Senioren in einer Kirchenbank
Senioren in einer Kirchenbank

20.09.2019

Immer mehr Ältere in den Kirchengemeinden Großeltern und die Glaubensweitergabe

Die beiden großen Kirchen in Deutschland haben massive Nachwuchsprobleme. Eine Folge dessen ist auch, dass ältere und alte Gläubige häufig in den Gemeinden den Ton angeben. Stimmt dieser Eindruck? Was bedeutet das für die Kirchen?

DOMRADIO.DE: Spiegeln die Kirchen im Grunde schlicht unsere alternde Gesellschaft wieder?

Petra-Angela Ahrens (Kirchen- und Religionssoziologin am Sozialwissenschaftlichen Institut der Evangelischen Kirche Deutschland): Das stimmt so nur zum Teil. Wir sehen einen Mitgliederrückgang bei beiden Kirchen, sowohl der evangelischen als auch der katholischen. Dies ist zum Teil auf die demografische Entwicklung zurückzuführen.

Die "Freiburger Studie" (Studie des "Forschungszentrums Generationenverträge" an der Universität Freiburg, Anm. d. Red.) hat eine langfristige Projektion angestellt und dort festgestellt, dass aber auch andere Aspekte eine Rolle spielen. Zum Beispiel das Nachlassen der Taufen. Ein wichtiger Grund dafür sind auch Kirchenaustritte, die vornehmlich in der jungen Generation stattfinden. Wenn man die erste Einkommensabrechnung bekommt, sieht man den Betrag, den man für die Kirchen bezahlen muss. Die meisten Menschen sind dann maximal Mitte 30 Jahre alt. Diejenigen fallen dann als Eltern auch überwiegend aus, wenn es um die Taufe ihrer Kinder geht.

Also haben wir auch noch zusätzlich diese Verschiebung mit zu beachten und das stärkt noch mal den Anteil der Menschen in der älteren Generation in der Relation.

DOMRADIO.DE: Aber auch das müssen wir festhalten: Image und Standing der Älteren und Alten in der Gesellschaft wandeln sich. Die Werbung hat Senioren schon lange als zahlungspotente Klientel entdeckt. Profitieren die Kirchen im Grunde von Wissen und Weisheit der älteren Generation?

Ahrens: Ich glaube, zum Teil können sie es, zum Teil tun sie es auch. Es hat gerade in den 2000er Jahren viele Projekte und Initiativen gegeben - insbesondere der sogenannten jungen Alten - zur stärkeren Einbindung in das Gemeindeleben. Ein wichtiger Punkt ist eben, dass es auch einen sogenannten Wandel des Alterns gibt. Das heißt, die heutigen jüngeren Älteren sind völlig anders orientiert als das früher der Fall war.

Wir kennen ja die Wertewandeldiskussion insbesondere aus den 1970er Jahren. Das sind höher Gebildete, relativ Selbstbewusste, die auch eigene Ideen für ihre Gestaltung des Lebens im Ruhestand entwickeln und daraus folgen auch Veränderungen für das Interesse an der Kirche, für das Interesse am Gemeindeleben. Ich denke, wenn man sie stärker einbinden will, muss man auch diese Interessen und Bedürfnisse einbeziehen. Und das kann zum Teil auch eine Herausforderung werden, wenn zum Beispiel Gemeinden noch an der alten Agenda des Gemeindelebens festhalten, das dann für die Älteren insbesondere durch die berühmten Seniorennachmittage gegeben ist.

DOMRADIO.DE: Speziell Großeltern spielen ja heute in Sachen Glaubensweitergabe eine wesentliche Rolle. Warum ist das so?

Ahrens: Wir stellen das in empirischen Untersuchungen fest. Ich habe eigene Untersuchungen im Bereich der Altersforschung gemacht und dort habe ich, was übrigens insbesondere für Großväter sehr spannend ist, eine Wiederannäherung an Glauben und Kirche festgestellt. Gerade bei denen, die einen häufigen Umgang mit ihren Enkeln haben. Ich glaube, das ist auch darauf zurückzuführen, dass Großeltern heute noch stärker wieder in das Familienleben mit den Enkeln eingebunden sind als das früher der Fall war.

Und der zweite Punkt ist, dass die familiäre religiöse Sozialisation eine große Rolle spielt. Dort werden viele Prägungen vorgenommen. Wenn man Befragungen sieht, die diese Aspekte berücksichtigen, dann kommt eben heraus, dass nach den eigenen Eltern die Großeltern die größte Rolle für die religiöse Sozialisation spielen. Das ist ein ganz, ganz wichtiger Punkt.

DOMRADIO.DE: Das heißt dann umgekehrt, dass die Kirchen für Senioren Orte sind, wo sie gebraucht, geschätzt und auch gefragt werden?

Ahrens: Damit komme ich im Prinzip ein wenig wieder auf die vorherige Frage zurück. Das geschieht an vielen Orten. Ich sagte ja, Projekte und Initiativen wurden gestartet, man muss diesen Wandel auch in den Einstellungen und Wertorientierungen mit berücksichtigen. Es kommt darauf an, wie sie eingebunden werden und ihre eigenen Bedürfnisse äußern können. Und ich glaube, dann können sie auch eine große Rolle spielen.

DOMRADIO.DE: Ob jetzt Alte als Leistungsträger mit Lebenserfahrung oder als potenzielle Pflegefälle wahrgenommen werden, ist ja auch ein Riesenunterschied. Und Sie machen da schon eine Verschiebung aus?

Ahrens: Ich mache eine Verschiebung aus. Sagen wir so: In den Nullerjahren stand das sogenannte Aktivitätsparadigma ganz im Vordergrund. Das heißt, die Leute gestalten frei ihr Leben, bringen sich ein, auch in die Gesellschaft. Das sehen wir ja auch an steigenden Engagementquoten in der älteren Generation.

Und zugleich wird das Thema Pflege, angesichts der demografischen Entwicklung, immer wichtiger. Ich wäre vorsichtig damit, beides gegeneinander auszuspielen. Auch die Orientierung auf Bedürftigkeit, Krankheit und Pflege ist ein ganz wichtiger Punkt. Das ist ja auch eine Frage der Inklusion. Wie können wir auch diese Menschen stärker in die Gesellschaft holen? Aber ich glaube, wir müssen das eine tun und dürfen das andere nicht lassen.

Das Interview führte Carsten Döpp.

(DR)

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