Ellen Ueberschär, Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages
Ellen Ueberschär, Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages

06.05.2017

Kirchentags-Generalsekretärin im großen domradio.de-Interview "Wie vor einem Umzug"

Ellen Ueberschär, Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags, über ihre DDR-Jugend, die Aufregung vorm Kirchentag und warum sie gerne in eine katholische Kirche geht.

Ellen Ueberschär, Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags, hat diese Woche das Tagesevangelium bei domradio.de ausgelegt. Vor der Auslegung sprachen wir mit ihr über ihr Leben in der DDR, die Unterstützung ihrer Familie und warum der Kirchentag nach wie vor so wichtig ist. Lesen Sie hier, was Ellen Ueberschär sagt:

 

….ZUR AUSLEGUNG DES TAGESEVANGELIUMS

domradio.de: Als Pfarrerin setzen Sie sich regelmäßig mit Bibeltexten auseinander. Wie haben Sie sich auf das Tagesevangelium in dieser Woche vorbereitet?

Dr. Ellen Ueberschär (Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags): Wie man sich als Pfarrerin eben so vorbereitet: Man nimmt sich Kommentare und liest sich exegetische Bücher durch. Dann ist es natürlich so, dass man seine Lieblingsstellen und Lieblingsevangelien hat.

domradio.de: Gibt es denn dann eine Lieblingsstelle diese Woche?

Ueberschär: Das Johannesevangelium ist ein faszinierendes Evangelium, es erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Es lebt von dieser Rätselhaftigkeit und der Doppeldeutigkeit; es gibt dauernd Missverständnisse. Aber in diesen Missverständnissen wird in Grunde genommen das herausgearbeitet, worum man es eigentlich geht. Das entspricht auch unserem heutigen Leben. Vieles erschließt sich uns nur in Andeutungen. Und erst später denken wir: Ach ja, das war damit gemeint. Im Rückblick erschließt sich unser Leben. Wie sind wir geführt worden? Wie ist der größere Zusammenhang? Dazu ist das Johannesevangelium ein unheimlich anregender Text. Aber man muss wirklich dran bleiben. Es ist harte Kost.

 

…ZU IHRER BIOGRAPHIE

domradio.de: Sie sind schon sehr lange mit der evangelischen Kirche verbunden. Sie waren in Ihrer Jugend aktives Mitglied in der Berliner Kirche. Wie ist bei Ihnen der Wunsch entstanden, Ihr Ehrenamt zum Beruf zu machen?

Ueberschär: Das war ein sehr langer Weg, weil es in der DDR ja kein Beruf wie jeder andere war. Pfarrerin oder Pfarrer zu sein bedeutete, sich ständig gegen die Zumutungen der Diktatur wehren und sich darüber im Klaren sein zu müssen, dass auch die Familie davon betroffen sein würde. Deswegen war das auch eine Entscheidung, die nicht ohne weiteres und von einem auf den anderen Tag gefallen ist, sondern die in einem längeren Prozess gereift ist. Ich habe zuerst einen Beruf gelernt und mich dann gefragt: Will ich das wirklich? Und dann war der Wunsch da zu sagen: Das ist das, was mein Leben ausfüllt - das Leben im Evangelium. Und dann habe ich 1988 an der kirchlichen Hochschule in Berlin angefangen zu studieren.

domradio.de: Es gibt Dinge, bei denen man im Nachhinein denkt, was wäre, wenn das anders gelaufen wäre. Sie wollten ursprünglich Medizin studieren - warum hat das nicht funktioniert?

Ueberschär: Ich bin in der DDR zur Schule gegangen und hatte durch eine bestimmte Konstellation Glück, dass ich überhaupt Abitur machen durfte. Das war schon für jemanden wie mich, die aus einer christlichen Familie kam, ein ziemlicher Glücksfall. Danach war das nicht mehr möglich und wurde verhindert. Die geforderte  Leistung war nicht mein Problem, sondern meine gesellschaftliche Einstellung. Da war ich als Christin politisch unzuverlässig. Das Regime wollte verhindern, dass solche Leute dann solche beliebten Studiengänge machen konnten. Mir wurde auch gesagt: "Wenn sie so gute Noten haben und so gut reden können, dann werden sie doch Lehrerin." Solche Sprüche müsste man sich anhören.  

domradio.de: Was geht in einem vor, wenn so etwas zu einem gesagt wird?

