09.06.2012

Als Papst Paul III. die Sklaverei verbot Magna Charta der Menschenrechte

Wann ist ein Mensch ein Mensch? Diese Frage beschäftigt die westliche Öffentlichkeit derzeit vor allem unter bioethischen Gesichtspunkten. Nicht zuletzt die Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. stellen dabei den Schutz des Lebens in den Mittelpunkt Vor 475 Jahren hatte Paul III. einen anderen Fokus.

Am 9. Juni 1537 verbot der Farnese-Papst, der ansonsten vor allem als Kunstmäzen in die
Geschichte eingegangen ist, in seiner Bulle "Sublimis Deus" jede Form von Sklaverei. Er schlug damit einen wichtigen Pflock ein, den der Kirchenhistoriker Hans-Jürgen Prien als eine "Magna Charta des Völkerrechts" bezeichnet hat.

Die Entdeckung der "Neuen Welt" durch Christoph Columbus 1492, ihre Eroberung und die Unterwerfung ihrer Ureinwohner gingen einher mit Praktiken, die heute als schwerste Menschenrechtsverletzungen gewertet werden. Die spanische und die portugiesische Krone wollten schnelles Gold, und auch die adligen Kolonialherren und westlichen Abenteurer wünschten sich möglichst rasch zu bereichern, ohne sich selbst die Hände schmutzig zu machen. Was lag da näher als Zwangsarbeit und Versklavung der indigenen Bevölkerung, die man qua technischer Überlegenheit eh als minderwertig anzusehen bereit war.

Kirche oft an der Seite der Unterdrücker
Auch theologisch ließ sich diese vermeintliche Minderwertigkeit argumentieren. Die angebliche "Faulheit", die den Einheimischen als Topos zeitgenössischer Quellen attestiert wird, galt in der mittelalterlichen Scholastik nicht nur als ein Fehlen der Tugend des Fleißes, sondern als eine schwere Sünde. Zwar entstammte eine solche Sichtweise weniger der Bibel als vielmehr der Tradition spätantiker mönchischer Askese. Doch ließen sich damit Freiheitsentzug und Zwangsarbeit trefflich christlich bemänteln: Der Indio als "sprechendes Tier" wurde durch den Christenmenschen zivilisiert und also zum Besseren geführt. Nebenbei war es so möglich, in kürzester Zeit ein funktionierendes Handelssystem mit maximalen Gewinnen und gutem Gewissen zugleich zu etablieren.

Zwar stand "die Kirche" - und was anderes waren jene Christen, die dort an vorderer Front agierten? - allzu oft auf Seiten der Unterdrücker. Und es gab auch noch in späteren Jahrhunderten südlich des Äquators Bischöfe und Klöster, die sich selbst Sklaven hielten. Doch auch bereits zu Beginn der christlichen "Mission" in Lateinamerika gab es wichtige Stimmen, die sich vehement gegen die zivilisatorische Hybris stemmten und der christlichen Mission ein menschliches Gesicht zu geben versuchten. Der wohl bekannteste ist der Dominikaner Bartholome de Las Casas (1484/85-1566).

Meilenstein" Sublimis Deus"
Ein Meilenstein des kirchlichen Einsatzes für die Menschenrechte ist die Bulle "Sublimis Deus", die später auch zur zumindest offiziellen Position am Kaiserhof wurde. Paul III. besteht darin auf der Freiheit der "Indianer" und erklärt alle Versklavung für ungesetzlich. Wie alle Völker der Erde seien die Indios "wirkliche Menschen". Und als solchen dürfe man ihnen nicht Freiheit und Besitz rauben. Infolge ihrer Freiheit vor Gott und dem Gesetz stand den Ureinwohnern auch das Recht zu, sich taufen zu lassen. Das Dokument hielt ferner Missionare an, die Bevölkerung der Neuen Welt durch Verkündigung und gutes Beispiel zum christlichen Glauben einzuladen.

Den Interessen der Siedler freilich lief eine solche Brüderlichkeit unter den Kindern Gottes zuwider, und fern von Rom war es ihnen ein Leichtes, sie zu unterlaufen. Schwer wog in den folgenden Jahrhunderten auch die immer weiter verbreitete Praxis, anstelle einer Versklavung der Indios zu Hunderttausenden kräftige Negersklaven aus Afrika zu importieren und in Amerika zu verheizen - eine Alternative, die übrigens 1515 auch noch de Las Casas befürwortete. Wenn auch die Bulle "Sublimis Deus" gern und viel missachtet wurde, so blieb sie doch ein Ankerpunkt, an dem christliche Missionare zur Verteidigung der Menschenrechte festmachen konnten.

Alexander Brüggemann

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