Thomas Sternberg spricht während des Schlussgottesdienstes des 3. Ökumenischen Kirchentags
Thomas Sternberg spricht während des Schlussgottesdienstes des 3. Ökumenischen Kirchentags

16.05.2021

ZdK-Präsident Sternberg zieht Bilanz zum ÖKT "Hatten wirklich einen Blickwechsel"

Der Ökumenische Kirchentag im Corona-Modus hat vorwiegend digital stattgefunden. Im Interview schildert ZdK-Präsident Thomas Sternberg seine Eindrücke und verteidigt dabei die ökumenische Gastfreundschaft bei Abendmahl und Eucharistie.

DOMRADIO.DE: "Schaut hin" war das Leitwort des 3. Ökumenischen Kirchentags (ÖKT). Was haben Sie gesehen? Was ist Ihnen besonders ins Auge gesprungen?

Prof. Dr. Thomas Sternberg (Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken): Dieses "Schaut hin"-Leitwort hat sich eigentlich durchaus bewährt und war gut, denn wir hatten wirklich einen Blickwechsel weg von der gegenseitigen Selbstbespiegelung auf die Themen der Welt, auf die Probleme, die sich stellen.

Auf dieses Frankfurt hier: Eine Stadt, die so quirlig und unterschiedlich und plural ist wie kaum eine andere Stadt in Deutschland, was Herkünfte, Glaubensüberzeugungen, Religionen angeht, eine wirklich ganz plurale Stadt, aber auch mit riesigen sozialen Unterschieden.

DOMRADIO.DE: Stichwort Mahlgemeinschaft: Wie zu erwarten, war ja dieses Thema vor dem Ökumenischen Kirchentag kontrovers diskutiert worden, inklusive warnender katholischer Stimmen vor der Einladung zur Interkommunion. Wie haben Sie jetzt die Praxis erlebt?

Sternberg: Zunächst: Es hat keine Interkommunion gegeben. Es hat weder eine Interzelebration noch eine Interkommunion gegeben, sondern wir haben den Stand der Ökumene gespiegelt, wie er ist. Aber der ist weiter als wir 2003 waren.

Wir können wirklich die Mitglieder anderer Konfessionen auf der Grundlage eines gemeinsamen Glaubenszeugnisses einladen zum Tisch des Herrn, im Bewusstsein, dass er uns einlädt und er derjenige ist, der das Mahl bereitet und das Mahl ist. Da haben wir ein gemeinsames Zeugnis, was das Präsidium verabschiedet hat und das in allen Gottesdienst erst verlesen worden ist.

Wir haben am Samstag normale konfessionelle Gottesdienste gehabt, zu denen Mitglieder anderer Konfessionen hingegangen sind und gesehen haben, dass die Liturgien der Anderen auch ein Reichtum sind. Ich fand es geradezu anrührend, wie Bettina Limperg, meine evangelische Kollegin von Bischof Bätzing praktisch die Liturgie im Dom gezeigt bekam und ich von Präses Jung von der Hessisch-Nassauischen Kirche in der evangelischen Kirche in Riedberg seine Liturgie gezeigt bekam.

Ich muss sagen, es war sehr bewegend, hier dann etwas zu vollziehen, was in unseren Gemeinden deshalb schon tagtäglich Praxis ist, weil wir so viele konfessionsverbindende oder konfessionellverschiedene – je nachdem, wie man es ausdrücken will – Ehen und Familien haben wie in kaum einem anderen Land der Welt. In fast keinem Land der Welt gibt es etwa gleich viele evangelische und katholische Gläubige.

In diesen vielen Familien wird Sonntag für Sonntag, Woche für Woche entschieden und gefragt: Wo nehmen wir liturgisch teil, wo sind wir beheimatet? Da ist die Teilnahme von evangelischen Christinnen und Christen an der Eucharistie geradezu Tagesordnung. Zumindest auch in meiner Gemeinde kenne ich das. Wir kennen das allenthalben.

