Fast acht Jahre war Joseph Ratzinger Papst
Fast acht Jahre war Joseph Ratzinger Papst

26.02.2013

Prof. Beinert über den Menschen Joseph Ratzinger "Von großer Liberalität"

Was macht Joseph Ratzinger als Mensch und Theologe aus? Darüber spricht Prof. Dr. Wolfgang Beinert morgen in unserer Sondersendung zwischen 10 und 13 Uhr. Er kennt den Papst seit fast 50 Jahren. Wir veröffentlichen vorab einen Auszug.

Professor Beinert hat seine Habilitation beim damaligen Professor Ratzinger geschrieben. Über all die Jahre ist der Kontakt zwischen den beiden Universitätslehrern nie abgebrochen. Zuletzt hat der emeritierte Regensburger Professor den Papst beim Schülerkreistreffen 2012 in Castel Gandolfo gesprochen.

domradio.de: Herr Professor Beinert, Sie kennen Joseph Ratzinger – Papst Benedikt – seit vielen, vielen Jahren. Sie sind sein Schüler gewesen. Wie haben Sie ihn persönlich erlebt?

Prof. Beinert: Ja, ich kenne Joseph Ratzinger seit dem Jahr 1966, als ich zu ihm gegangen bin, um ihn zu bitten, meine Habilitation zu betreuen. Dann war ich drei Jahre lang mit ihm in Tübingen fast jeden Tag beisammen. Ich war damals so eine Art Spiritual in einem Studentinnenheim und er wohnte in der Nähe und kam mit seiner Schwester jeden Morgen zum Gottesdienst. Wir haben dann über diese drei Jahre lang fast jeden Tag konzelebriert und sind uns natürlich auch sehr oft in Gedankenaustausch gekommen auf dem Weg zur Universität oder in die Universität. Bis auf die letzten Meter hatten wir den gleichen Weg. Für mich ist nach wie vor prägend, ungeachtet dessen was später alles gekommen ist – also Kardinal und Papst und so weiter – eben diese Zeit in Tübingen. Das gemeinsame Beten und das hat mich, glaube ich, sehr geprägt.

domradio.de: Wie würden Sie den Menschen Joseph Ratzinger beschreiben?

Prof. Beinert: Ratzinger ist ein sehr komplexer Mensch. Das heißt, er ist auf der einen Seite von einer geradezu beispiellosen Bescheidenheit und Einfachheit. Er ist auch von einer großen Liberalität, vor allem was die theologische Ausrichtung anlangt. Da kann aber auch auf der anderen Seite, wenn er den Glauben bedroht sieht sehr konzis sein, sehr entschieden. Und er ist auf der anderen Seite, auf der dritten Seite auch ein ängstlicher Mensch, ein Mann der Angst hat, dass der Glaube bedroht ist, dass die Mächte der Zeit ihn überwältigen könnten. Also ein Gemisch von sehr verschiedenen Komponenten in seiner Persönlichkeit.

domradio.de: Jetzt haben Sie ihn ja über viele Jahrzehnte erlebt. Wann haben Sie ihn denn das letzte Mal persönlich getroffen?

Prof. Beinert: Das letzte Mal habe ich ihn persönlich Ende August 2012 getroffen, im Rahmen des Schülerkreises. Das ist immer ein verlängertes Wochenende und bei dem hat man dann auch Gelegenheit wenigstens für ein paar Minuten mit ihm ganz persönlich zu sprechen.

domradio.de: Welchen Eindruck hat er da auf Sie gemacht?

Prof. Beinert: Auf der einen Seite ist er geistig topfit wie immer. Er hat also dann am Sonntag seinen Schülern eine Predigt gehalten bei der Eucharistiefeier immer wieder frei gesprochen, glänzend formuliert, stilistisch ein  Genuss. Aber was aufgefallen ist, dass er einmal Schwierigkeiten mit der Bewegung und dann so ein Kleiner-Werden von der Gestalt, ein In-Sich-Zusammensinken der ganzen Gestalt.

domradio.de: Also man hat schon gemerkt, dass er körperlich einfach doch am Nachlassen ist, dass die Kraft schwindet.

