Gemeinsames Lesen in der Bibel
Gemeinsames Lesen in der Bibel

30.10.2018

Neue Bibelübersetzung ab Advent in allen Gottesdiensten "Kein fliegender Teppich"

Im Jahr 2016 haben die beiden großen Kirchen ihre neuen Bibelübersetzungen vorgestellt. Jetzt ist auch das liturgische Buch für die katholischen Gottesdienste geändert. Die Texte halten ab dem ersten Adventswochenende Einzug in die Messen.

KNA: Worauf müssen sich Besucher katholischer Gottesdienste ab dem ersten Adventswochenende einstellen?

Katrin Brockmöller (Direktorin des Katholischen Bibelwerks): Auf sehr behutsame Änderungen. Die meisten Texte wurden nur in Nuancen überarbeitet. Das werden vor allem diejenigen hören, denen die Bibel sehr vertraut ist. Insgesamt wurde näher am hebräischen und griechischen Wortlaut der Schriften übersetzt.

KNA: Können Sie einige Beispiele nennen?

Brockmöller: Am 1. Advent wird aus dem Lukas-Evangelium gelesen. Dort heißt es über die Endzeit: Dann wird man den Menschensohn in einer Wolke kommen sehen. Früher hatte man übersetzt: 'auf einer Wolke'.

Hier handelt es sich nicht um eine Art fliegenden Teppich, sondern um ein sprachliches Bild für göttliche Gegenwart. Wie Gott beim Auszug aus Ägypten oder am Sinai in der Wolke gegenwärtig ist, so ist Gott beim Ende der Welt gegenwärtig. Ebenfalls im Lukas-Evangelium wird vor Rausch und Trunkenheit und der Wirkung der Sorgen des Alltags auf die Menschen gewarnt. Da hieß es bisher, die Sorgen sollen einen nicht verwirren - jetzt heißt es: Die Sorgen sollen das Herz nicht beschweren.

KNA: Wie wird das an Weihnachten sein, bleibt da der Text gleich?

Brockmöller: Auch im Weihnachtsevangelium gibt es kleine Veränderungen. Schön finde ich persönlich, dass der Gesang der Engel auch im Deutschen identisch mit dem Gloria beginnt: 'Ehre sei Gott in der Höhe.' Damit hört man, dass jedes Gloria an die weihnachtliche Botschaft der Engel erinnern soll und wir mit ihnen singen. Aber mir geht es wie vielen: Nicht jede Veränderung spricht mich an. Es geht mehr darum, was ein Wort in einem Menschen zum Klingen bringt. Es heißt jetzt im selben Text 'Menschen seines Wohlgefallens'. Mir gefiel 'Menschen seiner Gnade' besser, einfach weil ich das Wort 'Gnade' mag. Das ist an der Stelle keine Frage der richtigen Übersetzung, sondern wie man ein Wort hört.

KNA: Auffällig ist, dass in den Briefen der Apostel bei der Anrede aus 'Brüdern' nun 'Brüder und Schwestern' werden. Wo kommen die Frauen auf einmal her? Ist das political correctness?

Brockmöller: Ja und Nein. Die Frauen waren schon vorher da. Nichts spricht dafür, dass sich der Apostel Paulus ausschließlich an Männer wenden wollte, die Frauen sind in den frühen Gemeinden präsent, Paulus grüßt sie ja auch namentlich. Das griechische Wort bedeutet sowohl 'Brüder' als auch 'Geschwister'. Auch diese Neuerung ist näher am Text.

KNA: Hatte die neu übersetzte Heilige Schrift auch sonst Auswirkungen auf das Lektionar?

Brockmöller: Nein, lediglich die Bibeltexte wurden geändert. Interessant kann sein festzustellen, dass im katholischen Gebetbuch, dem Gotteslob, die Fassung der alten Einheitsübersetzung bewahrt bleibt. Vor allem bei den Psalmen ist das deutlich erkennbar.

KNA: Aber könnte das nicht zu Irritationen führen?

Brockmöller: Oder zum Beginn eines wertvollen Austauschs. Denn wenn wir über die Bibel ins Gespräch kommen, fängt Glaubenskommunikation an: Wie höre ich einen Text, und wie hörst Du ihn?

KNA: Was bedeuten die Neuübersetzung für den Alltag - etwa für Praktiker, die die Texte vorlesen oder auslegen?

Brockmöller: Als erstes den Auftrag, sich damit auseinander zu setzen. Und wenn an dieser Stelle Eigenwerbung erlaubt ist: Wir haben ein Buch erstellt mit dem Titel 'Sonntagsworte', in der für jeden Sonn- und Feiertag je eine Veränderung erläutert wird. Wer es lieber online und kostenlos hat, kann sich bei www.bibelwerk.de mit ein paar Wochen Vorlauf informieren.

Das Interview führte Michael Jacquemain.

(KNA)

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