Das wollte ja auch die Bischofskonferenz mal mit dem geltenden Kirchenrecht in Einklang bringen, was dann leider Gottes nicht so richtig geklappt hat. Und wir haben eine theologische Bearbeitung, die deutlich macht: Dieses wichtige Thema Abendmahl und Eucharistie ist zwar nicht geklärt, es ist nicht geklärt, da muss auch weiter dran gearbeitet werden. Und alle weitere Arbeit ist auch wichtig und notwendig.

DOMRADIO.DE: Haben Sie denn gemeinsame Ansätze zu neuen Antworten gefunden?

Sternberg: Das ist eben das Besondere. Die Schrift "Gemeinsam am Tisch des Herrn" ist vom Ökumenischen Arbeitskreis, der nicht irgendein Arbeitskreis ist, sondern der berühmte Jaeger-Stählin-Kreis, in dem auch Joseph Ratzinger Mitglied war und ist sowie Walter Kasper und viele andere prominente Theologen auch.

Dieser Jaeger-Stählin-Kreis hat eine Schrift herausgegeben: Gemeinsam am Tisch des Herrn. Auf dieser Basis wollten wir das eigentlich tun. Dann hat uns Rom gesagt: Nein, das ist nicht hinreichend für eine Gewissensentscheidung, insbesondere eines Katholiken, am Abendmahl teilzunehmen.

Gut, dann ist diese Schrift nicht die hinreichende Begründung, aber die Gewissensentscheidung bleibt natürlich trotzdem. Aufgrund dieser Gewissensentscheidung habe auch ich gesagt, wie es der Papst sagt: Prüfe dein Gewissen und geh. Alles andere als leichtfertig, nicht im Sinne von "das ist ja doch egal" – im Gegenteil, sondern in großer Ernsthaftigkeit.

Und ich muss sagen, es war bewegend gestern Abend.

DOMRADIO.DE: Es ist ja nicht nur die Corona-Krise, die die Christen aktuell bewegt, sondern auch die aktuelle Krise in der Kirche überhaupt. Vor diesem Hintergrund des Missbrauchsskandals treten Menschen scharenweise aus, vor allem aus der katholischen Kirche. Hat sich das Glaubwürdigkeitsproblem der Kirchen auch auf dem ÖKT gespiegelt? Wenn ja, inwiefern?

Sternberg: Ich hatte den Eindruck, dass es nicht so zentral war, wie das in den öffentlichen Berichterstattungen in den letzten Monaten der Fall war und wie es auch die Verärgerung von sehr vielen Christinnen und Christen ist. Wir haben ja bis in den innersten Kern der Kirche hinein die große Verärgerung darüber, dass hier nicht klarer und konsequenter gearbeitet wird und dass es nicht schneller und präziser geht.

Nein, das hat hier eine Rolle gespielt. Wir haben dazu Foren und auch Veranstaltungen gehabt, aber es hat den Kirchentag nicht dominiert. Denn nochmal gesagt: Wir wollen diesen Außenblick. Wir wollen deutlich machen: Wir sind als Christinnen und Christen dazu da, uns gemeinsam unterzuhaken und gemeinsam zu fragen: Was müssen wir für die Welt tun, insbesondere jetzt auch in dieser Pandemie-Zeit? Wir müssen darauf hinweisen, dass weltweite Gerechtigkeit ein Thema bleibt, auch sowas wie Impfgerechtigkeit über Länder hinweg.

Auch die Frage: Wie ist das eigentlich mit Menschen, die in Verzweiflung, Einsamkeit, wirtschaftliche oder persönliche Not gekommen sind? Wie können wir da helfen, nicht in dem Sinne, dass wir immer die passende Antwort bereit haben, aber der Trost unserer Religion, davon zu erzählen und ihn zugänglich zu machen, auch das sind wichtige Fragen.

Das Interview führte Uta Vorbrodt.

(DR)

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