Symbolbild: Aufgeschlagene Bibel in einer Kirchenbank
Aufgeschlagene Bibel in einer Kirchenbank

31.01.2021 - 08:00

Wort des Bischofs Zum Sonntag des Wortes Gottes

Zum zweiten Mal wird heute der von Papst Franziskus im Jahr 2019 eingeführte "Sonntag des Wortes Gottes" begangen. An diesem Tag soll sich die Kirche besonders "der Feier, der Betrachtung der Verbreitung des Wortes Gottes widmen". 

"Darauf öffnete er ihren Sinn für das Verständnis der Schriften" (Lk 24,45). So beginnt Papst Franziskus das Dokument, mit dem er den Sonntag des Wortes Gottes einführt, den wir heute feiern. Es braucht also offenbar einen Sinn für das Verständnis der Heiligen Schrift. Vielleicht lässt sich das mit einem Vergleich verdeutlichen: Stellen wir uns vor, da ist ein verliebtes Pärchen. Sie heiraten, sie verbringen ihr Leben miteinander, sie bekommen Kinder. In einer kleinen Kiste sammeln sie Erinnerungsstücke an das gemeinsame Leben. Briefe. Die Karte vom ersten gemeinsamen Kinobesuch. Die Hochzeitseinladung. Der kaputte Spiegel vom ersten gemeinsamen Auto, das bei einem Unfall Totalschaden erlitt und bei dem einer der beiden nur knapp überlebte. Vielleicht ist auch das Stammbuch mit all den Daten von ihnen und den Kindern darin. Eine leere Pralinenschachtel, die an den Krankenhausbesuch und eine gemeinsam durchstandene Krankheit erinnert. Ein Zettel mit den jeweiligen Lieblingsgebeten. Vielleicht ein Zeitungsausschnitt. Wir können uns vieles vorstellen, was in dieser Kiste liegen könnte. Wenn nun jemand die Kiste findet, wird er den Inhalt aber nur dann verstehen, wenn er weiß, dass er Ausdruck der gegenseitigen Liebe der beiden, der Freude und der Dankbarkeit über einander und über die gemeinsame Zeit ist. Für sich genommen und ohne Bezug zur Kiste würden die Dinge bedeutungslos oder hätten zumindest eine andere Bedeutung.

Mit der Bibel ist es in gewisser Weise ähnlich. Es sind darin ganz unterschiedliche Texte, aus unterschiedlichen Zeiten, die unter unterschiedlichen Umständen entstanden sind. Man kann sie aber nur dann verstehen, wenn man weiß, dass sie alle Zeugnisse der Liebe zwischen dem allmächtigen Gott und uns Menschen sein sollen. Wenn wir das glauben, dann können wir durch die Texte der Bibel noch tiefer verstehen, was es bedeutet, dass Gott eine Liebesbeziehung und eine Geschichte mit uns Menschen haben möchte – auch heute noch.

Ihr
Rainer Woelki
Erzbischof von Köln