15.01.2017 - 08:00

Wort des Bischofs Kleine Sünden ...

Das Blitzeis hat auch Kardinal Woelki erwischt, nach einem Sturz hat er nun ein blaues Auge. An einen strafenden Gott, der kleine Sünden sofort mit einem Missgeschick ahndet, glaubt er aber nicht. Denn Gott ist wie ein barmherziger Vater.

Es ist nicht zu übersehen. Beim Glatteis am letzten Wochenende habe auch ich mich unglücklich auf die Nase gelegt und mir ein blödes blaues Auge geholt. Keine Sorge, alle dummen Sprüche dazu habe ich in den letzten Tagen schon gehört: Von "Na, haben Sie ihr blaues Wunder erlebt?" bis "Mit wem haben Sie denn geboxt?" Besonders schön auch: "Sehen Sie Herr Kardinal, kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort!"

Aber gerade bei den kleinen Sünden muss ich dem Volksmund widersprechen. Nein, natürlich macht auch ein Kirchenmann immer wieder Fehler. Aber der Gott, an den ich glaube, der ist doch kein strafender Verkehrsrichter, der mich bei Glatteis ausrutschen lässt und mich mit einem blauen Auge bestraft, nur weil ich gesündigt habe. So kleinkariert ist Gott nicht. Er lässt nicht unsere Computer abstürzen oder verhagelt uns die Ernte, nur weil wir gerade mal wieder nicht seinen Willen getan haben. Der Gott, an den ich glaube, wird schon am Ende der Zeit mein Richter sein. Aber hier und jetzt schon schenkt mir Gott die Freiheit. Ich kann tun, was richtig ist – oder mich für den falschen Weg entscheiden. Schon kleine Kinder wissen sehr gut, was gerecht oder total ungerecht ist. Gott schenkt uns diese Entscheidungsfreiheit – in jedem Moment. Wir können sofort damit anfangen seinen Willen zu tun – und diese Welt wird ein klein wenig gerechter und liebevoller. Wenn wir uns aber um eine gerechtere Welt bemühen, dann können wir dabei schon mal auf die Nase fallen. Aber wir dürfen trotz all unserer Fehler darauf hoffen, dass Gott am Ende unserer Tage wie ein guter und barmherziger Vater ist, der uns dann vielleicht gerade noch mal mit einem blauen Auge davon kommen lässt …!

Ihr Rainer Woelki
Erzbischof von Köln

(dr)