05.10.2002

Nachrichtenarchiv 05.10.2002 14:47 Mein Gott, wie gottlos

Kardinal Meisners Kritik am deutschen Katholizismus und heftige ReaktionenDer KölneT Kardinal Joachim Meisner redet Klartext. Unabhängig davon, ob gefällt, was er sagt, oder nicht. Er schielt nicht nach Beifall, spricht aus, wovon er überzeugt ist, weil „wir Bischöfe die Wahrheit verkünden sollen und müssen, sei es gelegen oder ungelegen".Das ist ein wesentlicher Punkt mit Blick auf die jüngsten Äußerungen des Kardinals, die ihm von Laien bis hin zu Bischöfen heftige Kritik eingebracht haben. Meisner hatte ausgeteilt, und zwar kräftig: in einer Predigt während der Herbstvollversammlung der Bischöfe in Fulda und später (präzisiert) im Kölner „domradio". Vor lauter Strukturen, Statuten, Sekretariaten und Kommissionen drohe die Kirche in unserem Land zu einer reinen Organisation zu erstarren, sagte Meisner. „Wenn die Struktur stärker ist als das Leben, das Von ihr geschützt werden soll, dann wird sie zur Gefahr, das Leben zu erdrücken und zu töten, und dann hat man nur noch Knochen, nur noch Gerüst, nur noch Papier in der Hand." In Gremien und Kommissionen würden heute viele „Verantwortung mittragen und darum auch mitreden", Glaubenswissen sei aber nur noch sehr begrenzt vorhanden. „Es geht nicht nur darum", so Meisner, „dass der vitale Glaube uns abhanden zu kommen scheint, sondern dass an seiner Stelle ein selbst gezimmerter, ideologischer Glaube Einzug gehalten hat, der nur noch dem Namen nach katholisch ist. Manche unserer Einrichtungen verdunkeln den katholischen Glauben." Und: „In diesen Wust von Apparaten, Strukturen, Zuständigkeiten und Kompetenzen muss der Gottesgeist hineinfahren wie ein Sturm und alles wegblasen, was die Stimme der Kirche, was ihr prophetisches Wort relativiert, was die Leuchtkraft ihrer Botschaft vernebelt."Das ist ein authentischer Meisner. So sieht es der Kardinal und deshalb äußert er sich so harsch. Nun bringt es nichts, sich an seiner Wortwahl zu stören, wenn er etwa im „domradio" die Kirche in ihrer derzeitigen Verfassung einen „müden Haufen" nennt. Was zählt, ist die Frage: Hat Meisner Recht?Zehn bis 13 Prozent der Katholiken gehen noch zur Kirche, ein Bruchteil von ihnen engagiert sich in seiner Gemeinde oder in den Verbänden.  Das   heißt: Die „Masse" der Katholiken hält Abstand zur Kirche.  Sie hören den Kardinal gar nicht, sie interessiert nicht, was er sagt. Seine Kritik trifft also die „Treuen". Sind sie aber so pauschal in die Ecke zu stellen? Erzbischof Meisrier habe offenbar keine Ahnung davon, mit welchem Engagement und Glaubenszeugnis sich katholische Laien in Kirche und Politik einsetzten, sagte ZdK-Präsident Hans Joachim Meyer. Und der kirchenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Hermann Kues, warnte vor einem Rückzug der Kirche aus der Gesellschaft. Oder Knuth Erbe, Vorsitzender des Bundesverbandes der Deutschen Katholischen Jugend. Er warf dem Kardinal „geistlichen Hochmut" vor und vermisste eine „Ehrenerklärung" der anderen Bischöfe für die vielen engagierten Gläubigen. In diese Richtung geht, was Kardinal Karl Lehmann, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, anmerkte. Er und viele andere Bischöfe teilten die pauschale Kritik des Kölner Erzbischofs an den Laien und Laienverbänden nicht. Es gebe zwar da und dort Probleme, die man diskutieren müsse. Aber die Frage sei, in welcher Form das geschehe.Hat Meisner Recht? „Wenn wir unverkürzt die Botschaft verkünden, dann hilft das den Menschen, aus der Spaßgesellschaft eine Bewährungsgesellschaft zu machen", predigte er. Er will Positives bewegen. Aber ist es nicht ein Irrweg, etwas Positives erreichen zu wollen und dabei immer nur auf dem Negativen herumzureiten? Pointiert sagte der Aachener Bischof Heinrich Mussinghoff, nach Meisners Predigt habe er gedacht: „Mein Gott, wie gottlos muss das Erzbistum Köln geworden sein."