Weihbischof Heiner Koch (Erzbistum Köln)
Weihbischof Heiner Koch (Erzbistum Köln)

02.06.2012

Weihbischof Koch berichtet vom Weltfamilientreffen Mut zur Verbindlichkeit

Die Vereinbarkeit von Kindern, Arbeit und Zusammenleben wird für viele, die eine Familie gründen wollen, immer schwieriger. Die Katholische Kirche weiß um diese Probleme und beschäftigt sich damit derzeit auf ihrem Familien-Welttreffen in Mailand. Der Kölner Weihbischof Heiner Koch ist auch dort und berichtet im domradio.de-Interview von seinen Eindrücken - und einem wachen Papst.

domradio.de:  Bischöfe, Familien und seit gestern auch der Papst treffen sich in Mailand. Wie haben Sie bisher die Atmosphäre dort erlebt?
Weihbischof Koch: Für mich ist dies bereits der zweite Weltfamilientag, ich war vor drei Jahren in Mexiko auch dabei. Es herrscht hier eine ganz herzliche, gastfreundliche und leichte Atmosphäre, deutlich unbeschwerter als in Mexiko. Zweitens ist das Treffen geprägt von einer sehr großen internationalen Reichweite, die Probleme, die wir in Deutschland haben, sind natürlich nicht dieselben wie die der Familien in aller Welt. Der Kongress ist geprägt von differenzierten Vorträgen, die wir gehört haben, und einem sehr guten internationalen Austausch. All das weitet auf jeden Fall den Blick und relativiert manche seltsame Diskussion, die wir in Deutschland führen.

domradio.de: Und wie ist der Papst gestern empfangen worden?
Weihbischof Koch: Man hat den Papst in Mailand sehr herzlich empfangen. Die ersten drei Tage sind ja als Kongress mit mehreren tausend Teilnehmern organisiert, was aber in einer Millionenstadt wie Mailand nicht so auffällt. Gestern war die Stadt jedoch in großem Aufruhr, der Domplatz und die Straßen waren voller Menschen. Der deutsche Papst ist hier sehr beliebt. Ich hatte gestern Abend das große Glück, dass ich eine Einladung erhielt, mit dem Papst in der Scala Beethovens Neunte zu hören. Unsere kleine Delegation hatte ganz hervorragende Plätze. Und ich habe gemerkt, wie sehr dort auch die intellektuellen, die führenden Köpfe der Stadt den Papst schätzen. Das war sehr erfreulich festzustellen.

domradio.de: Wie wichtig ist so ein Treffen für christliche Familien - ist das so eine Art Mutmachen?
Weihbischof Koch: Zunächst einmal ist es ein Wahrnehmen dessen, was uns Familie und Ehe bedeuten. Wir haben ja die Situation, dass mit dem Begriff gesellschaftlich oft ganz verschiedene Dinge gemeint sind. Also, was staatlicherseits oder gesellschaftlich heute unter Ehe verstanden wird, ist ja oft meilenweit von dem entfernt, was theologisch, sakramental bei uns in der Kirche darunter verstanden wird. Es tut gut, das Evangelium von der Ehe und von der Familie zu hören, dass das wirklich ein Ort der Nähe Gottes ist und auch der gelebten Kirche. Zweitens tut es gut zu sehen, welche Chancen und welchen Reichtum Ehe und Familie bieten und welche Probleme sich auftun. Es tut gut zu sehen, wie differenziert das hier wahrgenommen wird. Und eben nicht nur auf die einzelne Ehe bezogen, sondern auf die Ehe auf verschiedenen Kontinenten, in verschiedenen Ländern und unter verschiedenen kulturellen und psychologischen Bedingungen.

domradio.de: Benedikt XVI. hat schon vor dem Treffen gesagt, dass die heutige Arbeitswelt zu sehr an Wettbewerb und Profit orientiert sei und dazu beitrage, dass die Familie und die Gemeinschaft sich auflösen. Wie bedrohlich ist die gegenwärtige Wirtschaftskrise in Europa für die Familien?
Weihbischof Koch: Zunächst einmal gibt es viele Familien, die wirklich am unteren Limit leben und die kaum genug haben, um sich gesellschaftlich zu entwickeln und ihren Kindern ausreichende Bildungschancen zu geben. Das ist zweifelsohne richtig. Das trifft ärmere Länder auf dieser Welt sicher viel härter als uns - da machen wir uns nichts vor! Das Zweite ist aber das große Problem, dass alles, was Ehe und Familie betrifft, immer ökonomisch gesehen wird. Also: Wie schnell bekommen wir Frauen wieder in Arbeit, welche Erziehungsform, welche Lebensform eignet sich am besten, damit sich alles wieder dem Gesetz der Ökonomie unterordnet. Und diese Ausbrecher, diese "Frei-Zeiten", nur für die Familie da zu sein, werden immer eingeschränkter. Das ist eine ganz große Frage, Sie kennen ja das Thema Betreuungsgeld, das bei uns heiß diskutiert wird. Was ist uns eigentlich wichtiger? Ist uns das Kind, die Familie mehr wert als andere Bereiche? Oder ist uns die Arbeit wichtiger, und dann sehen wir, was für die Familie noch übrigbleibt. Das ist die große Grundsatzfrage, die wir zu stellen haben.

