Die graue Schaukel
Die graue Schaukel

28.06.2020 - 07:10

WunderBar Wie ich unseren Garten neu entdeckte

Wahrscheinlich ist das, was es in unserem Garten zu sehen gibt, nicht wirklich schön. Aber es ist wirklich lebendig.

 

Schrabb nach rechts. Schrabb nach links. Ich stehe im Garten und schmirgele.

Was ich da im Garten mit Stahlwolle beschrabbe ist eine Schaukel. Eine Art Hollywoodschaukel aus schlanken, eleganten Kanthölzern.

Die Schaukel war ein Hochzeitsgeschenk der Freunde meines Mannes. Und in den ersten Jahren, damals wohnten wir noch nicht am Niederrhein, habe ich sie gehegt und gepflegt. Auseinander gebaut, geschmirgelt, geölt und wieder zusammengebaut.

Dann kam der ungewollte, ungeliebte Umzug. Nach dem ersten Trauerwinter über alles, was ich hatte zurücklassen müssen, riss ich mich zusammen. Schließlich war das hier die Kindheit der Kinder. Und das Wichtigste in der Kindheit ist das Gefühl, die Stimmung, in der die Kinder aufwachsen.

Gemeinsam mit meinem Mann machten wir uns ans Werk, machten aus Haus und Garten ein Zuhause.

Ein bisschen stolz baute ich die Schaukel wieder auf. Aber passend zum Grau, das sich über unseren Umzug gelegt hatte, verdarb die Schaukel innerhalb eines Sommers. Was dieses schreckliche Grau genau verursachte? Vielleicht ist ja am konservativen Niederrhein auch der Regen schwarz?

Scherz. Die wahre Antwort weiß ich bis heute nicht. Ein, zwei, drei Sommer lang habe ich mich gegen den grauen Verfall gestemmt. Dann habe ich aufgegeben und die schöne Schaukel ihrem grauen Schicksal überlassen.

Bis vor ein paar Wochen.

Als die Coronapandemie im März über uns alle hereinbrach, habe ich mich zum ersten Mal nach langer Zeit wieder im Garten umgeschaut. Also, wirklich, richtig hingeschaut.

Und plötzlich war mir, als sähe ich unseren Garten zum ersten Mal:

Der Rasen, der schon lange kein Rasen mehr ist. Sondern eine Wiese, die keiner mähen will, damit die Bienen sich am Klee laben können. Die Blumen und Kräuter in den schmalen Beeten, in denen seit Ewigkeiten kein Unkraut gejätet wurde.

Wahrscheinlich ist das, was es in unserem Garten zu sehen gibt, nicht wirklich schön.

Aber es ist wirklich lebendig. Und das ist es, was ich plötzlich sehe: All das viele Leben in den roten und den weißen Rosen. Den Hummeln und den Bienen. Den lila Schnittlauchblumen und der im Schatten über die Jahre riesenhaft gewachsenen Tanne.

Und die graugraue Schaukel?  Unter jedem Schrabb leuchtet mehr warmes Holz auf. Wie wunderbar.

(ak)