Michael Hillenkamp, Vorsitzender der Katholischen Konferenz für Telefonseelsorge
Michael Hillenkamp, Vorsitzender der Katholischen Konferenz für Telefonseelsorge

07.05.2019

​Ältere Menschen und Männer sind besonders durch Suizid gefährdet Tabu im Tabu

Es ist ein altes, aber wenig diskutiertes Phänomen: Unter älteren Menschen, besonders bei Männern, kommt Suizid besonders häufig vor. Experten sehen als Ursache vor allem gesellschaftliche Probleme.

"Ein Indianer kennt keinen Schmerz": Lange war dieser Satz in der Kindheit vieler Männer Programm. Insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg ging es selten darum, sich mit Gefühlen zu befassen, sondern vielmehr um Härte - auch gegen sich selbst. Viele Männer, die heute zur älteren Generation gehören, haben nie gelernt, mit seelischem Schmerz umzugehen.

Für Michael Hillenkamp, den katholischen Sprecher der ökumenisch getragenen Telefonseelsorge, ist das eine Erklärung dafür, warum ältere Männer besonders häufig Suizid begehen. Pro Jahr nehmen sich in Deutschland um die 10.000 Menschen das Leben. Im Jahr 2016 waren es laut Statistischem Bundesamt 9.838 Menschen, drei Viertel von ihnen Männer. Weltweit betrachtet ist die Suizidrate laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) unter Männern fünfmal so hoch wie bei Frauen; Experten gehen zudem von einer hohen Dunkelziffer aus.

Wenn das Selbstbild bröckelt

Ältere Männer hätten sich oftmals besonders über ihren Beruf und ihre Leistungsfähigkeit definiert, erklärt Hillenkamp. Wenn die Kräfte nachließen, beginne das ganze Selbstbild zu bröckeln. Zudem fehle vielen älteren Männern ein soziales Netzwerk. In Chören und Verbänden seien viel mehr Frauen aktiv - Männer am ehesten im Sportverein, "aber mit 80 wird auch das schwieriger", sagt der Experte. "Während Frauen zum Hörer greifen und ihre beste Freundin anrufen, haben Männer die Bierflasche als besten Freund - pauschal gesagt."

In der Tat galten auch Suchtprobleme bei älteren Menschen lange als Tabuthema, das erst allmählich stärker beachtet wird. Ältere Männer seien oft in schlechterer emotionaler Verfassung als ihre weiblichen Pendants, fügt Hillenkamp hinzu. Wenn sie tatsächlich Suizid begingen, seien diese Taten oft impulsiv, die Methoden radikal.

Angebot müssen maßgeschneidert sein

Angebote wie die Telefonseelsorge stehen allen Menschen offen. Hillenkamp sieht das Problem aber gerade darin, "dass ältere Männer eben nicht darin trainiert sind, soziale Beziehungen und Unterstützung in Anspruch zu nehmen". Letztlich sei die Gesellschaft gefragt: "Man müsste viel Fantasie aufbringen, um für diese Männer passende Angebote zu schneidern, die sie auch annehmen." Selbsthilfegruppen seien für viele nicht der richtige Weg: "Da würden die meisten sagen: Das brauche ich nicht, ich bin doch nicht bescheuert."

Auch der Gerontologe Uwe Sperling fordert andere Lebensentwürfe für ältere Menschen, mit denen sie weiterhin am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Eine "offensichtliche Bevorzugung von Jugendlichkeit" gebe älteren Menschen oft das Gefühl, nicht mehr hinterherzukommen. "Wer sich dauerhaft minderwertig fühlt, sieht im schlimmsten Fall in der Selbsttötung den letzten Ausweg."

Wertlosigkeit und Angst vor Autonomieverlust

Die häufigsten Motive für einen Suizid sind laut Studien - unabhängig vom Alter - das Gefühl von Wertlosigkeit und die Angst vor Autonomieverlust. Im fortgeschrittenen Alter kann beides zusammenkommen. Oft gehe es zunächst um eine "fantasierte Abhängigkeit", sagt Hillenkamp: "In der Realität lebt der Großteil älterer Menschen völlig selbstständig. Sie sind in der Lage, ihre Tage zu gestalten, und körperlich wie kognitiv wesentlich fitter als Gleichaltrige vor einigen Jahrzehnten." Zugleich sind die Suizidraten in Seniorenzentren und Altersstiften vergleichsweise niedrig.

Alter als "Zeit der Sinnsuche"

In diesem Zusammenhang können die Kirchen, die sich in ihrer diesjährigen "Woche für das Leben" mit dem Thema Suizidprävention befassen, einen Beitrag leisten. Sperling verweist auf US-Studien, die gezeigt hätten, "dass aktive Teilnahme am kirchlichen Leben ein Schutzfaktor für Menschen ist". Sowohl die Teilhabe am Gemeindeleben als auch ein positives Gottesbild könnten in Krisenzeiten hilfreich sein.

Hillenkamp sieht das Alter zunehmend als Zeit der Sinnsuche. Die Kirchen täten sich damit bisweilen schwer, sagt er: "Sie werden oft als Institutionen wahrgenommen, die vorgestanzte Antworten geben." Die Menschen seien heute jedoch "höchst individualistisch" und gäben sich mit vermeintlich fertigen Lösungen nicht zufrieden. Insofern rate er den Kirchen zu "mehr Offenheit für Fragen und Probleme und den Mut, individuelle Antworten zu akzeptieren."

Paula Konersmann
(KNA)

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