18.06.2017 - 08:00

Wort des Bischofs Diese Gravitationswellen hauen mich um

Gibt es eine Konkurrenz zwischen Naturwissenschaft und Glauben? Widersprechen manche naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, insbesondere in der Physik, Glaubensüberzeugungen? Wie verhält es sich zum Beispiel mit dem Phänomen der Gravitationswellen? Kardinal Woelki meint: "Mir wird die Größe und Einzigartigkeit der wunderbaren Schöpfung Gottes noch mehr bewusst!"

Im Sonnenlicht stehe ich viel lieber als im Rampenlicht. Es ist doch verrückt, dass das Licht in einer einzigen Sekunde fast 300.000 Kilometer zurücklegt - oder? Das Licht vom Mond bis zur Erde ist z.B. nur 1,3 Sekunden unterwegs.

Ich kann mir diese Geschwindigkeit kaum vorstellen. In unserem Universum rechnen die Forscher gar mit Entfernung von "Lichtjahren" - also der Strecke, die das Licht in einem Jahr zurücklegt. Gerade erst wieder haben Wissenschaftler zum dritten Mal Gravitationswellen nachgewiesen. Ausgelöst von zwei sogenannten Schwarzen Löchern, die in rund drei Milliarden - ja sie haben richtig gehört - drei Milliarden Lichtjahren von unserer Erde entfernten Galaxien verschmolzen sind. 920 Millisekunden lang ließen sich die davon ausgelösten Gravitationswellen auf den hochsensiblen Messgeräten feststellen.

Diese unvorstellbaren Zahlen beeindrucken mich: Da sind auf der einen Seite diese überragenden wissenschaftlichen Leistungen und Messergebnisse. Und dann ist da ein Albert Einstein, der – nur durch Berechnungen und seinem genialen Geist – schon vor 100 Jahren diese Raumzeitkrümmungen vorausgesagt hat, die erst letztes Jahr bewiesen werden konnten. Verrückt oder?

Aber erschüttern diese Ergebnisse nicht meinen Glauben an Gott? Nein, ganz im Gegenteil: Mir wird nur die Größe und Einzigartigkeit seiner wunderbaren Schöpfung noch mehr bewusst. Denn schon in den uralten Psalmen der Bibel heißt es: "Herr, wie groß und zahlreich sind all Deine Werke! Mit Weisheit hast du sie alle gemacht!" Trotz all der bewundernswerten wissenschaftlichen Erkenntnissen glaube ich nicht, dass wir jemals auf all unsere Fragen eine Antwort bekommen. Ich glaube aber an einen Gott, der uns alle an allen Enden der Erde liebevoll in seiner Hand hält und bei uns ist bis ans Ende der Zeit!

Ihr Rainer Woelki

Erzbischof von Köln