Martin Luther Statue
Martin Luther Statue in Eisleben
Papst Benedikt XVI. am 22. September 2011 im Olympiastadion in Berlin
Papst Benedikt XVI. am 22. September 2011 im Olympiastadion in Berlin
Wolfgang Thönissen
Wolfgang Thönissen

23.09.2021

Ökumene-Experte würdigt Erfurter Besuch von Benedikt XVI. "Luthers kleine Rehabilitation"

Historisch sollte der Besuch von Papst Benedikt in Martin Luthers ehemaligem Kloster in Erfurt werden – anschließend überwog aber die Kritik. Ökumene-Experte Wolfgang Thönissen sieht zehn Jahre später auch die fruchtbaren Momente der Begegnung.

DOMRADIO.DE: Erst das Treffen im Kapitelssaal des ehemaligen Klosters mit den Spitzenvertretern der evangelische Kirche und dann der ökumenische Gottesdienst mit dem bekannten Zitat vom Missverständnis um ein "ökumenisches Gastgeschenk". Allerdings hat der Papst damals durchaus Luther gewürdigt als einen, der Gott sucht. Dennoch war die Bewertung der Begegnung anschließend überwiegend negativ. Wie haben Sie das damals erlebt?

Prof. Dr. Wolfgang Thönissen (Leiter des Johann-Adam-Möhler-Instituts für Ökumenik in Paderborn): Wir waren alle ein wenig, wenn ich das so sagen darf, in der ökumenischen Community geschockt. Denn die Aussage: "ich habe aber keine ökumenischen Gastgeschenke dabei" hatte natürlich alles überstrahlt. Das stand im Vordergrund und die Insider, die ja auch an der Vorbereitung der Reise und der Begegnung mit der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ja auch ein wenig über die Deutsche Bischofskonferenz beteiligt waren, wussten natürlich, dass der ganze Ablauf schon sehr gut vorbereitet worden war. Benedikt wurde in das Augustinerkloster in Erfurt hinein geleitet, just auch an den Ort, an dem, soweit wir das heute wissen, Martin Luther selbst auch gebetet hat, selbst die Messe gefeiert hat. Von da aus gesehen war das natürlich ein, wenn man so sagen darf, sehr intimer Besuch an den Ausgangsort der deutschen Reformation. Das Ganze wurde allerdings dann in seinem Ablauf überstrahlt durch diese etwas verunglückte Aussage, die ja dann auch in der Folgezeit wie so etwas Sperriges im Mittelpunkt stand. Insgesamt aber denke ich, wenn man das in den weiteren Horizont stellt, hat sich die Reise gelohnt und ist die Begegnung insgesamt auch, wie ich finde, sehr fruchtbar geworden.

DOMRADIO.DE: Wie meinen Sie das?

Thönissen: Der Hintergrund ist ja die Begegnung eines Papstes unserer Zeit mit einem Ort, der ja in der Erinnerung ganz anders gewertet worden ist. Es ist der Ausgangsort für die Reformation in Deutschland mit Martin Luther, dort, wo er studiert hat, wo er zum Priester geweiht worden ist, wo er als Priester und Mönch gewirkt hat. Und wenn man sich mit der Geschichte genauer beschäftigt, dann weiß man, dass Papst Benedikt sehr deutlich an die Forschungen der katholischen Luther-Forschungen, ausgehend vom Ende des 19. Jahrhunderts, direkt angeknüpft hat. Das ist eigentlich das Ereignis, dass ein Papst eine jahrhundertelange Forschung katholischerseits selbst bestätigt hat.

Das ist leider bei der ganzen Begegnung völlig hinten runtergefallen, dass so Leute wie Josef Lortz oder auch Hubert Jedin oder andere, die sich darum bemüht haben, die von Erfurt ausgehenden Konfessions-Konflikte in den Griff zu kriegen, dass diese Arbeit vom Papst letztlich bestätigt worden ist. Der Papst hat nicht wiederholt, was man Jahrhunderte gesagt hat: Luther ist ein Ketzer und wir müssen ihm aus dem Gedächtnis der Kirche heraus bringen, sondern er hat ihn als Beter, er hat ihn als Hörer der Schrift gewürdigt, als religiösen Menschen. Das ist der Ansatzpunkt der katholischen Luther-Forschung. Das ist der Ansatzpunkt der katholischen Ökumene - zumindest auf der wissenschaftlichen Basis in Deutschland. Und das hat Papst Benedikt XVI. letztlich bestätigt. Also liegt das in dieser langen Linie der letzten 50, 60 Jahre. Und ich finde, das ist ein ganz großartiges Ereignis, wenn man es in diesen Horizont hineinsetzt. Deswegen kann ich nach zehn Jahren heute deutlich sagen: Etwas Besseres konnte uns eigentlich gar nicht passieren, denn alles, was danach passierte, von 2011 bis hin zum Reformationgedenken des Jahres 2017, konnte daran anknüpfen.

