Ein Gruß zum Abschied: Papst Benedikt XVI.
Ein Gruß aus dem Ruhestand

18.11.2014

Professor Beinert zur Debatte um vermeintliche Einmischung Ratzingers "Auch Benedikt XVI. kann seine Meinung ändern"

In einem gerade veröffentlichten Text Benedikts XVI. äußert er sich zu wiederverheiratet Geschiedenen in einer Weise, die von Manchen als unangemessene Einmischung verstanden wird. Prof. Wolfgang Beinert ordnet die Aufregung im domradio.de-Interview ein.

Er wolle der Kirche im Verborgenen dienen, so formulierte es Papst Benedikt XVI. vor seinem Rücktritt, wie er sich sein zukünftiges Leben als emeritierter Papst vorstelle. Doch ganz geklappt hat dies nicht. Auf Einladung seines Nachfolgers Franziskus nahm der Ratzinger-Papst bereits an einigen öffentlichen Gottesdiensten teil. Er schreibt Grußworte zu Kongressen und jetzt sorgt die jüngste Veröffentlichung seiner gesammelten Werke für ein wenig Wirbel. Darin ist auch ein Text aus dem Jahr 1972 enthalten, wo sich Joseph Ratzinger zum Umgang mit wiederverheiratet Geschiedenen geäußert hat. Doch der recht liberale Text von einst wurde vom emeritierten Papst noch einmal überarbeitet und gibt nun eine andere Position wider. Mischt sich der Papa emeritus damit in die aktuelle Debatte ein? Wolfgang Beinert, emeritierter Professor für Dogmatik und langjähriger Wegefährte von Joseph Ratzinger.

domradio.de: Ist das jetzt nun Zufall oder Absicht, dass besagter Band genau jetzt veröffentlicht wird, wo in der Kirche heftig über den Umgang mit wiederverheiratet Geschiedenen diskutiert wird?

Beinert: Ich halte dafür, dass das eher ein Zufall ist. Es ist ja so, dass diese Herausgabe der Gesammelten Werke von Ratzinger von langer Hand vorbereitet ist und es da einen Editionsplan gibt, in dem genau steht, wann welcher Band erscheinen soll. Und zum zweiten muss man ja bedenken, dass zwischen der Erscheinung des Bandes und der redaktionellen Bearbeitung und dann der eventuellen Eingriffe des Autors eine geraume Zeit liegt, die einfach aus technischen Gründen erforderlich ist. Ich vermute, dass die Änderung, die Benedikt vorgenommen hat, bereits erfolgt ist, ehe man von einer Bischofssynode und deren Problematik wusste.

domradio.de: Und wenn jemand seine Position von einst noch einmal verändert, ist das ja eigentlich nichts Außergewöhnliches. Vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion ja aber schon. Wie bewerten Sie denn diese aktuelle Veröffentlichung des veränderten Textes?

Beinert: Es ist ja nicht zu leugnen, dass Ratzinger in verschiedenen Positionen seine Meinung im Laufe der Jahrzehnte geändert hat. Das kann man an verschiedenen Stellen belegen und wenn man mal nachforschen würde, würde man wahrscheinlich auch noch mehr veränderte Positionen treffen. Das halte ich für ganz normal. Ratzinger ist ein großer Verehrer des Heiligen Augustinus und Augustinus hat gegen Ende seines Lebens die Retraktationen, also die Widerrufungen von verschiedenen Ansichten veröffentlicht, die er früher geäußert hatte. Warum soll das sein großer Schüler nicht auch tun? Dass das natürlich von großer Brisanz ist, hängt mit der ganzen Position der theologischen Biographie von Ratzinger zusammen. Wie gesagt, da ist eine Änderung. Und die Änderung von 1972 zu 2014 hinsichtlich der Ehe- und Familienpastoral ist natürlich sehr signifikant, entspricht aber dem ganzen Denken des Ratzingers der zweiten Lebenshälfte.

domradio.de: Sie kennen ja Papst Benedikt oder Joseph Ratzinger schon viele Jahre. Wie ist es denn dazu gekommen, dass er manche seiner einst liberalen Positionen heute in eine eher konservative Richtung verändert hat?

Beinert: Das sind wohl seine Erfahrungen, die er vor allem im Zusammenhang mit der Studentenrevolution 1968, die er in Tübingen sehr dramatisch erlebt hat, gemacht hat. Ihm ist da bewusst geworden, dass manche seiner Positionen möglicherweise zu den Erscheinungen der Revolution, zu diesen Umbrüchen geführt haben. Er sieht in seiner nun eher pessimistischen Sicht, welche Folgen das haben kann. Er hat dann nach Tübingen ganz klar und ganz konsistent eine sehr konservative und immer konservativer werdende Haltung durchgehalten.

domradio.de: Der Freiburger Moraltheologe Eberhard Schockenhoff wundert sich darüber, dass Benedikt in diesem besonderen Fall mit denselben Argumentationssträngen nun zum gegenteiligen Ergebnis wie 1972 gelangt, besonders in diesem Text, wo es um die wiederverheiratet Geschiedenen geht. Können Sie uns das erklären, wie so etwas funktioniert?

Beinert: Das kann ich natürlich nicht erklären. Da müssen Sie den Autor fragen. Aber ich denke einmal, dass die alte Position, die traditionelle Position der Kirche, und der ganze Lehrduktus der Kirche schon verschiedene Schlüsse zulässt. Es ist in der ganzen Christenheit unbestritten, dass die Ehe unauflöslich ist. Da gibt es auch in der Ökumene überhaupt keine Probleme, denn das geht irgendwie auf Jesus selber zurück und da kann seine Kirche nicht davon weg. Aber man hat immer gesehen, und das findet sich ja schon im Neuen Testament, dass in der konkreten Situation Ausnahmen möglich sein müssen. Jetzt kann man natürlich zwei Positionen einnehmen. Die Grundlage ist immer dieselbe, nämlich dass Scheidungsverbot Jesu. Ich kann das rigoros und absolut nehmen und dann gibt es da eben kein Pardon. Ich kann aber auch auf die Ausnahmen sehen und ich kann etwa dieses Wort eingliedern in den großen Kontext der jesuanischen Lehre von der Barmherzigkeit, die im Reich Gottes herrschen müsse. Und dann sieht die Sache anders aus. Dann sind Ausnahmen und Rücksicht auf spezielle Verhältnisse durchaus möglich, ohne das Grundprinzip zu verletzen. Das haben wir ja in anderen Dingen auch. Es gibt überall Ausnahmen von moralischen Geboten. Warum nicht hier? Das sind also die beiden Positionen, so dass die gleichen Prämissen scheinbar verschiedene Schlüsse oder Argumentationsmuster zulassen.

Das Gespräch führte Jan Hendrik Stens. Es ist in ganzer Länge diesem Text als Audio angehängt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Weder domradio.de noch das Erzbistum Köln machen sich Äußerungen der Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen zu eigen.

(dr)

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