Der emeritierte Papst Benedikt XVI.
Der emeritierte Papst Benedikt XVI.
Kardinal Meisner im Interview
Kardinal Meisner im Interview

11.02.2019

Papst Benedikt gibt an Rosenmontag 2013 Rücktritt bekannt Kardinal Meisner zeigte sich schockiert

Vor sechs Jahren: Am Rosenmontag kündigt Papst Benedikt XVI. überraschend seinen Rücktritt an. DOMRADIO.DE-Reporter Johannes Schröer erzählt, wie er noch als Pirat geschminkt im Interview auf einen schockierten Kardinal Meisner traf.

Mit Kind und Kegel in der ersten Reihe. Als Pirat mit dunkel geschminkten Augen – wie Kapitän Jack Sparrow. Der Rosenmontagszug lärmt an uns vorbei, so dass man sein eigenes Wort nicht versteht. Das Klingeln des Smartphones nehme ich nur über den Vibrationsalarm wahr. Anruf aus der DOMRADIO.DE Redaktion. Ich habe Rufdienst für alle Notfälle. "Papst Benedikt tritt zurück", schreit der Kollege ins Telefon. Ich verstehe ihn kaum. "Ha, ha, ha und Margot Käßmann wird seine Nachfolgerin", entgegne ich gut gelaunt. "Nein, ernsthaft, Papst Benedikt tritt zurück!", ruft der Kollege.

Fünfmal muss er das brüllen, bis ich es glaube. Und dann geht alles ganz schnell. Ich nehme die Füße unter die Arme und renne mit schlackernden Piratensäbeln in den Sender. Dort wartet schon der ebenfalls herbeigerufene Kameramann. Kardinal Meisner möchte zum Papstrücktritt eine Stellungnahme abgeben. Wir sollen sofort zu ihm kommen, um ein Interview aufzuzeichnen. Oh je, ich werfe Säbel und Piratenjacke zur Seite.

Ein Kollege leiht mir seinen schwarzen Pullover, den ich schnell überstreife, aber der schwarze so großzügig aufgetragene Kajal hält, was er verspricht, wetterfest ist er, ohne Abschminktücher kann ich ihn kaum entfernen. Mit zerzausten Haaren, schwarzen Augen und Piratenstiefeln laufen wir beim Kardinal auf. Die Kamera richten wir so ein, dass ich nur von hinten zu sehen bin.

Ein Papst kann doch nicht zurücktreten

Aber all das verblasst, als Kardinal Meisner in den Raum kommt. Er schaut vor sich hin, er schüttelt den Kopf, er wirkt schockiert und traurig. Und das sagt er auch. "Ich bin im wahrsten Sinne des Wortes schockiert", betont er seine Betroffenheit. Drei Anrufe habe es gedauert, bis er die Nachricht ernst genommen und das Radio eingeschaltet habe. Papst Benedikt, sein guter, enger Freund, habe ihm nichts von diesem Entschluss gesagt oder angedeutet. "Ich muss jetzt versuchen, das zu verstehen", sagt der Kardinal.

Er ist enttäuscht, dass er diese Nachricht aus der Presse erfährt. Und dann gibt es einen zweiten Grund dafür, dass er so aufgewühlt ist. Der Papst ist der Stellvertreter Gottes auf Erden und der tritt doch nicht eigenmächtig zurück. Das Leben des Ponitfex liegt in Gottes und nicht in der eigenen Hand. Theologisch ist Kardinal Meisner mit der Entscheidung seines Freundes nicht einverstanden. Johannes Paul II. hat es doch vorgemacht.

Bis zum Ende ist er seinem Papstamt treu geblieben. "Der Papst ist doch der Vater der Kirche und ein Vater kann nicht von seiner Vaterschaft zurücktreten", sagt Kardinal Meisner im Nachgespräch. Vor der Kamera mag er Benedikt nicht so harsch kritisieren, da bleibt er der Papsttreue und Romtreue Kardinal, der seine tiefe Enttäuschung nur andeutet: "Ich bin traurig, das muss ich wirklich sagen, dass wir in der Messe nicht mehr beten werden ´Für unseren Papst Benedikt´".

Ein ganz besonderer Rosenmontag

Seine Zerrissenheit ist Kardinal Meisner deutlich anzumerken. Am Ende des Interviews wird er ungeduldig. "Jetzt reicht es", sagt er ins Mikrofon und redet erst weiter, als wir die Kamera einpacken. Er erzählt uns, dass früher nicht einmal Priester und Bischöfe hätten zurücktreten dürfen. Wie kann Benedikt das nur tun? fragt er, solch ein Schritt habe außerhalb seiner Vorstellung gelegen.

Meinen seltsamen Aufzug nimmt der Kardinal nicht zur Kenntnis. Das ist jetzt unwichtig. Nur mir ist während der halben Stunde mit dem Kardinal seltsam zumute. Natürlich weil ich ihn so traurig und enttäuscht erlebe, aber auch weil ich dem hohen Kirchenmann in seinem Kardinalkleid so merkwürdig verkleidet gegenübersitze. Mit den schwarz umrandeten Augen, den Piratenstiefeln, dem zerzausten Haar. Das unvergessliche Interview fällt mir besonders an jedem Rosenmontag ein, und bei der Auswahl meiner Kostüme erwische ich mich dann dabei, daran zu denken, alle Möglichkeiten im Blick zu haben. Denn wer weiß schon, welch überraschenden Entwicklungen so ein Tag nehmen kann.

Johannes Schröer
(DR)

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