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Dr. Thomas Arnold, Direktor der Katholischen Akademie des Bistums Dresden-Meißen
Dr. Thomas Arnold, Direktor der Katholischen Akademie des Bistums Dresden-Meißen
Pfarrer Dr. Wolfgang Picken, Stadtdechant von Bonn
Pfarrer Dr. Wolfgang Picken, Stadtdechant von Bonn

28.05.2020

Schafft die Kirche es, Menschen in ihrer Lebenssituation zu begleiten? "Das erste muss sein: Sehr genau hinhören"

Welchen Platz nehmen Kirchen in einer Gesellschaft ein, die von der Corona-Krise geprägt ist? Sie müssten viel mehr hinhören und für die Menschen da sein, sagt Thomas Arnold von der Katholischen Akademie Dresden-Meißen.

DOMRADIO.DE: Der Bonner Stadtdechant Wolfgang Picken hat in einer Predigt einen Relevanzverlust der Religionen bemängelt. In der Corona-Krise sei besonders deutlich geworden, dass von den Religionen nichts zu hören war, so als ob es in dieser Krise nur einen Weg gegeben hätte und sich jeder Kommentar erübrige. Für Picken habe fast der Eindruck entstehen müssen, als hätten die Religionen zu dieser Krise nichts zu sagen. Sie beschäftigen sich in dem Artikel "Sprachloses Sprechen" in der Zeitschrift "Christ und Welt" mit dieser Sprachlosigkeit. Inwieweit haben Sie denn dieselbe Beobachtung gemacht wie Picken?

Thomas Arnold (Direktor der Katholischen Akademie im Bistum Dresden-Meißen): Ich denke, es gibt zwei Beobachtungen: Die eine ist, dass wir eine erste Phase gehabt haben und eine zweite Phase. In der ersten Phase war meine Beobachtung, dass wir in Solidarität als Gesellschaft zusammenstanden, dass uns die Entwicklungen überrannt haben, dass wir natürlich auch jede Stunde neue Informationen bekommen haben, dass wir aber sehr wenig über dieses Virus wussten und dass wir alle, egal ob Kirche oder Politik oder andere gesellschaftliche Institutionen, unwahrscheinlich viel dazugelernt haben.

Jetzt befinden wir uns in einer zweiten Phase, und das ist eben eine andere Wahrnehmung. Ich denke, während wir in der ersten Phase zusammenstehen mussten, Solidarität üben mussten, ist jetzt entscheidend, dass wir natürlich gesellschaftliche Debatten mitbegleiten. Das eine ist, dass wir uns über die Folgen verständigen und diese öffentliche Debatte an dieser Stelle mitgestalten. Das andere ist aber, dass wir noch mal anregen: Was heißt Leben und Tod überhaupt? Gehen wir richtig damit um? Ich denke, Stadtdechant Picken hat an einer Stelle schon das Richtige gesagt: Die Systemrelevanz von Kirche ist niedriger geworden. Das merken wir im Osten vielleicht schon deutlicher als im Westen.

Aber ich bin fest davon überzeugt, dass die Leute Fragen an die Situation haben - auch existenzielle Fragen. Aber es wird für die Kirche nicht darum gehen, ob wir nun die richtige Sprache finden, sondern ob wir überhaupt als Lösungsoption angefragt werden.

DOMRADIO.DE: In dem Artikel erwähnen Sie auch die globale Verwundbarkeit der globalisierten Welt und bringen damit die Theologie des Tomáš Halík ins Spiel. Was sagt uns seine Theologie für die Situation des Christentums in dieser aktuellen Pandemie?

Arnold: Annegret Kramp-Karrenbauer hat in einem Podcast von unserer Akademie "Mit Herz und Haltung" von einer Charakter-Probe gesprochen. Und ich denke, genau das ist diese Pandemie auch für uns als Kirche. Wenn ich jetzt auf Tomáš Halík schaue, dann hat mich sein Artikel, den er kurz vor Ostern veröffentlicht hat, sehr angesprochen, wo er davon spricht: Sind die leeren Kirchen nicht ein Zeichen dafür, dass wir rausgehen müssen in diese Welt, dass wir es wie beim Ostergeschehen machen müssen, durch dieses Galiläa ziehen müssen, um Gott bei den Suchenden zu suchen? Aber nicht direkt zu kommen und zu sagen: Das ist unsere Botschaft und das sind jetzt unsere Positionen, sondern erst einmal sehr genau hinzuhören. Um zu überlegen, ob wir auf das, was gebraucht wird, eine Antwort geben können.

