Fragen und Antworten zu 500 Jahren Reformation (Teil 1)

Gedenken oder Jubiläum?

Es ist ein Jahrestag der Extraklasse: Am 31.Oktober wird das Lutherjahr 500 Jahre Reformation eröffnet, gemeinsam mit Papst Franziskus. Im Interview erklärt der Journalist Benjamin Lassiwe die Feinheiten dieses Feier- und Gedenktages.

Lutherdekade (KNA)
Lutherdekade / ( KNA )

domradio.de: Die Zeichen der Ökumene werden in den vergangenen Monaten immer häufiger und intensiver: Gemeinsame Pilgerfahrt der Bischöfe ins Heilige Land, der Papst empfängt Luther-Pilger. Am 31. Oktober wohnt Franziskus der Eröffnung des Lutehrjahres im schwedischen Lund bei. Was haben all diese Zeichen zu bedeuten?

Benjamin Lassiwe (evangelischer Journalist): Die Veranstaltung in Lund sagt eigentlich schon alles. Wer uns vor 20 Jahren gesagt hätte zum 500. Jubiläum der Reformation kommt ein Papst in die Stadt, in der der Lutherische Weltbund gegründet worden ist und wird dort gemeinsam mit den Vertretern der Lutheraner eine Liturgie feiern – dem hätten wir doch alle einen Vogel gezeigt, oder?

domradio.de: Was hat sich in der Zeit geändert?

Lassiwe: In den vergangenen Jahrzehnten hat es sehr intensive ökumenische Dialoge gegeben, gerade zwischen Lutheranern und Katholiken. Erst in dieser Zeit hat sich herausgestellt, dass man beim Abendmahl im Grunde die gleiche Lehre vertritt und nur noch bei der Ämterfrage unterschiedliche Positionen hat. Martin Luther glaubte selbstverständlich an die Realpräsenz beim Abendmahl. Das hätte man in den 60ern oder 70ern einem katholischen Pfarrer vielleicht so nicht unter die Nase reiben sollen. Der hätte es nicht geglaubt, und sein evangelischer Amtsbruder vermutlich auch nicht.

domradio.de: In Laiensprache – Im evangelischen Gottesdienst esse ich ein Stück Brot, im katholischen nehme ich das Fleisch Christi zu mir in anderer Form.

Lassiwe: Martin Luther war katholischer Mönch und hat an dieser Lehre nichts geändert. Auch wir Lutheraner glauben natürlich an die Realpräsenz im Abendmahl. Man isst nur dann ein 'Stück Brot' wenn man im reformierten Gottesdienst sitzt. Das reformierte Abendmahlsverständnis ist tatsächlich etwas anders. Da ist das Abendmahl ein Zeichen der Erinnerung an das letzte Mahl Christi. Von Realpräsenz spricht man da nicht.

domradio.de: Also gibt es selbst innerhalb der evangelischen Kirchen da Unterschiede?

Lassiwe: Die gibt es, und darüber wird auch schon seit Jahrhunderten diskutiert.

domradio.de: Am 31. Oktober wird das Lutherjahr eröffnet gemeinsam mit Papst Franziskus. Was bedeutet das für die evangelischen Christen?

Lassiwe: Es ist bedeutsam in zweierlei Hinsicht. Einmal zeigt es, dass die Reformation nicht nur eine deutsche Angelegenheit ist. Die Reformation ist eine Weltbürgerin. Es begegnen sich also bei der Eröffnung in Schweden zwei Weltorganisationen: Der Päpstliche Einheitsrat und der Lutherische Weltbund. Die beiden begegnen sich auf Augenhöhe. Das Besondere daran ist, dass keiner der beiden alleine einlädt, sie haben beide gemeinsam die Welt eingeladen. Die Feier steht unter dem Motto “Vom Konflikt zur Gemeinschaft“, und so wird auch die Liturgie dort gemeinsam gefeiert.

domradio.de: Das entspricht auch den Worten des Vatikans: Kardinal Kurt Koch, Vorsitzender des Päpstlichen Einheitsrates und damit quasi „Ökumene-Minister“ vom Papst nennt das ein 'sehr positives Zeichen' und ist dankbar darüber, dass Papst Franziskus an der Feier teilnimmt. - Wie stehen Sie als evangelischer Kirchenjournalist zu dieser Aussage aus Rom?

Lassiwe: Diese Aussage ist durchaus ein Meilenstein. Sie zeigt, dass auch auf römischer Seite nicht mehr darüber streiten muss, was im Jahr 2017 eigentlich gefeiert wird. Das haben wir jahrelang getan. Gerade in Deutschland haben wir ewig über Begrifflichkeiten diskutiert. Nennt man es Gedenkjahr oder Jubiläum? Das eigentliche 'Event' ist darüber etwas ins Hintertreffen geraten. Umso wichtiger ist es, dass man sich nun gemeinsam geeinigt hat wie dieses Ereignis zu begehen ist, ohne einer Seite dabei weh zu tun.

domradio.de: Dabei finden die Feierlichkeiten aber nicht in Wittenberg und nicht in Deutschland statt, dem Geburtsland der Reformation. Welche Bewandnis hat das?

Lassiwe: Das führt meines Erachtens dazu, dass man es entspannter machen kann. Man muss nicht an den historischen Ort gehen, der aus katholischer Sicht vielleicht auch noch belastet sein mag. Es führt aber auch dazu, dass es keine Veranstaltung ist, die von der deutschen evangelischen Kirche dominiert werden kann. Beim Lutherischen Weltbund sind die Ansprechpartner klar. Das sind Lutheraner, die dem Papst gegenüber stehen. Bei der EKD sind auch reformierte und unierte Landeskirchen mit im Boot. Da ist es nicht so klar, wofür die ganze Organisation steht und woran sie glaubt.

Es wird schwierig, das, was mit dem Lutherischen Weltbund international ausgearbeitet wurde auf Deutschland zu übertragen. Das ist auch ein wichtiges Thema, wenn wir an das gemeinsame Abendmahl denken. Die Lutheraner sind immerhin so weit, dass der Papst bei seinem Besuch in der lutherischen Gemeinde in Rom einen Messkoffer mit Abendmahls-Geschirr überreichen konnte. Der Generalsekretär des Lutherischen Weltbundes Martin Junge sagt er hofft sehr stark darauf, dass wir 2017 in der Beziehung vielleicht eine kleine ökumenische Sensation erleben, und es im Laufe des Jahres ein gemeinsames Abendmahl zwischen Katholiken und Lutheranern geben könnte. Mit den Reformierten und Unierten wird das eher schwierig.

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch

Teil 2 des Interviews "Gedenken oder Jubiläum?" finden Sie im Link unter diesem Artikel.


Quelle:
DR
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