Wir konnten deutlich sagen: Alles, was wir jetzt gemeinsam machen mit den evangelischen Christen, also mit den Nachfolgern der Reformatoren, hat seinen Anker genau in dieser positiven Begegnung, die Benedikt mit den Vertretern der EKD im Erfurter Kloster hatte. Und eben auch, ich sage das jetzt mal in Anführungszeichen einer kleinen oder auch einer gewissen "Rehabilitation" Luthers. Luther ist jedenfalls in den Augen eines Papstes kein Ketzer. Damit will ich nicht sagen, dass alle Fragen behoben sind. Damit will ich nicht sagen, dass alle Kontroversen behoben sind. Aber wir haben einen anderen Ansatzpunkt in der Begegnung mit Martin Luther. Dieses negative Bild, das wir über 400 Jahren gehabt haben, das gehört heute der Vergangenheit an. Und das, finde ich, ist ein erstrangiges Ergebnis dieses Besuches, das leider nicht rüber gekommen ist. Vielleicht ist es dann Papst Franziskus erst 2016 gelungen, in Lund am 31. Oktober, sozusagen die Konsequenzen zu ziehen. So ist Geschichte manchmal.

DOMRADIO.DE: Glauben Sie, dass die Erwartungen im Vorfeld zu hoch gewesen waren? Ein deutscher Papst kommt nach Deutschland, trifft die evangelischen Mitchristen und da muss einfach Bewegung kommen...

Thönissen: Ja, die Erwartungen waren sicherlich zu hoch. Die Erwartungen waren ja auch darauf gerichtet: Wie gehen wir in der Frage der Kommuniongemeinschaft um? Das ist ja eine Frage, die seit 20, ja seit fast 30 Jahren vor allem in Deutschland sehr intensiv diskutiert wird. Dazu muss man natürlich sagen: Deutschland hat im Blick auf die Weltkirche natürlich eine außerordentliche Stellung, weil die Mehrzahl unserer heute - zumindest in manchen Gebieten -  geschlossenen Ehen konfessionsverschieden oder -verbunden sind. Das bedeutet eben: Die Frage ist virulent - anders als in anderen Ländern der Welt, anders als in Amerika oder in Asien, in Afrika.

Hier in Deutschland brennt die Frage und darauf richteten sich natürlich die Erwartungen. Und vieles hatte man dazu auch bereits getan und vorbereitet. Und wenn der Papst dann mit einem Federstrich sagt: "Ich bringe jetzt kein Gastgeschenk mit", dann hieß das: Ihr braucht euch um nichts zu kümmern. Die Frage ist für mich entschieden. So war es ja auch nicht gemeint. Aber natürlich ist die Erwartungshaltung sehr, sehr hoch gewesen. Und daran, das muss man einfach sagen, sind wir alle ein wenig gescheitert. Die nachfolgende Geschichte hat dann allerdings gezeigt, dass die Frage keineswegs verschwunden war.

DOMRADIO.DE: Sie haben eben schon Papst Franziskus genannt. Und man muss ja ehrlicherweise sagen: ein gemeinsames Abendmahl ist weiterhin nicht in Sicht. Und zum Thema Kommunionempfang für konfessionsverbindende Ehen ist der Vatikan ja auch eher mit Zurückhaltung aufgefallen in den letzten Jahren, um es mal vorsichtig zu formulieren. Ich hatte den Eindruck, seit zehn Jahren hat sich gar nicht so viel getan. Sie haben aber jetzt eben schon den Papstbesuch in Lund 2016 erwähnt. Ist doch ökumenisch mehr passiert, als man vielleicht denkt?

Thönissen: Ja, es ist mehr passiert. Die lutherisch-katholische Dialogkommission, die ja im Wesentlichen durch ihr Papier "Vom Konflikt zur Gemeinschaft" zu dieser Begegnung des Papstes mit dem Lutherischen Weltbund in Lund beigetragen hat; denn ohne dieses Papier und ohne diesen Text über das gemeinsame Reformationsgedenken, hätte es keine Basis gegeben, einander zu treffen angesichts des beginnenden Reformationsgedenkjahres. Das ist zunächst einmal der Ausgangspunkt. In der gemeinsamen Erklärung mit den Vertretern des Luthertums ist ja dieser Punkt mit der Kommuniongemeinschaft auf die Tagesordnung gekommen. Der Papst hat eindrücklich gemacht, dass wir gemeinsam mit unseren lutherischen Freunden darüber reden müssen, dass das auf die Tagesordnung gehört.

Kardinal Koch hat dann gesagt: Ja, wir brauchen eine gemeinsame Erklärung über Eucharistie, Kirche und Eucharistie-Gemeinschaft. Das alles ist also in der Diskussion. Jetzt kommen zwei Punkte hinzu, die ich erwähnen möchte. Das eine ist die Orientierungshilfe deutscher Bischöfe. Natürlich gab es ein riesiges Gerangel 2018 um den Text "Mit Christus gehen - der Einheit auf der Spur. Konfessionsverbindende Ehen und gemeinsame Teilnahme an der Eucharistie". Viele deutsche Bischöfe haben ja in ihren Diözesen diese Orientierungshilfe, wenn Sie so wollen, in Kraft gesetzt. Einige konnten nicht oder wollten nicht folgen. Das müssen wir respektieren im Miteinander. Aber die Orientierungshilfe hat ein Zeichen gesetzt, nämlich dass die Kirche hier gewillt ist zu sagen: Diese Frage ist für uns durchaus offen und wir wollen aufeinander zugehen. Das ist das eine.