Ueberschär: Man fühlt sich ohnmächtig und man hat so eine innere Wut, aber man weiß nicht so richtig, wohin damit. Wenn ich die Gemeinde nicht gehabt hätte, diese "Sprachschule der Freiheit", wie ich das auch im Nachhinein immer für mich resümiere, dann wäre man auch daran zerbrochen. Der Druck, der zu der Zeit ausgeübt wurde, was man alles unterschreiben sollte und wie man sich zu verhalten hatte, der war schon enorm - jedenfalls in der Schule, die ich besucht habe. 

domradio.de: Haben diese Umstände sie nochmals im Glauben bestärkt, weil sie auch von der Gemeinde aufgefangen worden sind?

Ueberschär: Ich bin in einer christlichen Familie aufgewachsen. Meine Eltern und ich waren sehr aktiv in der Kirchengemeinde. Das war nachher auch der Grund, zu sagen: "Warum studiere ich nicht eigentlich Theologie, wenn das so ein wichtiger Teil meines Lebens ist."

domradio.de: Gibt es manchmal dennoch Momente, in denen sie denken: "Was wäre, wenn ich Ärztin geworden wäre?"

Ueberschär:  Eigentlich überhaupt nicht, weil ich so dankbar bin für den Weg, den ich geführt worden bin. Ich habe so viele gute Jahre und so ein wunderbares Studium gehabt. In Berlin habe ich an der kirchlichen Hochschule angefangen, weil ich von aller staatlichen Kommunismus-Indoktrination die Nase voll hatte. Dann habe ich nach dem Mauerfall in Heidelberg weiter studiert. Dort habe ich für die Theologie Feuer und Flamme gefangen und konnte mir auch nichts anderes mehr vorstellen.

 

….ZUM KIRCHENTAG

domradio.de: Freuen Sie sich schon auf den Kirchentag?

Ueberschär: Ja, aber es ist auch ein bisschen wie vor einem Umzug. Hat man an alles gedacht? Was kann alles schief gehen? Es ist eigentlich unvergleichlich, 2500 Veranstaltungen so vorzubereiten, dass wirklich nichts schief geht. Das ist nahezu unmöglich.

domradio.de: Was reizt Sie denn aktuell an Ihrer Arbeit?

Ueberschär: Der Kirchentag ist ja eine unglaublich vielfältige und herausfordernde Arbeit, die unglaublich viel Spaß macht. Ich habe mit so vielen verschiedenen Menschen zu tun. Außerdem ist der Kirchentag eines der Ereignisse in diesem Land, wo alle nochmal aufmerken und sagen:  Worüber reden diese Christinnen und Christen eigentlich? Dieser Aufmerksamkeitsfaktor ist schon etwas, was für den Kirchentag wichtig ist und von dem ich denke, dass wir den nutzen müssen.

domradio.de: Vor allem evangelische Christen fiebern auf ein Datum hin - den 24. Mai. Denn dann ist der Start für den evangelischen Kirchentag. Wer über den Kirchentag spricht, kommt ja kaum um einen Namen herum - nämlich Barack Obama, den Sie eingeladen haben. Warum eigentlich?

Ueberschär: Ich wollte vorab nochmal sagen, dass alle Menschen eingeladen sind, auch die, die zweifeln oder nicht an Gott glauben. Der Kirchentag ist nicht nur für Christinnen und Christen da.

