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Moskau, Konstantinopel und Rom – 1.000 Jahre Dreisamkeit

16.09.2018

Moskau, Konstantinopel und Rom – 1.000 Jahre Dreisamkeit Getrennte Kirchen aus dem Gleichgewicht

Der Papst in der Missbrauchskrise; und jetzt noch eine Quasi-Kriegserklärung zwischen den Patriarchen in Moskau und Konstantinopel: Das Gefüge der Christenheit, gerade erst in Entspannung begriffen, ächzt unter Konflikten.

Es scheint dieser Tage, als gerieten viele Konstanten des Zusammenlebens aus den Fugen: Frieden, Toleranz, Multilateralismus, Handelsfreiheit stehen auf dem Spiel. Umgekehrt schienen die uralten historischen Spaltungen der Christenheit durch unerwartete, spektakuläre Spitzenbegegnungen für eine kurze Zeit heilbar. Doch nun hat der Ukraine-Konflikt auf die orthodoxe Kirche durchgeschlagen. Und die Verwerfungen dort – die drohende Spaltung zwischen Moskau und Konstantinopel – bedrohen auch die jüngeren Errungenschaften des Vatikan im Bereich der Ökumene.

Rolle Moskaus in der Weltorthodoxie

Dort gab es zuletzt "historische" Begegnungen wie seit dem "Frühling des Zweiten Vatikanischen Konzils" in den 1960er Jahren nicht mehr: das allererste Treffen eines Papstes mit einem Moskauer Patriarchen auf Kuba im Februar 2016; der Flüchtlingsgipfel der griechisch-orthodoxen Kirche mit Papst Franziskus auf Lesbos im April 2016; die Begegnung der Patriarchen von Rom, Konstantinopel und Alexandrien in Ägypten im April 2017. Doch solche neuen Bande sind noch zerbrechlich – was vor allem mit der starken Rolle Moskaus in der Weltorthodoxie zusammenhängt.

Nach dem definitiven Ausscheiden Roms aus dem spätantiken Konstrukt der "Pentarchie" (griech. Fünfherrschaft; Rom, Konstantinopel, Alexandrien, Antiochien und Jerusalem) und dem Untergang des Byzantinischen Reiches (1453) wurde Moskau 1589 zum Patriarchat erhoben und von der Synode der vier verbliebenen Pentarchen 1593 in Istanbul neu an die fünfte Stelle gereiht.

Das "dritte Rom"

Moskau selbst versteht sich freilich als das "Dritte Rom"; zudem hat es die bei weitem meisten Kirchenmitglieder in der orthodoxen Welt aufzuweisen. Der Mönch Filofei fasste dieses Selbstverständnis 1510 in Worte, als er dem Zaren schrieb, dieser sei "der einzige, der die Zügel der heiligen apostolischen Kirche" halte – die nun statt im untergegangenen Rom oder in Konstantinopel in Moskau stehe. "Zwei Rome sind gefallen, das dritte steht, und ein viertes wird es nicht geben."

Dieses selbstbewusste politische Statement hatte in jenen Jahren durchaus Berechtigung. Nachdem Großfürst Wladimir von Kiew 988 getauft und durch Eheschließung Teil der kaiserlichen Familie in Konstantinopel geworden war, blieb das werdende Russland noch über Jahrhunderte Teil der byzantinischen Reichskirche. Als dann "die Politik" versagte und die russischen Fürsten Mitte des 13. Jahrhunderts Vasallen der Mongolen wurde, wuchs die russische Kirche in ihre historische Rolle als Identitätsstifterin der Nation und Wahrerin der russischen Kultur hinein.

"Union von Florenz"

Entscheidend für die Lehre vom "Dritten Rom" wurde, dass sich die vom Islam bedrohten Byzantiner 1439 in der kurzlebigen "Union von Florenz" auf eine kirchliche Wiedervereinigung nach der Spaltung von 1054 einließen, um aus Rom Unterstützung gegen die Osmanen zu erhalten. Als Konstantinopel schließlich 1453 an die Türken fiel, wurde dieser Untergang des "Zweiten Rom" in Moskau als Gottes Strafe für die Anbiederung an die Lateiner interpretiert. Der Zar ("Kaiser") galt fortan als einziger "Selbstherrscher" (byzantinisch "Autokrator"), und der Moskauer Metropolit – ab 1589 Patriarch – wurde fortan in Moskau und nicht mehr in Byzanz bestimmt.

Das Selbstverständnis vom "Dritten Rom" ist bis heute in den Köpfen der russischen Orthodoxie verankert. Es wird genährt von der neuen Nähe zum Putin-Staat, von neuem materiellen Reichtum und der zahlenmäßigen Größe Russlands im Konzert der orthodoxen Nationalkirchen. Konstantinopel, das "Zweite Rom", hatte dagegen im Laufe des 20. Jahrhunderts so viele politische Nackenschläge zu verkraften, dass es heute personell kurz vor dem Existenzminimum steht. Seine Größe innerhalb der Orthodoxie ist allein moralischer und geistlicher Art.

Diplomatie auf Eis gelegt

Dennoch beäugt Moskau sowohl die Rolle des Ehrenprimats von Konstantinopel in der Weltorthodoxie als auch jede ökumenische Annäherung von Rom und Konstantinopel sehr argwöhnisch – künftig vermutlich umso mehr, wo das Moskauer Patriarchat nun Patriarch Bartholomaios wegen der Ukraine-Krise die eucharistische Gemeinschaft gekündigt, sprich quasi die diplomatischen Beziehungen auf Eis gelegt hat.

Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) ist eine echte ökumenische Freundschaft zwischen den Päpsten in Rom und den Patriarchen von Konstantinopel gewachsen. Die Wunden der langen Kirchenspaltung von 1054 heilen. Man erinnere sich nur an die herzlichen Umarmungen von Bartholomaios I. mit Benedikt XVI. bzw. Franziskus 2006 und 2014 in Istanbul oder an den Flüchtlingsgipfel auf Lesbos 2016.

Unter Benedikt XVI. (2005-2013) und Franziskus hatte sich auch das frostige Klima zwischen Moskau und Rom deutlich verbessert – mit den Vorzeichen einer gemeinsamen Wertevermittlung und einer Zusammenarbeit in drängenden Weltfragen, etwa der Christenverfolgung im Nahen Osten oder der ökologischen Krise. Die neue Eiszeit zwischen Moskau und Konstantinopel bringt nun Rom in eine neue diplomatische Zwickmühle. Dem Freund Bartholomaios I. den Rücken zu stärken, könnte künftig heißen, die mühsam errungenen Fortschritte mit Moskau zu riskieren.

Alexander Brüggemann
(KNA)

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