31.03.2019 - 07:10

und Entdeckungen über den Zeitgeist Ausgesetzte Bücher

Egal wo. Überall, wo Bücher ausgesetzt werden, muss ich welche mitnehmen.

So wie am Sonntag, nach einem Krankenbesuch. In der großen Krankenhauseingangshalle steht ein offenes Regal mit jeder Menge Bücher. Wie die Brote bei Frau Holle im Backofen hör ich sie schreien: „Hol mich raus, hol mich raus, ich bin schon viel zu lange hier.“

Weil ich so neugierig bin, was andere Menschen über die Welt dachten und was davon sie in Geschichten oder Gedanken zwischen zwei Buchrücken druckten, landet dieses Mal „Inge findet ihren Weg“ in meiner Handtasche. Ein Buch über „ein junges Mädchen, hübsch, lebensfroh und guten Mutes“, bewirbt es der Verlag.

Mit den Stereotypen für Frauen, die dunkelrote Abendkleider und Nagellack natürlich vom rechten Weg abbringen und  „eitle Töchter Evas“ gescholten werden, sollte ich in einem Buch für junge Mädchen von 1967 wohl rechnen.

Als Inge aber fertige Erzieherin geworden ist und den „schweren Weg“ in ein Heim für „Behinderte“ antritt, bin ich beim Lesen entsetzt. Inge wird Hausmutter in einem einer Gehörlosenschule angegliedertem Heim.

Immer wieder wird geschildert, wie Inge lernen muss, ihr Herz zu verschließen, wenn die kleinen Jungen vor Heimweh und Trennungsschmerz weinen:  „Lassen wir ihn ein wenig schreien“, ermahnt der Direktor Inge. Tja,  schrecklicherweise finde ich, tatsächlich behage dem Kleinen „seine Schreitour“ selbst nicht mehr und er spiele fröhlich mit.

Und sobald Inge in geselliger Runde von ihrer Arbeit erzählen will, wird ihr vorgeworfen, sie verderbe die Stimmung. Jetzt bin ich über den damaligen Zeitgeist wirklich erschrocken.

Will mehr wissen, suche Informationen über die Autorin. Martha Schlinkert ist 1913 geboren und hat im Ersten Weltkrieg ihren Vater, einen Hochofenbauer, verloren. Ihre Mutter hat Martha und ihre zwei Geschwister mit Nachtschichten allein ernährt.

Weil Martha kein Geld für Bücher hatte, hat sie sich Geschichten ausgedacht. Über 100 Titel und eine Gesamtauflage von mehr als sechs Millionen Büchern hatte Martha Schlinkert am Ende ihres Lebens vorzuweisen.

Ich staune. Darüber, wie sich das Schicksal eines kleinen, armen Halbwaisenmädchen in das einer Bestsellerautorin wenden kann. Und auch  darüber, wie sehr der Zeitgeist sich zu wandeln vermag.  

Und nein, weder in der Frauenfrage, noch in unserem Blick auf Menschen mit Behinderungen sind wir bei wirklicher Gleichberechtigung angekommen.  Weit entfernt.

Aber wenn wir in 50 Jahren so viel bewegen konnten – wie erst könnte, wenn wir weiter machen, die Welt in einem halben Jahrhundert aussehen!