Wir haben Barack Obama gemeinsam mit der EKD eingeladen, weil er authentisch über seinen Glauben reden kann. Und er kann auch darüber sprechen, wie das eigentlich ist, wenn die eigenen Ideale und Werte auf die harte Realpolitik treffen. Wir hoffen, dass wir mit ihm darüber ins Gespräch kommen können.

domradio.de: Viele sind erst durch diese Meldung darauf gekommen, dass er kein Moslem ist sondern Christ. Es gibt ja nicht nur positive Reaktionen darauf. Ich nehme jetzt mal ZDF-Moderator Peter Hahne, der auch ehemaliges EKD-Ratsmitglied ist. Er nennt den Ex-Präsidenten einen „abgehalfterten Messias“. Mit ihm werde der Kirchentag zur „kirchenfinanzierten Show“.  Haben Sie etwas von dieser Kritik angenommen?

Ueberschär: Nein. Wenn wir niemand Prominentes einladen würden, würde Peter Hahne sagen: Die schaffen es noch nicht mal Prominente einzuladen. Das ist eine Kritik, die man nicht ernst nehmen muss, weil sie einfach unsachlich ist. Erstens sind ehemalige Staatspräsidenten nicht abgehalftert, sondern werden vielfach als Berater willkommen geheißen - besonders jemand wie Obama, der ja als erster schwarzer Präsident in den USA mit seinem Zweitnamen unglaublichen Widerständen ausgesetzt war. Das andere ist: Obama bekommt kein Honorar. Er hat darauf verzichtet. Das war vermutlich der Punkt, auf den Hahne abgehoben hat.

domradio.de: Der Kirchentag, für den sie hauptverantwortlich sind, umfasst insgesamt fünf Tage. Sie selber nennen sich Generalin und Sekretärin. Was ist das für eine Personalunion?

Ueberschär: Die Leute haben einfach irgendwann gefragt, was man den als Generalsekretärin des evangelischen Kirchentags macht. Daher habe ich den Begriff scherzhaft auseinander genommen. Einerseits bin ich natürlich für die Ehrenamtlichen - und der Kirchentag ist eine ehrenamtliche Bewegung - die Sekretärin. Aber für die Menschen in meinem Haus, die Angestellten, bin ich die Geschäftsführerin, insofern auch die Generalin, wenn man das militärisch ausdrücken will. Jedoch ist die Bezeichnung Generalsekretärin ein kirchlicher Begriff. Denn es gibt unglaublich viele Generalsekretäre von kirchlichen Organisationen auf der ganzen Welt.

domradio.de: Der evangelische Kirchentag ist eine freie Bewegung. Das Großereignis soll alle Interessierten ansprechen. Zudem ist er auch institutionell unabhängig von den evangelischen Kirchen. Ist der Kirchentag eine basisorientierte Gegenmacht von unten?

Ueberschär: Zunächst ist der Kirchentag ein eingetragener Verein, der Anfang der 50er Jahre, bedingt durch positive Resonanz, gegründet wurde. Natürlich ist im Laufe der Jahrzehnte der Kirchentag in einem osmotischen Verhältnis zur evangelischen Kirche gewachsen. Zwar gab es in den 80er Jahren die Idee sich gegen die Amtskirche aufzurichten. Aber ich finde, dass in Zeiten wie heute, wo von außen in der nicht kirchlichen Öffentlichkeit niemand den Unterschied zwischen Kirche und Kirchentag wirklich wahrnimmt, so etwas mühselig und auch überhaupt nicht angebracht ist. Denn wir befruchten die Kirchen, der Kirchentag befruchtet das kirchliche Leben, den kirchlichen Alltag. Weiterhin ist der Kirchentag ein Ereignis von Gemeinden für Gemeinden. Wenn dieses große Basisengagement nicht wäre, wenn es all die Menschen nicht gäbe, die Unterkünfte anbieten, die Gute Nacht-Cafés machen, die mit ihren Chören zum Kirchentag kommen, die etwas anbieten, die mitmachen und gleichzeitig teilnehmen, wäre der Kirchentag schon längst tot. Deswegen würde ich das nicht mit dem Machtwort verbinden, sondern würde sagen: Es ist eine Basisbewegung, eine Gemeindebewegung, die aus der Kirche herauskommt  und auch in die Kirche wieder hinein Impulse setzt.  

