Kuppel der wiederaufgebauten Frauenkirche in Dresden
Kuppel der wiederaufgebauten Frauenkirche in Dresden
Ruine der Dresdner Frauenkirche 1992 in Dresden (Archivbild)
Ruine der Dresdner Frauenkirche 1992 in Dresden (Archivbild)

27.05.2019

Pfarrer über die Symbolkraft der Dresdner Frauenkirche "Sie steht für ein Zusammenwachsen in Europa"

Sebastian Feydt ist Pfarrer an der Dresdner Frauenkirche. Für ihn ist das evangelische Gotteshaus mehr als ein historisches Gebäude, das wieder aufgebaut wurde. Hier wurde zum Leben erweckt, was für viele tot schien, sagt er.

DOMRADIO.DE: Wenn Sie einmal an den Moment zurückdenken, als Anfang der 1990er Jahre gesagt wurde: Wir bauen die Frauenkirche wieder auf! War das realistisch für Sie? Was haben Sie da gedacht?

Sebastian Feydt (Einer von zwei Pfarrern an der Dresdner Frauenkirche): Mehr als 90 Prozent der Dresdner Bevölkerung hielt das damals für eine großartige, aber nicht umsetzbare Idee. Ich gehörte zu denen, die kritisch auf den Wiederaufbau schauten. Denn die Kraft, die die Ruine als Wahrzeichen oder als Mahnmal gegen den Krieg in den Jahren vor 1989 nicht nur für die Dresdner, sondern für viele Menschen in Ostdeutschland hatte, war nicht wegzureden. Für mich galt diese Kraft, dieses Zeichen gegen Krieg und Gegengewalt, aufrechtzuerhalten.

DOMRADIO.DE: Es ist bekannt, dass das DDR-Regime dem Christentum eher kritisch gegenüber stand. Hat es einen symbolischen Charakter, dass man die Kirche nach der Wende wieder aufgebaut hat? 

Feydt: Das war der Impuls derer, die fortsetzen wollten, was schon seit den frühen 1980er Jahren mit der Bewegung "Schwerter zu Pflugscharen" mit der Ruine der Frauenkirche verbunden worden war. Sie wollten ein Zeichen setzen, dass Abrüstung und ein friedliches Miteinander alte Gräben überbrücken und man jetzt in einem geeinten Europa zusammenleben kann.

Der Wiederaufbau der Frauenkirche ist ein Symbol für das Zusammenwachsen der vormals beiden Teile Deutschlands - aber auch für ein Zusammenwachsen in Europa. Und das macht den Wiederaufbau zu einem wichtigen Symbol für die Kraft, die in dieser Tat steckt.

DOMRADIO.DE: Sie spielt wahrscheinlich auch für die Stadtgemeinschaft eine große Rolle, oder? Dresden war ja durch den Krieg schwer zerstört worden. Wie wichtig ist es für die Bürger der Stadt, dass nun auch eine der großen Wunden der Bombardierung wieder geschlossen wurde?

Feydt: Nun, die Dresdner Stadtbevölkerung ist ja nur zu einem Drittel christlich. Das heißt, der Wiederaufbau einer Kirche war zuerst gar nicht ihr Ansinnen. Die gesamte Stadt stand im Fokus, auch das Zentrum. Dass wir heute den Neumarkt um die Frauenkirche herum als geschlossenen wunderbaren Platz erleben können, ist auch ein Ergebnis der Entscheidung, die Frauenkirche wieder aufzubauen. Aber es geht ja nicht nur darum, ein historisches Gebäude wieder erstehen zu lassen. Es ging den Initiatoren und uns heute darum, zu zeigen: Was ist nach Krieg und Zerstörung, nach all dem Leid, das Menschen einander zufügen, möglich? Welche Kraft steckt in uns, ein Gotteshaus wieder erstehen zu lassen?

Die Frauenkirche ist ursprünglich eine Marienkirche, das sagt ihr Name aus. Aber seit ihrer Wiedererstehung ist sie für uns alle auch eine Auferstehungskirche - ein Ort, an dem Menschen verstehen können, was es bedeutet, über sich hinauszuwachsen. Mehr Kraft zu haben, als ich mir selbst manchmal zutraue und etwas wieder zum Leben zu erwecken, was für viele Menschen tot schien.

DOMRADIO.DE: Die Frauenkirche ist ja interessanterweise keine Pfarrkirche. Es gibt keine direkte Gemeinde, aber trotzdem Gottesdienste. Wie kann man sich das Gemeindeleben bei Ihnen vorstellen?

Feydt: Nun, wir haben eigentlich die größte Gemeinde, die man sich vorstellen kann. Denn es ist eine weltweite Gemeinde, die mit einer lokalen Verwurzelung versehen ist. Überall auf der Welt haben Menschen dazu beigetragen, dass die Kirche wieder aufgebaut werden konnte. Mehr als 100.000 Menschen haben gespendet. Wir sind ein Ort - das ist gerade jetzt nach dem Brand in Notre-Dame auch wieder deutlich geworden -, der im Fokus der Öffentlichkeit steht, weil Menschen sich erinnern: Hier gelingt Wiederaufbau.

Fast zwei Millionen Menschen jährlich besuchen heute die Frauenkirche. Wir feiern zwei Gottesdienste täglich. Wir sind ein geistlicher Ort in Dresden - für die Gäste, aber auch für die Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt. Und nachdem die Außengerüste an der wiederaufgebauten Frauenkirche gefallen waren, hat man im Inneren gleichsam ein geistliches Gerüst eingezogen. Die Frauenkirche ist zu einer Kirche, zu einer Oase für Menschen geworden, die dort etwas finden, was sie an kaum einer anderen Stelle finden können: nämlich Ruhe und eine Ansprache, die sie neu anspricht.

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

(DR)

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