Msgr. Prof. Peter Schallenberg
Msgr. Prof. Peter Schallenberg

07.01.2013

Sozialethiker: Religiöse Aussagen in praktisch-politische ummünzen "Alleine mit Bibel keine Politik"

2013 wird "ein Entscheidungsjahr für die Wertgrundlagen unserer Gesellschaft", sagt Peter Schallenberg. Im domradio.de-Interview appelliert der katholische Sozialethiker deshalb an die Politik. Aber auch die Kirche stehe vor Herausforderungen.

domradio.de: Bei uns stehen vier wichtige Wahlen an, darunter die Bundestagswahl. Was sind wichtige ethische Eckpunkte? Was hält eine Gesellschaft zusammen - bei so vielen Interessen und Möglichkeiten, die es heute gibt? 

Schallenberg: Das Wahljahr ist auch ein Entscheidungsjahr für die Wertgrundlagen unserer Gesellschaft. In der Vergangenheit haben wir erlebt, dass unsere Gesellschaft immer vielfältiger wird, wir werden wertepluraler. Als Beispiele seien die Debatten um Beschneidung, Religionsunterricht und eine größere Trennung von Kirche und Staat genannt. Und all diese Punkte müssten auch den Wahlkampf mitbestimmen, nicht nur die Frage nach den Finanzen. Wir müssen uns darüber auseinandersetzen, welches Menschenbild wir haben wollen und wie wir es in die Zukunft tragen können.

domradio.de: Welche Grundlage kann denn das christliche Wertefundament für all diese Entscheidungen bieten? Also wie gelingt es als Christ Politik machen?

Schallenberg: Als Christen haben wir eine natürliche Nähe zu den Parteien, die das C in ihren Namen führen - ohne den anderen Parteien absprechen zu wollen, dass sie nicht auch ein christliches Menschenbild vertreten. Aber es ist nun mal der Anspruch der christlichen Volksparteien, deshalb schaut man hier auch besonders kritisch hin. Das sollte man dann aber auch wohlwollend tun und sagen: Es ist gut, dass versucht wird, im Namen des Christentums Politik zu machen. Das ist ein uralter Gedanke des Christentums: dass die Welt verbessert und auf die Ewigkeit Gottes vorbereitet wird. Christentum hat schon immer ganz nah am Haus der Politik gewohnt und versucht, diese zu beeinflussen. Das muss natürlich in demokratischer Weise geschehen. Und es müssen religiöse und philosophische Aussagen in praktisch-politische umgemünzt werden. Alleine mit der Bergpredigt und der Heiligen Schrift kann man keine Politik machen. Und das ist die Herausforderung der Stunde.

domradio.de: Wie bewerten Sie politische Koalitionen, die uns ja auch in diesem Jahr erwarten werden?

Schallenberg: Ich würde keine Koalition mit demokratisch gewählten Parteien kategorisch ausschließen. Man sollte mit allen im Bundestag vertretenen Parteien Gespräche über Inhalte führen können, um dann die Schnittmengen feststellen zu können. So gibt es bei Schwarz-Grün eine ganze Menge an Schnittmengen-Themen, möglichweise auch noch nicht gehobene. Und es ist keinesfalls ausgemacht, dass die FDP, der "natürliche" Koalitionspartner der Unionsparteien, dies auch bis in alle Ewigkeit ist. Wenn in Fragen des Lebensschutzes gegen die Grünen argumentiert wird, muss man zum Beispiel feststellen: Für weite Teile der FDP gilt das auch. Bei Koalitionen bedarf es eines gewissen Raumes der Kompromisse.

domradio.de: Mit jeder Wahl ist inzwischen auch Europa im Blick. Welche ethische Haltung wünschen sie sich bei Wählern wie auch Politikern?

Schallenberg: Das wird auch eine wichtige Frage in diesem Jahr sein. Die europäische Finanzkrise hat ihr Ende noch lange nicht erreicht. Das Thema muss eines unseres Landes sein: Vor allem dass das Projekt Europa eine Friedensidee nach dem Zweiten Weltkrieg ist. Und in diesem Zusammenhang müsste man auch noch mal neu buchstabieren, was Solidarität heißt. Es geht nicht, dass wir einfach auf einem Stammtischniveau bleiben. Wenn, wie vor einigen Tagen geschehen, eine große Boulevardzeitung schreibt, wie viele Milliarden wir für "diese kleine Insel" Zypern zahlen, muss man feststellen: Das ist billiger Populismus. Europa ist als Gesamtstaatsgebilde zu entwickeln, bei dem eine Föderation ähnlich der Schweiz als Ziel am Horizont stehen müsste.

Das Gespräch führte Monika Weiß.

(dr)

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