Familienbischof Tebartz-van Elst über das Weltfamilientreffen

"Es war ein großartiges Fest des Glaubens!"

Mit einer Abschlussmesse vor knapp einer Million Gläubigen ist am Sonntag in Mailand das Weltfamilientreffen zu Ende gegangen. Mit dabei war auch der deutsche Familienbischof Dr. Franz-Peter Tebartz-van Elst. Im domradio.de-Interview berichtet er über die starken Impulse, die in seinen Augen von dem Treffen ausgehen.

 (DR)

domradio.de: Herr Bischof, wie haben Sie das Treffen ganz persönlich erlebt?

Bischof Tebartz-van Elst: Es war ein großartiges Fest des Glaubens! Der Abschlussgottesdienst mit dem Heiligen Vater, eine Million Menschen auf dem großen Feld dort, eine solche spürbare Freude aus dem Glauben heraus, das Zeugnis von Ehen und Familien, die bewusst aus dem Glauben leben, das war eine gegenseitige Stärkung, die viele Familien dort erlebt haben. Ich bin in diesen Tagen mit den Familienreferentinnen und Referenten vieler deutscher Diözesen zusammengekommen ,die auch dort waren. Wir waren uns einig darin, dass das einer der großen Impulse des Weltfamilientreffens auch für die Kirche in unserem Land ist.



domradio.de: Ehe und Familie hat Papst Benedikt XVI. schon zum Pontifikatsbeginn vor sieben Jahren als eines seiner zentralen Themen benannt - welcher seiner Gedanken zum Thema Familie sind Ihnen bei dem Treffen besonders im Gedächtnis geblieben?

Bischof Tebartz-van Elst: Papst Benedikt XVI. hat immer wieder sehr überzeugend deutlich gemacht, dass für ihn Ehe und Familie Hauskirche ist. In ihr wird im Glauben gelebt, was dann auch an Kinder weitergegeben wird. Familie als Biotop der Glaubensweitergabe. Mit dem Motto des Treffens hat er aber auch noch einmal deutlich darauf verwiesen, dass es gerechte Arbeitsbedingungen geben muss, damit Ehen Familien werden können. Junge Leute finden oft nicht die notwendigen Sicherheiten vor, damit sie verlässlich eine Familie gründen können, und dass hält sie bisweilen auch davon ab, Kindern das Leben zu schenken. In diesem Zusammenhang hat der Heilige Vater gestern in seiner eindrucksvollen Predigt dazu aufgerufen, in der Welt der Wirtschaft und Arbeit für sichere und familienfreundlichere Beschäftigungsbedingungen zu sorgen.



domradio.de: Deutschland diskutiert gerade über das Betreuungsgeld, der Ausbau der Kitas stockt. Warum fällt es einem so reichen Land wie der Bundesrepublik so schwer, Familien finanziell wie ideell ausreichend zu unterstützen?

Bischof Tebartz-van Elst: Diese Frage ist mir in diesen Tagen oft durch den Kopf gegangen. Zumal ich gesehen habe, wie stark die Länder Mittel- und Südamerikas, aber auch Afrikas und Asiens, beim Weltfamilientreffen vertreten waren. Es fällt auf, dass Europa und Nordamerika bei weitem nicht so stark vertreten waren. Man kann also sagen, dass Länder, die materiell oft bei weitem nicht so reich sind wie wir, einen viel größeren Sinn für das verbindende und verbindliche im Leben haben. Und das hat mir noch einmal sehr bewusst gemacht: Wir brauchen unbedingt ein Bewusstseinswandel, wie wichtig Familien für unsere Zukunft sind, und dass Familie in diesem Sinne auch eine Gesellschaftszukunft verkörpern. Hier braucht es Prioritäten, die Politik bemüht sich darum, wir als Kirche sind Anwalt der Ehe und Familien. Und hier sehe ich auch für mich als Familienbischof eine sehr wichtige Aufgabe, das immer wieder ins Wort zu bringen. Und solche Begegnungen, wie wir sie jetzt in Mailand erleben durften, zeigen auch noch einmal, welchen wichtigen Beitrag Kirche hierzu leisten kann.



domradio.de: Sie haben also Impulse mitgenommen?

Bischof Tebartz-van Elst: Jede Menge möchte ich fast sagen! Vor allen Dingen zur Frage, wie wir Ehen und Familien, die bewusst aus dem Glauben leben wollen und sich oft sogar in ihrer eigene Großfamilie in einer Art Diasporasituation als Glaubende erleben, zusammenführen können, damit sie sich gegenseitig stützen und stärken. Das, was in den Zeugnissen angesprochen wurde, hat mich doch noch einmal sehr beschenkt. Dass sie sagen, wo wir so leben und wo wir den Rückhalt anderer haben, erleben wir auch, dass wir Orientierung geben können für andere. Und in diesem Sinne ist eine Ehe- und Familienpastoral, die dies fördert, zutiefst missionarisch. Das müssen wir nun ausbuchstabieren in die unterschiedlichen diözesanen Situationen hinein.



domradio.de: War denn die Stimmung ähnlich wie auf den Weltjugendtagen?

