Symbolbild Ökumenischer Gottesdienst
Ein katholischer Pfarrer und eine evangelische Pfarrerin

31.10.2019

Erklärung zur Rechtfertigungslehre vor 20 Jahren unterzeichnet Mit Verzögerung Früchte getragen

Ein wesentlicher Streitpunkt zwischen Katholiken und Protestanten wurde vor 20 Jahren ausgeräumt. Nicht genug, finden Kritiker bis heute. Dennoch ist die "Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre" eine Erfolgsgeschichte.

Der Titel ist sperrig - "Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre" - und der Start war holprig: Und doch ist die GER, wie sie abgekürzt wird, 20 Jahre nach ihrer Unterzeichnung am 31. Oktober 1999 in Augsburg zu einem ökumenischen Basisdokument geworden. Wobei hinzugefügt werden muss, dass dies stärker im internationalen Dialog der Kirchen gilt als ausgerechnet im Ursprungsland der Reformation, da die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) aus mehreren Gründen ein eher distanziertes Verhältnis zu dem Konsenspapier hat.

Ökumenisches Basisdokument

Der erste Grund dafür ist ein formaler: Während die EKD aus lutherischen, reformierten und unierten Landeskirchen besteht, ist die GER ein Ergebnis des Dialogs zwischen der katholischen Kirche und dem Lutherischen Weltbund (LWB). In dem Dokument bestätigen diese, dass zwischen Lutheranern und Katholiken ein Konsens in den grundlegenden Wahrheiten der Rechtfertigungslehre besteht - also in der Frage, an der sich im 16. Jahrhundert die Reformation und die sich daraus entwickelnde Kirchenspaltung entzündet hat.

Im Kern ging es darum, ob der Mensch - so Luthers These - nur durch die Gnade Gottes erlöst werden und zum Heil gelangen kann oder auch durch eigene gute Taten, Gebet, Fasten - oder auch durch im Mittelalter übliche Ablasszahlungen. In der GER betonen Katholiken und Lutheraner gemeinsam: "Rechtfertigung geschieht allein aus Gnade". Zugleich wurden alle früheren gegenseitigen Lehrverurteilungen aufgehoben.

Kritik und Kampagne gegen die Erklärung

Vor der offiziellen Zustimmung gab es Kritik aus beiden Kirchen an dem erarbeiteten Text, und es bedurfte noch einer "Gemeinsamen Offiziellen Feststellung" und eines "Anhangs" (Annex), bis die GER unterzeichnet werden konnte. In Deutschland starteten einige Dutzend evangelische Theologen vergeblich eine Kampagne gegen die Erklärung, was teilweise bis heute nachwirkt.

So brachte die EKD 2014 mit einem "Grundlagentext" zum Reformationsjubiläum mit dem Titel "Rechtfertigung und Freiheit" die Katholiken auf die Palme, weil die GER darin mit keinem Wort erwähnt wurde. Die Wogen wurden dann unter anderem dadurch geglättet, dass der neue EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm im Vorwort zu einer Neuauflage dem Dokument seine Reverenz erwies.

Gemeinsames Reformationsgedenken mit Papst Franziskus

Auf Weltebene war die Perspektive der aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen eine andere. Bereits 2006 schloss sich der Weltrat Methodistischer Kirchen der GER an. Im Sommer 2017 trat die Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen (WGRK) bei ihrer Generalversammlung symbolträchtig in Wittenberg mit einer Assoziierungserklärung der GER bei.

Auch die Anglikanische Gemeinschaft verkündete ihre inhaltliche Zustimmung am Reformationstag des gleichen Jahres. Damit haben sich die Repräsentanten von weltweit mehr als 250 Millionen Christen der verschiedenen protestantischen Traditionen die Ökumene-Erklärung zu eigen gemacht. Alle fünf Konfessionsgruppen haben seither einen gemeinsamen Konsultationsprozess begonnen, in dem kontinuierlich weitere Schritte beraten werden sollen.

Besonders fruchtbar erwies sich die GER für den Dialog zwischen dem Vatikan und dem LWB. Sichtbarer Ausdruck dafür war vor allem das gemeinsame Reformationsgedenken in Lund am 31. Oktober 2016 mit Papst Franziskus. Der nächste Schritt soll nach dem Willen beider Seiten eine gemeinsame Erklärung zu den schwierigen Themen Kirche, Eucharistie und Amt sein, möglichst bis 2030, dem 500-Jahr-Jubiläum des Augsburger Bekenntnisses der Protestanten. Wenn sie zustandekäme, wäre sie ein großer Schritt auf die Kirchengemeinschaft von Katholiken und Lutheranern hin.

Ökumenischer Gottesdienst in Stuttgart

Die Methode zur Erarbeitung der GER - zunächst ein bilateraler Konsens, dem sich dann weitere Partner anschließen - ist dabei allerdings nicht ohne weiteres wiederholbar. Denn innerprotestantisch können die Lutheraner nicht einfach vorpreschen, ohne ihre Beziehungen zu den anderen evangelischen Kirchen zu gefährden. Die Grundlage für diese innerprotestantische Ökumene bildet die Leuenberger Konkordie, mit der die seit der Reformation getrennten lutherischen, reformierten und unierten Kirchen 1973 ihre Differenzen überwunden und Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft erklärt haben.

Folgerichtig haben diese in der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) zusammengeschlossenen Kirchen und der Vatikan einen eigenen Dialogprozess begonnen. Auch wenn dieser verheißungsvoll begonnen hat, sind Ergebnisse noch lange nicht abzusehen.

Am 31. Oktober feiern die Kirchen in Deutschland erst einmal in einem ökumenischen Gottesdienst in Stuttgart das 20-Jahr-Jubiläum. Er folgt einer internationalen Liturgie, die eigens zum Jubiläum entwickelt wurde und nach der am selben Tag weltweit Gottesdienste gefeiert werden.

Norbert Zonker
(KNA)

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