Dialog der Generationen
Dialog der Generationen
Ulrike Scherf
Ulrike Scherf

08.04.2016

"Woche für das Leben" 2016 beginnt mit Gottesdienst in Mainz Erfahrungen der Älteren nutzen

Mit einem ökumenischen Gottesdienst im Mainzer Dom eröffnen die beiden großen Kirchen am 9. April unter dem Thema "Alter in Würde" ihre "Woche für das Leben" 2016. Mitorganisatorin Ulrike Scherf ruft dazu auf, die Erfahrungen Älterer mehr zu nutzen.

domradio.de: Die Woche für das Leben wird in diesem Jahr in Mainz eröffnet. Und das ganz konkrete Thema lautet: "Alter in Würde". Ein Thema, was vermutlich immer wichtiger wird, oder?

Ulrike Scherf (Stellvertretende Kirchenpräsidentin der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau): Genau. Wir erleben ja alle durch die demografische Entwicklung, dass immer mehr Menschen in unserem Land älter sind und auch älter werden. Die Medizin hat große Fortschritte gemacht, es gibt soziale Unterstützung, so dass Menschen in viel größerer Weise als früher ein sehr hohes Alter erreichen. Das birgt besondere Herausforderungen und auch besondere Chancen, darauf einen speziellen Fokus zu legen und für dieses besondere Lebensalter zu sensibilisieren. Das ist für uns wichtig und deshalb veranstalten wir auch die Woche für das Leben zu dem Thema "Alter in Würde".

domradio.de: Die Lebensleistung der vorangegangenen Generationen anzuerkennen und zu achten, dazu sind wir im Grunde alle verpflichtet. Auf der anderen Seite gibt es kaum noch Mehr-Generationen-Häuser oder Großfamilien. Werden Senioren weniger wertgeschätzt als früher?

Scherf: Ich glaube, dass in der letzten Zeit gerade das Bewusstsein neu wächst, wie die Lebensleistung von älteren Menschen für unsere Gesellschaft auch wieder neu genutzt werden kann. So gibt es Aktionen, wo ältere Menschen Jüngeren vorlesen, wie beispielsweise im Kindergarten oder verschiedenen anderen Stellen, wo sie ihre Erfahrung einbringen können. Insofern gibt es viele Möglichkeiten, wo gerade das Alter nicht nur unter der Perspektive des Defizits erscheint, sondern in besonderer Weise im Blick auf die Möglichkeiten und die Erfahrung, die alte Menschen einbringen können.

domradio.de: Die Kirche, die Diakonie oder die Caritas kümmert sich in vielen ihrer Einrichtungen um alte Menschen. Seit Jahren wird kritisiert, dass in der Pflege zu wenig Zeit für emotionale Arbeit übrig bleibt, also zum Beispiel Gespräche. Wie erleben Sie das?

Scherf: Das ist ein Thema, das ich kenne. Darunter leiden wir auch oft miteinander. Auf der anderen Seite freue ich mich doch, dass immer wieder auch Möglichkeiten der Begegnung geschaffen werden: Wenn über die Pflege hinaus beispielsweise ein ehrenamtlicher Besuchsdienst da ist, der Menschen unterhält. Es gibt aber auch ganz konkrete Angebote, etwa in unserer Diakonie, wo bewusst Mehr-Generationen-Häuser eröffnet werden. Diese dienen dazu, auszugleichen, dass Menschen zunehmend isoliert sind. Da gibt es Kontaktmöglichkeiten zwischen Still-Gruppen von Müttern und Lebensberatung für Ältere. In Alzey haben wir ein Projekt mit Hausaufgabenhilfe. Ich denke aber auch an ein Mehr-Generationen-Haus, das wir in Großzimmern haben. Da findet gerade eine Aktion statt, dass unbegleitete minderjährige Ausländer einen Rollatoren-Führerschein machen, um Menschen den Umgang mit der Gehhilfe beizubringen. Das sind alles Möglichkeiten, wie wir versuchen, Generation nicht zu isolieren, sondern generationsübergreifend Kontakte zu ermöglichen. Ein weiteres Beispiel sind auch die Familienzentren. Da werden Lebensmittelgeschäfte und Seniorencafés angeboten, um ein Leben im Alter vor Ort in Würde zu ermöglichen.

domradio.de: Nun geht im Alter nicht alles mehr so schnell und einfach. Vielleicht wollen die Beine nicht mehr, die Augen gucken durch eine dicke Brille und die Ohren sind nicht mehr zuverlässig. Manche wollen da nicht mehr, sie sind "lebens-müde". Wie lässt sich der Lebensgeist denn wieder wecken?

Scherf: Zunächst einmal denke ich, hat jeder Mensch ein Recht darauf zu sagen, bei ihm oder ihr geht es nicht mehr so schnell, man braucht seine Ruhe, man darf auch ein stückweit das Tempo herausnehmen und sagen, dass das ein oder andere nicht mehr möglich ist. Ich glaube aber schon, dass Menschen trotz allem im Blick auf ihre geistigen und seelischen Fähigkeiten viel zu geben haben und auch ansprechbar sind. Das allerwichtigste ist, dass wir miteinander Menschen in dieser Lebensphase im Blick haben. Oft hilft da eine Form der Zuwendung, dass jemand weiß, er oder sie ist nicht alleine, so wie es ihm oder ihr geht. Es hört jemand zu, es kommt Besuch, es interessiert sich jemand. Das sind oft kleine Zeichen, die wieder Kraft schöpfen und auch Mut für den nächsten Tag geben.

Das Interview führte Tobias Fricke.

(dr)

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