Diese Krise in den letzten Wochen ist wie ein Brennglas für unsere gesellschaftliche Situation gewesen. Ich finde es auch sehr interessant, dass viele Leute gerade in dieser Krise sehr viel Vertrauen in die Politik gesteckt haben, aber auch in diese sogenannten "Götter in Weiß", in die Ärzte. Dass da Lösungen erwartet wurden und dass wir dort vielleicht zu wenig gehört haben und sensibel gewesen sind. Dann kann man natürlich sagen, wenn eine zweite Welle kommt: Braucht es in Zukunft zehn Zeilen Hoffnungsbotschaft und zehn Seiten Hygienevorschrift, oder müssen wir das Verhältnis noch einmal ganz anders austarieren?

DOMRADIO.DE: Sie schreiben: "Es geht nicht mehr um die Frage, wie die Kirche zu den Menschen spricht, sondern ob die Menschen Gott noch als passende Antwortoption heranziehen." Was meinen Sie damit?

Arnold: Die Lösungsoptionen werden sehr stark bei Ärzten gesucht. Und wenn ich an Eberhard Tiefensee denke, der sich sehr mit der sogenannten Ökumene der dritten Art auseinandergesetzt hat – also mit Menschen, die nicht an Gott glauben und ihn auch nicht als Lösungsrelevanz heranziehen, aber sich eben auch nicht explizit als Atheisten bezeichnen, solche Menschen wie sie zu 80 Prozent in Sachsen leben –, dann würde ich sehr stark befürworten und dafür plädieren, dass wir dafür sensibel werden, was dort die Nöte und Ängste sind.

Oftmals sind es ja auch Ängste wie: Wie wird mein Leben enden? Was kommt danach? Wo komme ich überhaupt her? Also, die ganz existenziellen Fragen. Und es wird dort Antwortoptionen aus unserem Glauben heraus geben.

Aber ich glaube, dann ist die Frage, wie wir die Antwort geben. Es kann nicht sein, dass wir uns an die Ecke stellen und dort einfach nur laut predigen, sondern das erste muss sein: Hören, hören, hören. Und dann die Sprachlosigkeit, die auch vorherrscht, aushalten. Ich denke, im nächsten Schritt kann man die christliche Hoffnung mit einbringen.

DOMRADIO.DE: Wird Gott diese Krise denn überstehen?

Arnold: Gott wird sie überstehen, die Kirchen werden sie auch überstehen. Aber wir werden verändert daraus hervorgehen. Ich halte es für zynisch, dabei von einer Chance zu sprechen. Ich kenne Opfer, auch in Sachsen, die erzählen, wie sie mit ihrem Leben gerungen haben. Übrigens, ein ehemaliger Bundestagsabgeordneter, Mitte 50, vorher kerngesund, ist an Covid-19 erkrankt, lag vier Wochen im Koma. Sein Vater ist gestorben. Er hat formuliert, wie ihn selber diese existenzielle Frage betroffen hat. Wie er jetzt anders in dieses Leben schaut. Und auf der anderen Seite, wie sehr ihn der Schmerz trifft, dass er seinen Vater am Lebensende nicht begleiten konnte.

Das sind doch die entscheidenden Fragen, die wir uns als Kirche stellen müssen. Und ich glaube, Christine Lieberknecht hatte da einen Kern getroffen. Sie hat es vielleicht verkürzt oder zugespitzt formuliert. Aber der Kern ist doch: Schaffen wir es als Kirche, Menschen in ihrer Lebenssituation zu begleiten? Und das ist die anthropologische, die religiöse Herausforderung unserer Zeit.

Das Gespräch führte Martin Bornemeier.

(DR)

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