Reformationsbotschafterin Käßmann
Margot Käßmann ist gegen Waffenlieferungen

31.10.2014

Käßmann zur Reformation "Ein Ereignis in Deutschland"

In den ostdeutschen Bundesländern gilt der Reformationstag offiziell schon als Feiertag. Die evangelische Theologin und ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann macht sich im domradio.de-Interview für einen bundesweiten Feiertag 2017 stark. 

domradio.de: Sie sind die Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017. Welche Botschaft haben Sie denn?

Käßmann: In dem heutigen Gottesdienst wollen wir das Verhältnis von Bild und Bibel ins Zentrum stellen. "Bild und Bibel" ist auch der Titel für das neue Themenjahr, was wir heute eröffnen - als Vorbereitung für das Jubiläum 2017. Die Frage lautet: Können wir kritisch mit Bildern umgehen? Es war ein Anliegen Martin Luthers, dass die Bilder nicht an die Stelle Gottes treten und angebetet werden - also eine Bilderkritik. Wir versuchen das auch mit heutigen Bildern. Der Gottesdienst wird um 16 Uhr im NDR übertragen.

domradio.de: Welche aktuellen Bilder sind das?

Käßmann: Die Anfangsbilder kennen sicherlich alle: Wie zum Beispiel die Mädchen, die vor den Napalmbomben im Vietnamkrieg weglaufen, der Kniefall von Willy Brandt in Warschau, Martin Luther King beim großen March of Washington 1963 oder die zusammenstürzenden Twin Towers in New York am 11. September 2001.

domradio.de: Heute wird in ganz Deutschland Halloween gefeiert. Haben Sie Angst, dass Halloween dem Reformationstag den Rang abläuft?

Käßmann: Das hoffe ich doch nicht; die Inhalte sind doch sehr verschieden. Halloween wurde gezielt eingeführt, nachdem die Karnevalsindustrie 1991 durch die Absage der Karnevalsfeiern aufgrund des ersten Irakkriegs hohe Verluste gemacht hatte. Heute haben wir diesen Kürbiskult überall. Es soll ja eher ein großer Spaß sein, aber die Angst vor realen Mächten, Dämonen, Hexen und Teufeln - das war etwas, was Martin Luther den Menschen gerade austreiben wollte. Er sagte: Ihr müsst keine Angst haben, Gottes Botschaft ist eine befreiende. Und ich denke, darauf können sich heute Christen aller Konfessionen sehr gut einigen.

domradio.de: In den ostdeutschen Ländern, außer in Berlin, ist der Reformationstag ja heute schon gesetzlicher Feiertag. 2017 soll er das auch einmalig bundesweit sein. Die Bundeskanzlerin ist dafür. Thüringens Ministerpräsidentin Lieberknecht dagegen, weil sie sagt, dass regionale Unterschiede wichtig für unsere Kultur sind.

Käßmann: Ich  denke, dass es für die ganze bundesdeutsche Kultur wichtig ist  - und nicht nur für Thüringen. Wenn Frau Lieberknecht das sagt, erstaunt mich das. Und der deutsche Bundestag hat einstimmig beschlossen, dass es hier um das Kulturerbe der ganzen Nation geht. Es geht natürlich um die Evangelischen, die da ihren Ursprung sehen. Es geht auch um die Ökumene. Aber es geht auch um die Bundesrepublik Deutschland, weil Martin Luther den Weg zur Volksschule für alle geebnet hat, weil Bildungsgerechtigkeit ein Thema war, weil die deutsche Sprache entstanden ist durch seine Übersetzung der Bibel in die deutsche Sprache. Es geht um ein Ereignis in Deutschland. Und ich finde, dass kann nach 500 Jahren wahrhaftig ein Feiertag sein.

Das Gespräch führte Verena Tröster.

(DR)

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