domradio.de: Papst Benedikt XVI. hat am Mittwoch bei der Generalaudienz seine Betroffenheit zum Ausdruck gebracht, dass sein Kammerdiener geheime Unterlagen an Außenstehende weitergegeben hat. Die ganze Sache läuft unter dem Stichwort "Vatileaks" - welchen Eindruck hat der Heilige Vater auf Sie gemacht?
Weihbischof Koch: Einen sehr wachen Eindruck. Ich habe ihn, wie gesagt, gestern in der Scala von nahe erlebt. Ich fand ihn sehr wach und habe mit Freude bemerkt, wie viel Freude ihm dieser Abend mit Beethovens Neunter gemacht hat und natürlich auch der jubelnde Empfang in Mailand. In Italien ist diese Sache mit der Offenlegung sehr positiv wahrgenommen worden, nach dem Motto: Hier wird nichts vertuscht, hier ist alles transparent. Und was gesagt und veröffentlicht wurde, ist ja nichts Dramatisches. Und dass auch ein Papst unter Vertrauensbruch leiden kann und dass er enttäuscht ist, diese damit verbundenen menschlichen Gefühle haben ihm hier in Italien sehr viel Zuneigung und Wertschätzung eingebracht.

domradio.de: "Kinder bekommen die Leute doch sowieso" - das hat Konrad Adenauer noch in den 1950er Jahren gesagt. Mittlerweile kümmert sich die Politik deutlich mehr um die Familien. Wie kann die Kirche ganz konkret helfen, damit die klassische Familie nicht zum Auslaufmodell wird?
Weihbischof Koch: Grundsätzlich sind Kinder ein Grund dieses Lebens. Wir müssen schlicht und einfach dem Menschen wieder vermitteln und ihm helfen, Freude am Leben zu haben. Denn nur wer Freude am Leben hat, wird auch bereit sein, sich auf Liebe und Leben und Lebensweitergabe einzulassen. Das hat auch etwas mit unserem Glauben und unserer Weltsicht zu tun.

Zweitens müssen wir den Menschen auch Mut machen und Erfahrungsräume eröffnen, dass  sie zu ihrer eigenen Verbindlichkeit stehen können. Das Problem vieler Menschen ist ja, dass sie meinen, sie könnten nicht verbindlich leben. Aber Familie ist auf eine lange Zeit angelegt. Ich bleibe ein Leben lang Vater oder Mutter meines Kindes, und gleichzeitig Kind meiner Eltern. Diese Verantwortung, diese Beziehung wird nie aufgegeben, niemals. Und diesen Mut zur Verbindlichkeit zu vermitteln, das ist das Zweite. Und das Dritte ist: Für uns ist die Ehe wirklich ein heiliger Ort, das heißt nicht, dass das ein problemloser Ort wäre, ganz im Gegenteil! Aber es ist ein Ort für uns, an dem Gott für uns da ist, wie das Sakrament sagt. Und diese Zuversicht, dass Gott uns dort trägt, die müssen wir vermitteln.

Und last but not least: Wir müssen vieles tun, um Lebensgemeinschaften zu stützen. Ich denke, da geschieht in den Gemeinden sehr viel, zum Beispiel Familienkreise, Kreise auch für Alleinerziehende, Kreise für Menschen, die es schwer haben in ihrem Leben. Dazu zählt natürlich auch die Hilfe unserer Beratungsstellen, die ja sehr stark von der Caritas angeboten und genutzt wird. Als Kirche haben wir natürlich auch das Recht und die Pflicht, uns für politische Rahmenbedingungen einzusetzen, die Familien ein gutes Leben und die eigene Entfaltung ermöglichen. Wie viele Familien leiden unter Überbeanspruchung und zu wenig Zeit füreinander. Denken Sie nur an die ganzen Arbeitszeiten und Öffnungszeiten, an die Unvereinbarkeit von Familie und Beruf. Familien müssen sich entwickeln können. Da müssen wir auch politisch unsere Stimme erheben.

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