Nord-Bischöfe bereiten sich auf Reformationsjubiläum vor
Lutherdenkmal in Wittenberg

11.03.2017

Reformation als Verlustgeschichte Millionen Hochzeiten und Millionen Todesfälle

Die Kirchen schlagen zum 500. Jahrestag der Reformation versöhnliche Töne an. Etwa beim großen "Buß- und Versöhnungsgottesdienst" an diesem Samstag in Hildesheim. Denn die Geschichte hält immer noch viel Bitteres bereit.

Im Gedenkjahr zu 500 Jahre Reformation melden sich viele versöhnliche Stimmen zu Wort. Die 95 Thesen Martin Luthers seien aus heutiger Sicht nurmehr katholische Reformvorschläge, heißt es etwa. Oder: die katholische Kirche wäre bis heute niemals so weit gekommen ohne die Auseinandersetzungen mit dem Protestantismus.

Der Oxforder Historiker Diarmuid MacCulloch urteilt schärfer: Angesichts vergehender Strahlkraft des Christentums und wachsenden Unverständnisses für theologische Feinheiten in der säkularisierten Gesellschaft des 21. Jahrhunderts könne die gewaltreiche Geschichte der Reformation aus heutiger Sicht wie ein Streit zweier Kahlköpfe um einen Kamm wirken.

Kirchen um Versöhnung bemüht

So oder so - zum runden Jahrestag der Kirchenspaltung sind die beiden großen Kirchen um Versöhnung bemüht. Doch eine bittere Bilanz ist nicht zu beschönigen: Millionen Tote, Millionen Verletzte und Millionen seelsorgliche Beschwerungen im vermeintlichen Namen Jesu Christi. Bruderkriege innerhalb einer Religion hat es immer gegeben.

Sprengen heute sunnitische und schiitische Hitzköpfe gegenseitig ihre Moscheen in die Luft, taten es vor der Aufklärung Katholiken und Protestanten mit ihren Kirchen. Religion ohne intellektuelles Rüstzeug oder Notbremse hat die Sprengkraft, aus Eifer genau das Gegenteil von dem auszurichten, was ihre Botschaft ist.

Gerade mal sechs Jahre brauchte die Reformation nach 1517, um im Deutschen Bauernkrieg Ursache von Gewalt zu werden. Wer ist Ketzer, wer Antichrist? Von da an nahm das Morden im Namen Christi kein Ende mehr: die Kappelerkriege in der Schweiz, der Schmalkaldische Krieg 1546/47, die sogenannten Hugenottenkriege in Frankreich seit den 1560er Jahren, der Englische Bürgerkrieg, schließlich der Dreißigjährige Krieg, der zwischen 1618 und 1648 halb Europa in einen Sog der Brutalität hineinzog und ganze Landstriche entvölkerte.

Immer neue Flüchtlingsströme zogen in immer neuen Religionskriegen durch Europa - größere, als die Völkerwanderung und der Untergang des Weströmischen Reiches auf die Beine gebracht hatten. Überboten wurden sie nur durch die noch größeren Barbareien der beiden Weltkriege und die humanitären Katastrophen unserer Tage.

Vorurteile gegenüber der jeweils anderen Konfession

Und nicht nur Flucht, Hunger, Tod und Invalidentum sorgten über Jahrhunderte für Leid und Elend. Bis ins 20. und 21. Jahrhundert hinein wirkten und wirken als Echo der Gewalt Diskriminierung und Vorurteile gegenüber der jeweils anderen Konfession; sei es durch Beschimpfung oder Benachteiligung in Staat, Bildungschancen und Arbeitsmarkt. Unterschiedliche Konfession trennten Liebende und Familien. Millionen Mischehen sorgten für Streit, Verwerfungen und Enterbung, für Standesverlust und psychisches Leiden.

Mit der Zeit wurde der Krieg durch Kleinkrieg ersetzt. Katholiken fuhren an Karfreitag Gülle aus; dafür hängten die Protestanten zu Fronleichnam ihre Wäsche in den Garten oder mähten während der Prozession den Rasen. Heute gehen "Papisten" und "Lutherböcke" kaum mehr aufeinander los. Kabarettist Jürgen Becker darf voll Inbrunst schmettern: "Ich bin so froh, dass ich nicht evangelisch bin", und die englische Komikertruppe Monty Python lästert in einem Lied-Sketch über eine katholische Familie mit Dutzenden Kindern: "Every sperm is sacred".

Ein einfacher Blick auf Nordirland zeigt aber, dass auch das weitgehend säkularisierte Westeuropa unserer Tage längst noch nicht über konfessionelle Kindergartenstreitigkeiten erhaben ist. In Belfast hatten im Sommer 2001 über mehrere Wochen katholische Grundschüler einen täglichen Spießrutenlauf durch eine aufgebrachte Menge zu absolvieren. Nur mit massivem Polizeiaufgebot konnten die Kinder und ihre Eltern den Weg zur Holy-Cross-Grundschule im protestantischen Stadtviertel Upper Ardoyne passieren.

Es ist sicher nicht falsch, sich für zugefügtes Leid der Vergangenheit zu entschuldigen, am besten gegenseitig. Wichtiger scheint vielen aber, in den aktuellen Menschheitsfragen zusammenzustehen und mit einer Stimme zu sprechen. Zurückzukehren zu der zentralen Botschaft Jesu, über die man sich einst zerstritten hat - Nächstenliebe, oder moderner: Solidarität.

Alexander Brüggemann
(KNA)

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