Flüchtlinge am 24.08.15 vor dem ehemaligen Praktiker-Baumarkt in Heidenau vor einem Peace-Zeichen aus Teelichtern
Flüchtlinge am 24.08.15 vor dem ehemaligen Praktiker-Baumarkt in Heidenau vor einem Peace-Zeichen aus Teelichtern

30.08.2015 - 07:50

Wo man ehrlich wissen will, wie es dir geht Von Hass und Zuhausegefühlen

"Du bist willkommen, setz dich zu uns, krieg das Zuhausegefühl. Dort, wo der Mensch im Zentrum steht, man ehrlich wissen will, wie‘s dir geht." Die Worte klingen vielleicht ein bisschen naiv, aber nett. Dass sie jetzt Häme und Spott auslösen, wundert mich aber nicht.

Denn "wo man ehrlich wissen will, wie es dir geht..." tönt es, ausgerechnet,  aus einem Imagefilm über Heidenau. Heidenau? Ja, das Heidenau mit der brennenden Flüchtlingsunterkunft und dem gewalttätigen Mob, in dem ganz offensichtlich sehr viele Menschen auf keinen Fall wissen wollen, wie es Flüchtlingen aus Afrika geht. Sondern mit Geschrei und Gewalt dafür sorgen, dass sie nicht mal notdürftig in einem ehemaligen Baumarkt unterkommen.

Nur zwei Tage später taucht im Netz ein neuer Film auf. Mit diesem Imagesong aus Heidenau – und 23 Jahre alten Bildern, die immer noch wehtun. Damals brannten in Rostock-Lichtenhagen, in Hoyerswerda und in Solingen Asylheime. Unter diese Bilder von damals, legt jemand den Heidenau-Song als Soundtrack. Ich wunder mich nicht  - der Song ist eine Steilvorlage für Spott und Häme. Im Kontrast zu dem "du bist willkommen – krieg das Zuhausegefühl" –Geträller, wirken die Gewalt und der Hass in den Bildern noch roher, noch brutaler, noch unmenschlicher.  

Eine kluge Onlinejournalistin eines Nachrichtenmagazins schlägt daraufhin den Heidenauern vor, aus der Not eine Tugend zu machen, der Häme entgegenzutreten. Ernst machen mit dem, womit die Stadt sich selbst besingt: "denn gemeinsam können wir noch bewegender sein. Heidenau ist die Stadt, die mehr zu bieten hat. Jeder hat hier was zu sagen, jeder wird hier gehört." Recht hat die Journalistin, natürlich. Ernstmachen müssten die Heidenauer mit ihrem eigenen Text. So wie wir alle.

Auch vor 23 Jahren konnte ich nicht zur Tagesordnung übergehen, liefen mir die Bilder von Lichtenhagen so nach, wie es heute die aus Heidenau tun. Damals gingen wir auf die Straße. Beteiligten uns an Lichterketten. Besuchten Seminare, um herauszufinden, wie echte Solidarität wächst. Oder wie wir bei Gewaltangriffen deeskalierend wirken konnten.

Alles ist wie damals: Wieder gibt es die, die Hass speien, Brandsätze werfen und Menschenleben gefährden. Und die, die in ganz Deutschland die Ärmel aufkrempeln: Kleider zusammensuchen, Deutsch unterrichten, Spenden sammeln. Haus und Herz öffnen. Das ist wunderbar. Doch:

ein Wunder gibt es nur, wenn wir auch die Herzen der Steinewerfer erreichen.

Nur, wie?