Patriarch Bartholomäus (links) zu Gast in Bellevue
Patriarch Bartholomäus (links) zu Gast in Bellevue

14.05.2014

Beim Berlinbesuch von Bartholomäus ging es auch um türkische Politik Empfangen wie ein Staatsgast

Mit Motorradeskorte bewegte sich Patriarch Bartholomäus vom Bundestag zum Schloss Bellevue und zum Bundeskanzleramt. Die mögliche Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee soll bei Kanzlerin Merkel auf Unmut gestoßen sein.

Nicht jedem Kirchenführer wird diese Ehre zuteil, an einem Tag nacheinander von den höchsten Repräsentanten Deutschlands empfangen zu werden. Für Bartholomäus I. war es schon das zweite Mal. Sein erster Besuch in Deutschland war 1993, die Bundeshauptstadt hieß damals noch Bonn, der Bundespräsident Richard von Weizsäcker, der Kanzler Helmut Kohl und die Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth.

Der zeitliche Horizont des seit 1991 amtierenden Patriarchen reicht allerdings viel weiter als diese beiden Jahrzehnte. In seinen Ansprachen an diesem Mittwoch nahm er ebenso Bezug auf die seit 50 Jahren bestehende griechisch-orthodoxe Metropolie in Deutschland sowie die seit 1.700 Jahren währende Existenz des Patriarchats von Konstantinopel. Er nutzte die Gelegenheit, den Repräsentanten des Staates für ihre Gastfreundschaft und vielfältige Unterstützung der rund 1,3 Millionen orthodoxen Christen in Deutschland - davon etwa eine halbe Million zur griechisch-orthodoxen Metropolie gehörend - zu danken. Und er hob hervor, dass das ökumenische Patriarchat eine "rein geistliche Tätigkeit" ausübe und "keine Politik im Sinne, wie dieses Wort heute verstanden wird", betreibe.

Religionsfreiheit in der Türkei

Natürlich waren gleichwohl auch handfeste politische Themen Gegenstand der Gespräche, auch wenn diese in den veröffentlichten Redemanuskripten des Patriarchen und in den knappen Angaben aus der jeweiligen Pressestellen nicht vorkamen. Bundespräsident Joachim Gauck, soeben erst von einer Türkei-Reise zurückgekehrt, konnte dabei seine eigenen Eindrücke mit den Erfahrungen des Gastes abgleichen, dessen weltweite Rolle von den türkischen Behörden schlicht ignoriert wird. Die Lage der offiziell rund 100.000 Christen in der Türkei ist nach wie vor schwierig, ursprüngliche Erwartungen auf Verbesserungen unter der Regierung von Recep Tayyip Erdogan im Vergleich zu seinen laizistischen Vorgängern haben sich kaum erfüllt.

Bundestagspräsident Norbert Lammert ließ nach seinem Treffen mit Bartholomäus I. verlauten, die "aktuelle Situation bezüglich der Religionsfreiheit in der Türkei" sei angesprochen worden. Die Lage sei zwar besser als in früheren Jahren, so der Patriarch, doch seien nicht alle Probleme gelöst. Im Einzelnen benannte er den nicht vorhandenen Rechtsstatus des Patriarchats in der Türkei, die seit 1972 andauernde Schließung der griechisch-orthodoxen Hochschule in Chalki sowie die illegale Konfiszierung von Kirchengütern durch türkische Behörden. Lammert wertete seinerseits die Schließung der Hochschule als "zentrale Behinderung der theologischen Ausbildung und damit der Religionsfreiheit".

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel sind diese Themen wohlvertraut. Bartholomäus I. dankte ihr ausdrücklich für ihre beiden Besuche am Sitz des Ökumenischen Patriarchats in Istanbul, die eine "besondere Unterstützung für dieses und seinen ökumenischen, weltweiten Dienst" bedeutet hätten.

Türkei prüft Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee

Die Bundeskanzlerin zeigte sich empört über die geplante Rückumwandlung der Hagia Sophia in Istanbul in eine Moschee. Im Gespräch mit dem Patriarchen drückte sie ihre Verwunderung über dieses Vorhaben aus, wie aus Teilnehmerkreisen am Mittwoch in Berlin verlautete. Die Hagia Sophia ist einer der ältesten und größten Kirchenbauten der Christenheit. Seit dem 15. Jahrhundert bis zur Gründung der türkischen Republik 1923 wurde sie als Moschee genutzt. Seitdem ist sie ein Museum und gehört zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten Istanbuls.

Die türkische Regierung unter Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan prüft derzeit eine Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee. Demnach sollen christliche Mosaiken und Fresken in dem byzantinischen Bau nur mehr in den Morgenstunden für Touristen zu sehen sein. Vor dem islamischen Mittagsgebet sollten Fresken und Mosaiken dann mit Hilfe einer speziellen Lichttechnik abgedunkelt werden. Die Rückumwandlung in eine Moschee solle kurzfristig am 30. Mai vollzogen, heißt es.

Am Dienstag hatte sich Bartholomäus I. in Bonn für eine Aufnahme der Türkei in die EU ausgesprochen - eine im politischen Berlin durchaus kontroverse Forderung. Er erhofft sich davon eine "gegenseitige Bereicherung". Europa sei zwar christlich geprägt. Diese Werte seien jedoch so universell und zeitlos, dass auch die Türkei sie mittragen könnte, so der Patriarch. Im Manuskript seiner Ansprache bei Merkel davon kein Wort. Vielmehr meinte er, die orthodoxe Kirche arbeite "mit allen zeitgenössischen Strömungen zusammen, welche dem Menschen helfen", strebe dabei aber nicht nach Einfluss und Macht oder danach, Anhänger zu gewinnen.

Norbert Zonker
(KNA)

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