Christliche Symbole
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17.07.2018

Mönch und Theologie-Professor Thomas Quartier über "heilige Wut" "Habe mir Empörung nie nehmen lassen"

"Die Empörung, die ein Mensch empfindet, ist überlebenswichtig", sagt Theologieprofessor Thomas Quartier. Die Weltverbesserer-Attitüde dürfe allerdings nicht zum Selbstzweck werden. Im Interview spricht er über Wut und Revolte im Christentum.

KNA: Wie viel Revolte steckt im Christentum?

Thomas Quartier (Benediktinerbruder und Theologieprofessor): Für mich ist Christentum als solches Revolte. Christentum bedeutet, grundsätzlich radikal zu leben, sich auf seine Wurzeln, lateinisch "radix", zu beziehen. Wer nicht bereit ist, wirklich zu den Wurzeln seines Lebens zu gehen und immer wieder alles zu hinterfragen, der wird letztlich nie bei der eigentlichen Inspiration des Christentums ankommen. Für mich ist die Lebensform als Benediktinermönch eine Form zu versuchen, zu dieser Radikalität zu kommen. Sie ist nicht besser als andere Formen - aber ich hoffe, dadurch dem Christentum etwas von dieser Radikalität, dieser revolutionären Kraft zurückgeben zu können.

Radikal hat ja in unserer Gesellschaft meist eine negative Konnotation. Wenn man das Wort im religiösen Bereich verwendet, kommt man bei Fanatikern raus. Die ursprüngliche Bedeutung ist aber, hinter jede Form von Fassade zu gehen, sich in allen möglichen Lebensformen zu trauen, jede Selbstverständlichkeit immer wieder neu loszulassen.

Das ist Radikalität - aber eben nicht, damit ein bestimmtes politisches oder wie auch immer geartetes Ziel zu verfolgen.

KNA: Und wo führt mich das hin?

Quartier: In meiner Lebensform als Mönch gibt es Leute, die dieses Loslassen wie ich praktizieren - die aber vielleicht bei komplett gegensätzlichen Werten rauskommen. Und das ist nicht besser oder schlechter. Radikalität heißt eben nur, sich mit seinem Leben konsequent in diese Freiheitsposition zu begeben. Damit ist noch überhaupt nicht gesagt, ob ich mit den Alt-68ern ein Lied auf die Revolution singe oder ob ich mich mit amerikanischen Neukonservativen auf familiäre Werte besinne.

KNA: Der Revolutionär will die Welt durch Umsturz verändern, der Rebell durch Auflehnung. Wie versucht ein Mönch, die Welt zu verändern? Oder - versucht er es überhaupt?

Quartier: Der Mönch verändert in seiner eigenen Zelle die Welt. Diese Idee der "Zelle" ist nicht nur mein Zimmer in der Abtei. Natürlich, ich habe mir lange die Frage gestellt: Wer hat nun etwas davon, wenn wir in unserer Abtei mit zwölf Mönchen sitzen, siebenmal am Tag unser Chorgebet singen, uns zurückziehen. Ist das nicht eine totale Verschwendung?

KNA: Und?

Quartier: Ja, solche Rückmeldungen gibt es oft: "Sie mit ihren Ideen, Sie könnten doch die Welt verändern!" Aber Mahnwachen vor einer Botschaft zu halten, das entspricht nicht unserem mönchischen Leben.

Wir halten sie eben jeden Morgen um Viertel nach sechs in unserer Kapelle. Und wer sagt denn, dass wir die Welt nicht genau dort verändern, wo wir sind?

KNA: Die Realität?

Quartier: Schauen Sie, die Occupy-Bewegung, zu der ich selbst Kontakte unterhalte, verfolgte ja einen ganz ähnlichen Gedanken:

Leute sitzen mitten in der Stadt schlicht auf einem Platz. Sie wurden immer wieder gefragt: Aber ihr verändert die Welt ja gar nicht - was ist denn eure Forderung? Dann kamen sie bei sehr allgemeinen Dingen aus, mit denen wir alle einverstanden wären: etwa "wir wollen keinen Haifisch-Kapitalismus". Aber wirklich konkret ist das Ganze nie geworden. Diese Leute haben sich ihre Naivität dennoch nie nehmen lassen - und so sollte es auch bei Mönchen sein. Der Unterschied zwischen Mönchen und der Occupy-Bewegung ist, dass es im Mönchtum 1.500 Jahre Tradition gibt: eine Kontinuität, in der wir in dieser momentanen Welt eine Art gemeinsame Zelle bilden. Die Occupy-Bewegung war nach ein paar Jahren wieder weg. Der Mönch verändert die Welt dadurch, dass er stabil bleibt.