Bischof Tebartz-van Elst: Davon war viel zu erleben: Schon am Freitagabend, als der Heilige Vater eintraf, bei der Begrüßung vor dem Mailänder Dom , beim Gebet im Dom und beim anschließenden Konzert, da war in der ganzen Stadt so eine richtige frohe Freude zu erleben, wie ich das von Weltjugendtagen kenne. Am Samstagabend dann bei der Vigilfeier wurde das noch einmal sehr eindrucksvoll in der ganzen kulturellen Bandbreite, die die katholische Kirche ja in sich vereint. Dann gestern morgen die Eucharistiefeier mit dem Heiligen Vater, das war zweifelsohne der Höhepunkt, auf den hin ja auch alle Begegnungen ausgerichtet waren. Es war eine wunderbar gestaltete Liturgie mit großer Freude und tiefer Sammlung, beides war zu erleben und das hat allen, die daran teilgenommen haben, eine große Schubkraft mit nach Hause gegeben.



domradio.de: Papst Benedikt XVI. hat es im Moment nicht leicht, sein Kammerdiener ist im Arrest, weil er vertrauliche Dokumente an Dritte weitergegeben haben soll. Erst gestern wurde in der Presse gemeldet, dass der Kammerdiener möglicherweise mächtige Hintermänner hat. Wie haben Sie den Heiligen Vater in Mailand erlebt?

Bischof Tebartz-van Elst: Es war deutlich zu spüren, und das hat mich sehr gefreut, dass der Heilige Vater von diesen vielen Menschen dort ganz stark getragen wurde. Immer wieder merkte man, wie der Jubel aufbrandete, wenn er in die Nähe der Menschen kam. Beim Einzug war es ein einziges Freudenfest. Man sah in seinem Gesicht, wie gut es ihm getan hat in dieser Situation zu spüren, auf wie viele Menschen er sich doch stützen kann. Das ist auch für ihn eine sehr bestärkende Erfahrung gewesen, wo er sicher momentan tief unter dem Schmerz leidet, von Vertrauten enttäuscht worden zu sein. In seinem Gesicht war ein tiefes Strahlen, dass von Innen kam und mir noch mal bewusst gemacht, wie sehr er ein Zeuge des Glaubens ist. Jemand, der das lebt und vermittelt, was zutiefst in seinem Herzen ist.

Das Interview führte Dagmar Peters.



Hintergrund

Papst Benedikt XVI. hat familienfreundlichere Bedingungen in Wirtschaft und Arbeitswelt gefordert. In den modernen Theorien würden Arbeit, Produktion und Markt oft nur unter dem Gesichtspunkt der reinen Profitmaximierung gesehen, sagte er am Sonntag während der Abschlussmesse des Weltfamilientages vor knapp einer Million Menschen in Mailand. Diese "einseitige Logik" laufe einer "harmonischen Entwicklung zum Wohl der Familie und zum Aufbau einer gerechteren Gesellschaft" entgegen, hob Benedikt XVI. in seiner Predigt hervor. Für eine Gesellschaft mit menschlichen Zügen sei es unerlässlich, die Arbeitzeiten und die Anforderungen der Familie miteinander in Einklang zu bringen. Das Familienleben sei die "erste und unersetzliche Schule der gesellschaftlichen Tugenden".



Zugleich rief der Papst zu einer Beibehaltung des arbeitsfreien Sonntags auf. Der Sonntag sei "wie eine Oase, in der wir innehalten, um die Freude der Begegnung zu verkosten und unseren Durst nach Gott zu stillen". Er sei der Tag der Kirche, der Familie sowie des Menschen und seiner Werte. Er sollte Familien die Gelegenheit bieten, "gemeinsam den Sinn des Festes, der Begegnung, des Miteinander-Teilens und auch der Teilnahme an der heiligen Messe". Der Papst appellierte an die Familien, trotz der beschleunigten Rhythmen der Zeit nicht "den Sinn für den Tag des Herrn" zu verlieren.



Der zerstörerischen "Logik des Habens" müsse eine aufbauende "Logik des Seins" entgegengesetzt werden, forderte der Papst. Utilitaristische Wirtschaftstheorien führten zu erbitterter Konkurrenz, Ungleichheiten, Konsumismus und starken Umweltschäden, führte er in seiner Ansprache aus. Noch größerer Schaden entstehe jedoch dadurch, dass sich die rein profitorientierte Denkweise häufig auch auf die zwischenmenschlichen und familiären Beziehungen ausweite. Diese würden so auf "unsichere Übereinstimmungen individueller Interessen" reduziert.



Der Papst bekundete in seiner Ansprache auch seine besondere Verbundenheit mit wiederverheirateten Geschiedenen. Er rief die Diözesen auf, "geeignete Initiativen" zu ergreifen, um die betroffenen Personen aufzunehmen und ihnen "Nähe zu vermitteln". Jene Gläubigen, die zwar die Lehre der Kirche über die Familie teilten, jedoch von "schmerzlichen Erfahrungen des Scheiterns und der Trennung gezeichnet" seien, sollten wissen, dass "der Papst und die Kirche euch in eurer Not unterstützen", so Benedikt XVI.

(KNA)