 

….ZUR ÖKUMENE

domradio.de: Die gemeinsame Eucharistiefeier ist immer wieder Streitpunkt auf evangelischen Kirchentagen und Katholikentagen. Wird das auch in drei Wochen Thema werden?

Ueberschär: Die Eucharistie und die Geburt des gemeinsamen Abendmahls sind tendenziell immer ein Thema, da wo es um die Ökumene zwischen römisch-katholischen und evangelischen  Christinnen und Christen geht. Insbesondere im Jahr 2017, weil wir auf 500 Jahre Reformation zurückgucken. Die Reformatoren untereinander waren sich auch nicht wirklich einig, wie das Abendmahl zu verstehen ist. Dies ist zum Glück mittlerweile behoben. Seit etwa 40 Jahren gibt es Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft zwischen so gut wie allen evangelischen Konfessionen.  Allerdings steht die eine große Gemeinschaft im Abendmahl bzw. in der Eucharistie noch aus.

domradio.de: Sie sind der Meinung, dass gemischt-konfessionelle Eheleute gemeinsam zum Abendmahl gehen dürfen und auch sollten. Der Papst hat vor einiger Zeit gesagt, dass Eheleute dies mit ihrem Gewissen prüfen mögen. Ist das in ihren Augen ein großer Schritt?

Ueberschär: Also wenn dem keine rechtlichen, verbindlichen Regeln folgen auf die jeder, der in einer konfessionsverbindenden Ehe lebt, sich berufen kann, bleibt es ein wohl bei dem guten Willen des Papstes. Da muss schon mehr passieren.    

 

….ÜBER DIE ROLLE DER FRAU

domradio.de: Die Kirchen  -  sowohl katholisch als auch evangelisch - sprechen intensiv über die Rolle der Frauen. In der katholischen Kirche wird über das Diakonat der Frauen diskutiert. Sie haben da auch einen Standpunkt: Sie würden sich von der katholischen Kirche als evangelische Christin ein bisschen mehr wünschen.

Ueberschär: Ja, ich hoffe doch, dass die katholische Kirche irgendwann dazu kommt, Frauen den gleichen Zugang zum Priesteramt einzuräumen wie das nach langen und vor allem theologischen Diskussionen auch in der evangelischen Kirche der Fall ist. Wir haben hier die ganze Zeit das Johannesevangelium und den Zugang zum Vater diskutiert. Da stand ja an keiner Stelle, dass das nur für Männer gilt. Es wäre auch aus theologischen Gründen an der Zeit. Ich weiß, dass das ein sehr langer Weg sein wird. Ich weiß, dass das Diakonat ein Schritt auf diesem Weg wäre, aber ich würde mir wünschen, dass die katholische Kirche diesen Schritt auch tut.

domradio.de: Jetzt können Sie und ich und auch unsere Hörer in absehbarer Zeit nichts daran ändern. Wenn wir uns erstmal auf eine andere Ebene begeben, also auf das tägliche Miteinander der Christen, was kann man tun, um das besser zu gestalten für die Frauen in der Kirche?

Ueberschär: Ehrlich gestanden: Ich glaube, da wird unglaublich viel getan. So wie ich das sehe, ist das auf der Ebene der Gemeinde angekommen. Frauen engagieren sich in den Gemeindekirchenräten und in der religiösen Bildung. Es gibt auch dort, wo die Ökumene gut funktioniert, zwischen den Konfessionen keine Unterschiede.

Der Blick auf das alltägliche Gemeindeleben zeigt, dass die Unterschiede gering sind  - in dem, was die katholischen Gemeinden und was die evangelische Gemeinden umtreibt. Hier in Fulda gehe ich oft in die Innenstadtpfarrei, weil das einfach eine ganz wunderbare Gemeinde ist, die engagiert zusammen kommt und genau das tut, was anderswo evangelische Gemeinden tun.

(dr)

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