KNA: Keine Terrorzelle, sondern eine permanente Protestzelle außerhalb der Welt?

Quartier: So eine gemeinsame Zelle zu bilden, ist natürlich eine Art Utopie. Oscar Wilde sagte: Eine Weltkarte, auf der das Land Utopie nicht vorkommt, brauche ich nicht! Ich lasse mir diese Naivität nicht nehmen, dass ich die Welt genau hier in meinem Kloster verändern kann. Und wenn ich etwas darüber erzähle - in einem Buch etwa oder in einer Lesung, ist das eigentlich ein Nebeneffekt. Der Kern ist, in die Tiefe zu gehen - und dafür sitzt man siebenmal am Tag in der Kapelle. Billiger ist diese Art der Revolution nicht zu haben.

KNA: Sie waren auch früher oft wütend auf die Verhältnisse in der Welt, haben vor ihrem Eintritt ins Kloster öfter mal rebelliert.

Heute sprechen sie von einer "heiligen Wut", haben darüber sogar ein Buch geschrieben. Ist das noch derselbe Mensch, der wütende Jugendliche vom Niederrhein, der sich so schwertat mit seiner Umwelt?

Quartier: Ich habe mir meine Empörung nie nehmen lassen. Die Empörung, die ein Mensch empfindet, ist überlebenswichtig, und sie ist ein Segen. Das Problem ist nur, dass diese Weltverbesserer-Attitüde schnell zu einer Art Selbstzweck und Selbstdarstellung werden kann. Ich empfinde bis heute eine große Solidarität mit allen Leuten, die die Welt verändern wollen; und ich bin immer noch genauso wütend auf kleinbürgerlichen Mief, wie ich es in meiner Jugend war.

KNA: Aber?

Quartier: Ich habe irgendwann erkannt: Wenn es mir nicht gelingt, diese ursprüngliche, radikale Wut auf ein spirituelles Niveau zu heben, dann werde ich am anderen Ende des Spektrums genauso bürgerlich und verbohrt wie jene Leute, die mich so auf die Palme gebracht haben. Eine "heilige" Wut bedeutet, seine Empathie mit den Unterdrückten und den Minderheiten so zu kanalisieren, dass sie mit mir als Mensch tatsächlich etwas macht.

KNA: "Etwas macht"?

Quartier: Leute fragen mich oft: Was machen Sie denn da den ganzen Tag im Kloster? Und ich rechne dann aus, dass ich mit unseren benediktinischen Gebetszeiten auf ungefähr eine halbe Stelle komme: etwa vier Stunden am Tag. Und die Leute fragen dann: Ja, aber was machen Sie wirklich? Offensichtlich herrscht in unserer Gesellschaft die Vorstellung, dass es sinnlos ist, etwas vor Gott zu tragen; dass es sinnlos ist, in Kontemplation einen Raum zu schaffen, den wir nicht selbst in der Hand haben. Unsere Aufgabe im Kloster ist, einen Raum offenzuhalten, in dem wir unsere Empörung vor Gott bringen können - und wo andere, die uns besuchen, das auch können. Das ist eine höchst relevante gesellschaftliche Funktion! Jedes Verlangen, jede menschliche Emotion kann hier geheiligt werden.

KNA: Gibt es etwas, das der "Heilige-Wut-Mönch" der sogenannten Amtskirche sagen möchte?

Quartier: Ja - wir Klöster bieten einen tatsächlich offenen, kontemplativen Raum an, den viele Menschen in den Pfarrgemeinden nicht mehr gefunden haben; da schließe ich mich selbst ein. Wir waren damals, in den 80ern, eine sehr engagierte Jugendgruppe, haben Friedensgottesdienste gefeiert und fanden uns irre engagiert. Am Ende ist aber heute niemand mehr übrig aus dieser Zeit. Wenn ich heute in meine Pfarrkirche von damals komme, ist da keiner mehr aus unserer begeisterten Gruppe. Warum? Weil uns genau dieses Element von Spiritualität, von Humus, gefehlt hat. Klöster, der revolutionäre Mönch, können für die Kirche immer neu eine Möglichkeit sein zu sagen: Traut euch! Lasst den offenen, kontemplativen Raum zu.

Das Interview führte Alexander Brüggemann.

(KNA)

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