leuchtendes Grablicht
leuchtendes Grablicht

01.11.2015 - 07:50

oder: die Lebenden gehören zu den Toten Kaffee und Kuchen an Allerheiligen

Meine Schwiegereltern habe ich leider nie kennengelernt. Und meine Kinder konnten es dann natürlich erst recht nicht. Alte Fotoalben anschauen, erzählen, wir geben uns alle Mühe, die Enkel dennoch mit den Großeltern bekannt zu machen. An einem Allerheiligen, als die Kinder noch klein waren, haben wir es auch mit einem Gräberbesuch auf dem Friedhof versucht.

Eine Stunde Autofahrt. Es dämmert schon fast, als wir ankommen. In der Zeit, in der wir über die Friedhofswege zum Grab laufen, wird das Dunkel noch dichter und die Grablaternen noch lichter. Ein schönes Bild.

Wir sind nicht die einzigen heute. Viele gehen zu den Liebsten, die uns allen schon vorausgegangen  

Unser Ziel liegt am Ende einer langen Reihe:  Ein großer, grauer Stein. Zwei Vornamen, Wilhelm und Gerda. Ein Nachname. Das ist alles. Für unser Anliegen eher suboptimal kindgerecht.

Tapfer stellen wir unsere Laterne auf. Der Große, damals ein Kindergartenkind, darf die Kerze anzünden. Dann stehen wir da und versuchen eine Brücke zu schlagen. Zwischen diesen kleinen Menschlein hier und jenen, die sich dort so geheimnisvoll verbergen. Und doch da sind.

Das geht mehr schlecht als recht.

Mittlerweile ist es richtig dunkel. Und kühl. Wir wollen zum Auto zurück. Der Kleine, der damals noch sehr klein ist, will nicht. Bockbeinig bleibt er vor dem Grab stehen. Das kennen wir schon und gehen dann mal in Richtung Auto. Er wird schon nachkommen. Tut er aber nicht. Stattdessen schreit es auf einmal hinter uns: "Nicht gehen. Noch kein Kuchen!"

Auch im Dunkeln können Blicke töten. Keine Ahnung, was die anderen denken. Nur zur Sicherheit, nein, wir sind keine Grufties, die ihre Kinder um Mitternacht auf den Friedhof zu schleppen und sie bei Kakao und Kuchen das Fürchten zu lehren.

Wenigstens aber verstehe ich jetzt, was der Kleine denkt. Ich laufe zum Grab zurück. Das Kind bebt vor Empörung.

 "Stimmt", sage ich, "bei Oma und Opa gibt es immer Kakao und Kuchen. Aber das sind Mamas Eltern. Hier besuchen wir  die Eltern von Papa. Wir erinnern uns aber nur an sie hier. Sie sind da und doch nicht da. Aber,  wo sie jetzt sind geht es ihnen gut. Wenn sie wollen, bekommen sie da  jeden Tag  Kakao und Torte."

"Und du jetzt auch", füge ich hinzu "Die andere Oma hat deinen Lieblingskuchen, Käsesahne, für dich gebacken. Komm schnell."