Das zweite ist, dass der für Deutschland so wichtige Ökumenische Arbeitskreis evangelischer und katholischer Theologinnen und Theologen, also der sogenannte Jaeger-Stählin-Kreis, auch in Paderborn mitgegründet 1946, ein wichtiges Diskussionspapier 2019 vorgelegt hat mit dem Titel "Gemeinsam am Tisch des Herrn". Aber nun ist dieses Diskussionspapier leider auch in das innerkirchliche Gerangel hineingeraten. Ich will aber betonen: Wir haben hier ein sehr wichtiges Diskussionspapier vor uns. Vielleicht ist es noch nicht so reif, dass es für die Entscheidung der Bischöfe reicht, aber mindestens auf der akademisch-wissenschaftlichen Ebene und auch auf der ökumenischen Ebene, auf der wir oftmals stehen, ist es eine wichtige Anregung, darüber nachzudenken.

Es ist also deutlich: Wir müssen darüber diskutieren - und das möchte ich hier mal festhalten - das wäre alles nicht möglich gewesen, wenn wir nicht mit Papst Benedikt auch jemand gehabt hätten, der sehr genau diese Frage zu entscheiden weiß. Also, wir haben kein Stopp-Zeichen, wir haben keine Verhinderung, aber wir müssen noch über bestimmte Dinge nachdenken. Noch ist nicht alles geklärt und ohne Klärung können wir nicht Gemeinschaft vollziehen. Davon muss man natürlich die Frage des Zutritts Einzelner zur Kommunion natürlich immer unterscheiden. Das ist eine pastorale Frage. Papst Franziskus hat das ja auch deutlich gemacht: Bedenkt das alles und geht voran. Das, glaube ich, das muss man zusammen sehen. Das eine ist nicht ein Verbotsschild und das andere "Wir machen alles, was möglich ist", sondern es gehört beides zusammen.

DOMRADIO.DE: Jetzt ist der Besuch von Papst Benedikt zehn Jahre her. Die Entkirchlichung in Deutschland ist ein großes Stück vorangeschritten. Ein Grund ist sicherlich auch der Skandal um sexualisierte Gewalt und die Aufarbeitung. Dazu kommt jetzt noch die Corona-Pandemie. Könnte die Kirchenkrise die beiden Konfessionen in Zukunft enger zusammenrücken lassen? Vielleicht schneller, einfach aufgrund der Notsituation? Oder denken Sie, dass viele Dinge erst noch geklärt werden müssen - und erst dann können die Konfessionen vielleicht enger miteinander leben und wirken? 

Thönissen: Also, es läuft immer nebeneinander her. Die theologische Klärung ist die eine Sache und das Miteinander läuft auf einer anderen Schiene ab. Ich meine, man muss beides miteinander in Einklang bringen, soweit das geht. Aber wichtig ist die Form der Erfahrung. Ich hatte gestern hier bei uns in Paderborn beim Ökumene-Kurs den evangelischen Landesbischof Manzke aus Schaumburg-Lippe da. Und er hat vollkommen klar und deutlich gesagt: Wir werden in Deutschland in Zukunft als Kirchen nur noch wahrgenommen, wenn wir gemeinsam auftreten. Das sagt die Politik. Und er sagt dann noch etwas scharf: Andere Religionen, etwa Vertreter der Muslime, wollen gar nicht in dieser Öffentlichkeit mitspielen. Aber die Kirchen wollen das und die Politik will das. Das heißt also, die Herausforderung gemeinsam zu handeln, ist enorm.

Sie ist gewachsen und sie wird immer größer. Und deswegen ist sozusagen das, was wir theologisch machen, eine Art von Hinterherlaufen: Der Druck der Öffentlichkeit ist da, das gemeinsam zu tun. Und das geschieht ja auch. Ein anderes Beispiel ist hier der Religionsunterricht - der ist Sache der Länder. Und in vielen Ländern ist derzeit die Überlegung da, konfessionell-kooperativen Religionsunterricht auf den Weg zu bringen. Auch hier müssen wir lernen. Wir werden als Konfessionen nur noch wahrgenommen, wenn wir gemeinsam als Konfessionen handeln. Und das setzt ökumenisches Verstehen, eine Verständigung und ein Miteinander voraus. Darin müssen wir gehen. Wir werden als Kirchen, auch als katholische Kirche, nur noch wahrgenommen, wenn wir ökumenisch handeln. Das heißt, wenn wir konfessionell handeln, ohne Ökumene, gehen wir unter. Die Chance, als römisch-katholische Kirche oder als lutherische oder als EKD-Kirche wahrgenommen zu werden, geht nur, wenn wir es ökumenisch machen. Das ist die Erfahrung und diese Herausforderung bleibt. Und wenn wir das nicht aufnehmen, dann gehen wir wirklich unter.

Das Interview führte Mathias Peter.

(DR)

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