Glocken
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21.07.2021

Anteilnahme nach der Flut bleibt groß Andachten und Glockengeläut

Eine Woche nach der Flutkatastrophe in Teilen Deutschlands bleibt die Anteilnahme riesig. Notfallseelsorger berichten, dass der aktuelle Einsatz ihre bisherigen Erfahrungen übersteigt.

So sei im nordrhein-westfälischen Erftstadt noch nicht absehbar, wie lange die Helfer vor Ort sein würden, sagte der Koordinator für Notfallseelsorge im Rhein-Erft-Kreis, Gregor Hergarten, am Mittwoch dem Portal katholisch.de. Oftmals dürften Häuser und Wohnungen weiterhin nicht betreten werden. "Diese Unsicherheit ist für viele Menschen das schlimmste", so der Diakon.

Kirche als Raum zum Erzählen

Die evangelische Regionalbischöfin Petra Bahr sieht die Kirche gefragt. "Hier muss ein Ort sein für das Erzählen, das stockende, hektische, verzweifelte oder tieftraurige Erinnern der Bilder und Erlebnisse", schreibt sie in der "Zeit"-Beilage "Christ & Welt".

Im Angesicht der Katastrophe sei es Auftrag der Kirche, diesen Raum zu bieten.

Glockengeläut und Andachten

Als Zeichen der Verbundenheit mit den Flutopfern sollen am Freitag um 18.00 Uhr die Glocken der evangelischen Kirchen im Rheinland läuten. Zugleich rief Präses Thorsten Latzel die Gemeinden in einem Schreiben auf, an dem Abend Andachten zu feiern, wie die Evangelische Kirche im Rheinland (EKiR) am Mittwoch in Düsseldorf mitteilte.

"Lassen Sie uns gemeinsam hörbar machen, dass wir uns gegenseitig unterstützen, füreinander beten und uns in der Nachfolge Christi gegen die zerstörerischen Mächte des Chaos stemmen", so Latzel in dem Brief. "Menschen sind gestorben oder werden noch vermisst. Häuser wurden weggeschwemmt, Existenzen zerstört", schreibt Latzel. "Viele Mitmenschen benötigen jetzt konkrete, unmittelbare Hilfe und tröstende Zeichen der Solidarität."

Auch die Evangelische Kirche von Westfalen (EKvW) ruft ihre Gemeinden auf, aus Verbundenheit mit den Flutopfern am Freitagabend die Glocken zu läuten und zu Andachten einzuladen. "Gemeinsam mit der Evangelischen Kirche im Rheinland möchten wir ein sichtbares Zeichen der Solidarität und des Zusammenhalts setzen", erklärte Präses Annette Kurschus am Mittwch in Bielefeld. Die Aktion soll um 18.00 Uhr beginnen.

Katholische Bistümer schließen sich an

Das Erzbistum Paderborn schloss sich der Aktion an. Generalvikar Alfons Hardt rief alle Seelsorgerinnen und Seelsorger auf, sich mit Geläut und Gebet zu beteiligen.

Auch im Bistum Limburg sind Glockengeläut und Andachten geplant. "Solch eine Verwüstung ist kaum vorstellbar", schreibt der Limburger Bischof und Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, in einem Aufruf an die Pfarreien des Bistums.

Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck will am Sonntag für alle Opfer des Hochwassers beten. Bereits am Freitag wird er sich laut Bistum Essen einen Eindruck von der Lage vor Ort machen und und mit Betroffenen und Helfern sprechen. Zudem richtet sich der Bischof in einem Brief an die Menschen im vom Hochwasser besonders getroffenen sauerländischen Lennetal.

Soforthilfen aus Kirchen und Politik

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und die Diakonie stellen vier Millionen Euro für die Betroffenen der Flutkatastrophe als Soforthilfe bereit. Nach den Worten des Leiters der Diakonie Katastrophenhilfe, Martin Keßler, sollen zunächst unbürokratisch finanzielle Hilfen ausgezahlt werden, "damit die Menschen die größte Not der kommenden Tage überstehen."

Latzel besuchte am Mittwoch den von der Unwetterkatastrophe betroffenen Ort Haan bei Düsseldorf. Dort kündigte er per Video-Schalte eine Sonderkollekte in den Gottesdiensten des kommenden Sonntags unter dem Motto "Gemeinden helfen Gemeinden" an.

Hilfsangebote von ausländischen Partnerkirchen etwa in Hongkong, den Philippinen oder Indonesien nannte er "berührend". Seit sind Freitag fünf Millionen Euro an Spenden zusammengekommen, von denen vier Millionen Euro Gemeinden in den Flutgebieten zur Verfügung gestellt werden, um Soforthilfe vor Ort leisten zu können.

Das Land Rheinland-Pfalz richtete eine neue Online-Plattform "Fluthilfe" ein, die Hilfsangebote und Hilfesuchende zusammenführen will. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz und die Hermann Reemtsma Stiftung stellten gemeinsam zwei Millionen Euro Nothilfe für Denkmaleigentümer bereit.

Die Spendentendenz steigt

Die Aktion Deutschland Hilft (ADH) hat nach eigenen Angaben bereits 35 Millionen Euro an Spenden erhalten - "mit stark steigender Tendenz". Eine solche Hilfsbereitschaft habe es "in 20 Jahren seit Bestehen des Bündnisses" nicht gegeben, sagte die geschäftsführende Vorständin Manuela Roßbach. Derzeit stehe die Basisversorgung von geretteten Menschen im Vordergrund.

Der Bedarf an Plätzen und Versorgung in Notunterkünften sei weiterhin groß, ebenso nach psychosozialer Versorgung traumatisierter Personen. Auch im Rahmen eines ARD-Benefiz-Tags ruft ADH weiterhin zu Spenden auf - der Sender plant am Freitag unter anderem eine Live-Sendung ab 20.15 Uhr.

Warnungen nicht ernstgenommen

Zudem mehren sich Appelle, den Klimaschutz ernstzunehmen. Verheerende Wetterereignisse habe es immer gegeben, "aber die Frequenz, ihre Extreme, ihre Menschenfeindlichkeit, nimmt dramatisch zu", schreibt Bischöfin Bahr.

Der Autor Toralf Staud sagte der "Süddeutschen Zeitung", die Gesellschaft in Deutschland habe bislang zu stark mit einer Sicherheit gerechnet, die es künftig nicht mehr gebe:  "Klimawandel, das war immer woanders." Diese Haltung müsse sich ändern. Die Warnungen vor den Starkregenfällen, die zu der Flutkatastrophe führten, seien vielfach nicht ernstgenommen worden.

(KNA)

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