Prof. Beinert: Ja, vor allem mit der Bewegung. Er musste dann gestützt werden. Der Altar dort in dem Haus, wo wir wohnen – das ist innerhalb der Anlagen von Castel Gandolfo, nur zwei-dreihundert Meter vom Palast entfernt. Da ist eine Kapelle und ein Altar mit einer etwas höheren Stufe, also ein gesunder Mensch könnte die sozusagen in einem Satz nehmen. Der hat aber Stufen und diese Stufen herunterzugehen ist ihm sehr schwer gefallen. Er musste gestützt werden. Das war in den vorherigen Jahren keineswegs der Fall.

domradio.de: Dann schauen wir jetzt nochmal auf Joseph Ratzinger, auf Papst Benedikt als Theologe. Er war ja viele Jahre Professor. Seine Vorlesungen waren damals überfüllt, ganz egal wo er eigentlich war, - in Bonn, Münster, Tübingen, Regensburg. Er war ja fast so etwas wie ein Star der Theologie. Was hat denn seine Vorlesungen ausgemacht, was war das Besondere daran?

Prof. Beinert: Ich muss sagen ich bin als Habilitant zu ihm gekommen. Und war also nicht mehr verpflichtet die Vorlesungen zu besuchen. Ich bin in seine Seminare gegangen, aber ich habe eine ganz große und geschichtemachende Vorlesung erlebt, nämlich die Vorlesungsreihe besser gesagt aus der ja dann die "Einführung ins Christentum“, sein vielleicht erfolgreichstes und bekanntestes Buch entstanden ist. Was war das Einzigartige? Auf der einen Seite ein profundes Wissen und zwar ein Wissen, dass nicht nur die Zeit vom Mittelalter anbetraf, wie das in der damals immer noch irgendwie gängigen Neuscholastik der Fall war, sondern auch die großen Schätze der Patristik einbezogen. Er hat ja mal einen Aufsatz geschrieben "Bleibende Bedeutung der Patristik“, das hat er uns gezeigt indem er eben die Väter lebendig werden ließ. Das Zweite, eine brillante Formulierungskunst. Josef Ratzinger kann wirklich druckreif sprechen und zwar auf höchstem Niveau, höchstem stilistischem Niveau. Auf der anderen Seite dann aber so, dass ihn jemand, der also einigermaßen gebildet ist ihn auch verstehen kann. Die Studenten, die damals das Audimax stürmten und auf jedem nur denkbaren Platz waren, auch auf den Treppen saßen und auf dem Boden saßen und die Vorlesung wurde dann in verschiedene Hörsäle übertragen. Das waren ja nicht lauter Theologen, lauter Fachleute, sondern das waren Hörer aller Fakultäten, die von Theologie keine Ahnung hatten. Die aber eben fasziniert dieser Vorlesung folgten, die auch in einer sehr subtilen und doch Dinge eingänglichen und leichtmachenden Körpersprache vorgetragen worden sind.

domradio.de: Jetzt kommt eine etwas schwierige Frage. Sie haben es eben schon erwähnt die Kirchenväter, die Patristik, - ist es möglich die Theologie, die entscheidenden Aspekte von Joseph Ratzinger zusammen zu fassen und zu sagen, diese Aspekte, die sind für ihn wirklich führend gewesen, ganz wichtig gewesen?

Prof. Beinert: Ja das kann man sehr wohl. Das hat er ja auch immer wieder getan. Ich glaube das Hauptanliegen und zugleich das Hauptproblem ist das Zueinander, Ineinander, Gegeneinander, das Abgesetzt sein, das Vermischt sein von Theologie oder besser gesagt von Glauben und Vernunft, Glaube und Denken. Ratzinger ist insofern ja ein moderner Theologe als er eben nicht ein pietistisches Glaubensbild da verkündet, ein pietistisches Gottesbild, sondern eben den Anforderungen der Moderne gerecht werden will. Den Glauben denkerisch auszuleuchten.

Das Gespräch führte Mathias Peter.

 

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