Zölibats-Buch: Debatte schraubte sich hoch
Zölibats-Buch: Debatte schraubte sich hoch

15.01.2020

Die zweitägige Debatte um das Zölibatsbuch von Kardinal Sarah Untiefen eines Missverständnisses?

Erneut hat ein veröffentlichter Text Benedikts XVI. für viel Wirbel gesorgt. Die Debatte ist ein weiterer Beleg für die Schwierigkeiten innerkirchlicher Kommunikation und der Institution des "Papa emeritus".

"Robert Sarah: Aus den Tiefen unseres Herzens. Mit einem Beitrag von Papst emeritus Benedikt XVI." So etwa könnte der Titel des Buches lauten, das seit Sonntagabend in der katholischen Kirche für viel Wirbel gesorgt hat. Auf dem Einband wäre nur der Kardinal aus Guinea zu sehen, nicht zusätzlich der frühere Papst.

Denn dieser hat in dem Buch, das an diesem Mittwoch zunächst in Frankreich erscheinen sollte, nur einen Text verfasst. Nicht mitverfasst hat er Sarahs eindringliche Mahnungen an seinen Nachfolger Franziskus, von jeglicher Lockerung der Zölibatspflicht abzusehen.

Zölibat bleibt emotionales Thema

Will man aus dem Wirbel um das Buch Lehren ziehen, wären es wohl drei: Der Zölibat in der Kirche bleibt ein auffallend emotionales Thema. Angesichts unvollständiger Faktenlagen ist mehr Zurückhaltung in Debatten angemessen. Die Institution eines zurückgetretenen Papstes wäre bei einer weiteren Kurienreform mit zu bedenken.

Was geschehen ist: Am Sonntagabend veröffentlicht die Zeitung "Le Figaro" Auszüge aus dem Buch "Des profondeurs de nos coeurs" (Aus den Tiefen unserer Herzen) und ein Interview mit Sarah. Am Montagvormittag schaukeln sich die Wogen auf: Der emeritierte Papst falle seinem Nachfolger Franziskus in den Rücken.

Die FAZ sieht den "Geist des Schismas" aus der Flasche entlassen, "Bild" erklärt gar einen "Krieg der Päpste". Für konservative Kommentatoren, die eine mögliche Öffnung der Zölibatspflicht durch Franziskus befürchten, ist das Buch ein klares Stopp-Signal. Nur wenige scheinen dabei den Inhalt des kompletten Buches zu kennen; ein Großteil der Debatte fußt auf dem "Figaro".

Erklärung des Vatikan

Nachmittags reagiert der Vatikan, spielt den Gegensatz herunter: "Vatican News" verbreitet einen in etliche Sprachen übersetzten Kommentar von Chefredakteur Andrea Tornielli: Einen "Beitrag zum Thema Zölibat - in Gehorsam zum Papst" nennt er das Buch. Dabei trennt er deutlich zwischen Äußerungen Sarahs und Benedikts XVI. Kurz darauf verbreitet der Vatikan eine Erklärung von Pressesprecher Matteo Bruni; die zitierten Äußerungen von Papst Franziskus, in denen dieser sich gegen einen freiwilligen Zölibat ausspricht.

Am späten Montagabend melden mehrere Medien Zweifel an Benedikts Co-Autorschaft an. Als Reaktion twittert kurz vor Mitternacht Kardinal Sarah Fotos dreier Briefe Benedikts XVI. vom September, Oktober und November. Ganz genau erhellen sie den Hergang auch nicht.

"Benedikt ist kein Co-Autor"

Am Dienstag dann erklärt Georg Gänswein im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA): Den Text über das Priestertum habe der emeritierte Papst im Sommer 2019 geschrieben. Als Kardinal Sarah, der ein Buch über das Priesteramt plante, ihn um seinen Text bat, habe Benedikt XVI. ihm diesen zur freien Verfügung gegeben. Der Emeritus habe gewusst, dass der Text in einem Buch erscheinen soll. Über dessen tatsächliche Form und Aufmachung sei er aber nicht informiert gewesen.

Erst am Montag hätten er und Benedikt XVI. das fertige Buch gesehen. Daraufhin habe er Sarah angerufen und ihn in Benedikts Auftrag gebeten, die Aufmachung des Buches entsprechend ändern zu lassen: Benedikt XVI. sei kein Co-Autor, habe nur einen Beitrag geliefert. Einführung und Schlussfolgerungen habe er nur gelesen, nicht mitverfasst.

"Mehr Zurückhaltung hätte nicht geschadet"

Zu diesem Zeitpunkt geht es für die Beteiligten anscheinend darum, sich jeweils möglichst gut aus der Affäre zu ziehen. Sarah entgegnet per Twitter, er habe Benedikt XVI. schon am 19. November ein komplettes Manuskript inklusive Deckblatt zugeschickt. Derweil erklärt Gänswein, es habe sich "um ein Missverständnis" gehandelt - "ohne dabei die guten Absichten von Kardinal Sarah in Zweifel zu ziehen."

Während Nicolas Diat vom Verlag Fayard wissen lässt, Sarah habe seine Korrekturanweisungen übermittelt, wendet sich die mediale Debatte des vermeintlichen Schismas zu. Etwas mehr Zurückhaltung, so bekennen Beobachter, hätte nicht geschadet - schraubte sich die Debatte doch nur aufgrund einer Vorabveröffentlichung hoch: starke Zitate, teils ohne Kontext, von interessierten Seiten jeweils für sich gedeutet.

Problem eines "Papa emeritus"

Dann bleibt da noch das Problem eines "Papa emeritus". Egal, wie oft Benedikt XVI. und andere sagen: "Es gibt nur einen Papst: Franziskus", zwingt der als Höflichkeitsanrede erdachte Begriff dazu, über den emeritierten Bischof von Rom nur mit dem Wort "Papst" sprechen zu können. Hinzu kommt das Bild der weißen Soutane. Tatsächliche oder vermeintliche Meinungsunterschiede zwischen früherem und aktuellem Amtsinhaber lassen sich so viel leichter verbreiten.

Roland Juchem
(KNA)

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