24.05.2011

10.10.2010 Welt am Sonntag Der Nobelpreis für Medizin verärgert die katholische Kirche

Der Nobelpreis für Medizin verärgert die katholische Kirche
Leben, wo eigentlich kein Leben entstehen will - nicht mehr und nicht weniger ist dem diesjährigen Medizinnobelpreisträger Robert Edwards und seinem vor über 20 Jahren verstorbenen Kollegen Patrick Steptoe gelungen. Sie haben Eizellen im Reagenzglas befruchtet, sie hinterher Müttern eingepflanzt und so ungewollt kinderlosen Eltern einen großen Wunsch erfüllt. Das ist der Königlichen Schwedischen Akademie der Wissenschaft
in diesem Jahr der Nobelpreis für Medizin wert. Und nicht nur Edwards freute sich, sondern auch Louise Joy Brown, die als erster Mensch dank der künstlichen Befruchtung (In-vitro- Fertilisation, IVF) vor über 32 Jahren geboren wurde. So wie ihre Eltern haben mittlerweile vier Millionen Menschen auf die IVF zurückgreifen müssen, um endlich Nachwuchs zu bekommen. Allein diese Zahlen sprechen für den Erfolg von Edwards" Methode.

Die katholische Kirche zeigt sich überaus verstimmt über die Wahl der Nobelpreis-Jury. Die von Edwards entwickelte IVF bedeute Gefahren für das Lebensrecht menschlicher Embryonen, sagte der Augsburger Weihbischof Anton Losinger dem Kölner domradio. Er vertritt die katholische Kirche im Deutschen Ethikrat. Der Nobelpreis könnte als eine "Art Heiligsprechung" der künstlichen Befruchtung verstanden werden. Unter anderem sei es problematisch, dass im Reagenzglas erzeugte Embryonen auf Gendefekte untersucht
und gegebenenfalls nicht eingepflanzt werden. "Welches Menschenbild von Behinderten generieren wir, wenn wir behinderte Embryonen etwa aufgrund eines festgestellten Gendefekts aussortieren?" Jeder Mensch sei ab dem Zeitpunkt seiner Zeugung ein
Mensch mit Lebensrecht und Würde und damit im Schutz auch einer rechtsstaatlichen Ordnung anzusiedeln. Er wandte sich gegen die Entkopplung von Liebe und Zeugung.

Der Vatikan sieht die Debatte um den Medizinnobelpreis kritisch. In der Diskussion bleibe die Vorbeugung gegen Unfruchtbarkeit ausgeklammert, schreibt die Vatikanzeitung
"Osservatore Romano". Seit Jahren nehme Sterilität in der westlichen Welt zu. Statt gegen die Ursachen vorzugehen und vorzubeugen, konzentriere man sich auf nachträgliche
Schadensbehebung. "Man sucht ständig nach Modalitäten für eine Befruchtung, ohne zu
erklären, dass Sterilität zum großen Teil verhindert werden kann", schreibt der Mediziner und Bioethiker Carlo Bellieni. Dabei komme es darauf an, bestimmte Infektionen
zu vermeiden, den Genuss von Alkohol zu mäßigen, keine Drogen zu nehmen und die Umwelt von bestimmtem Plastikmüll oder löslichen Verbindungen zu befreien, die die Fruchtbarkeit negativ beeinflussen können.
Die Kirche sehe mit Sorge, dass viele Menschen
eine Hälfte ihres Lebens mit der Angst leben, ein Kind zu bekommen, und danach Angst haben, keines mehr bekommen zu können. Auf Kritik, die bereits vor 40 Jahren auch aus Forscherkreisen laut wurde, entgegnete Edwards, der gesundheitlich zu angeschlagen ist, um Interviews zu geben: "Dogmen, entweder kommunistischen oder christlichen Ursprungs,
die in die Biologie eingedrungen sind, haben nichts als Schaden angerichtet."
ph