellen Fragen geäußert hat. Zugleich betont der Bibelwissenschaftler aber, dass die Evangelien sehr wohl von intimen Beziehungen Jesu zu Frauen und Männern berichten, die "für die damalige Leserschaft deutlich als sexuelle Begegnungen wahrnehmbar waren". Jesus spricht allein mit Frauen, selbst wenn sie Single oder Prostituierte sind. Er lässt sich von ihnen berühren und einmal sogar küssen.

Paganini vermutet, dass die Jesusbewegung manche Vorschriften strenger auslegte, als es im Judentum üblich war. "Das liegt daran, dass einige der ersten Jüngerinnen und Jünger Jesu einer wohl besonders strengen Strömung innerhalb des Judentums angehört haben dürften." Insbesondere Paulus predigte Enthaltsamkeit und Keuschheit und stellte damit die Weichen für eine negative Bewertung der Sexualität.

Die heutige kirchliche Sexualmoral geht aus Sicht des Autors nur selten unmittelbar auf biblische Vorschriften zurück. "Noch viel weniger ist sie direkt von Gott gegeben." Viele der Normen gingen vielmehr auf antike Kirchenväter oder mittelalterliche Theologen wie Tertullian, Augustinus oder Thomas von Aquin und deren Bibelauslegung zurück.

Christoph Arens
(KNA)

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