15.11.2015 - 08:00

Wort des Bischofs Wenn jeder gibt, was er hat

Von einer gleichmäßigen Verteilung der Güter ist die Welt weit entfernt. Wenige Tage nach dem Tag des Heiligen Martin erinnert Kardinal Woelki in seinem Bischofswort an die Botschaft des Teilens. Das sei das christliche Erfolgsrezept eines glücklichen Lebens.

"Wenn jeder gibt, was er hat, dann werden alle satt!" Kinder singen dieses Lied total gerne. Das Erfolgsrezept dieses neuen Kirchenlieds: Ein ganz einfach gereimter Text und eine ganz einfache, eingängige Melodie. Aber ich glaube, es ist nicht der Reim oder die Melodie, die dieses Lied zum Ohrwurm der Kinder machen. Es ist die ganz einfache Botschaft: "Wenn jeder gibt was er hat, dann werden alle satt!"

Klingt so einfach und vernünftig - und ist doch so unendlich schwer: Auf der einen Seite die Millionen von Habenichtsen, die Tag für Tag um ihr Leben kämpfen und auf der anderen Seite Tonnen von Lebensmittel, die vergammeln, weil wir Wohlstandsmenschen gerade viel zu viel davon haben. Oder noch schlimmer: Weil mit Lebensmitteln spekuliert wird. Eine verrückte Welt. Aber nicht erst heute sehnen sich nicht nur unsere Kinder nach einer besseren, gerechteren Welt. Einer Welt, in der die Güter gleichmäßig verteilt werden. Diese Sehnsucht der Menschen ist vermutlich genauso alt wie unsere egoistische Habsucht.

In dieser Woche haben wir den Heiligen Martin gefeiert. Seit Jahrhunderten erzählen die Eltern ihren Kindern diese schöne Geschichte, in der Martin mit dem Bettler seinen Mantel teilt. Kinder kriegen große Augen, nicht nur weil beim Vorspiel Sankt Martin auf einem Pferd daher kommt, sondern weil schon Kinder es sehr gut finden, dass keiner erfrieren muss - weil ein geteilter Mantel auch zwei Menschen wärmt.

Wenn dieses Botschaft vom Teilen selbst unseren Kindern schon einleuchtet, dann ist es doch eigentlich traurig, dass wir Erwachsenen es nicht gebacken kriegen: Banker und Unternehmer, die ein heimliches Konto in der Schweiz haben, Manager und Promis, die Steuern hinterziehen, ja selbst Kardinäle und Bischöfe, die im Luxus baden.

Dabei sehnen wir Christen uns seit Jahrtausenden nach einem neuen Himmel und einer neuen Erde, in denen die Gerechtigkeit wohnt. Wer genau hinsieht, der findet so auch unendlich viele Beispiele von Menschen, die nicht selbstsüchtig an ihrem Hab und Gut kleben, sondern teilen. Mut macht mir auch, dass selbst Eltern, die sonst wenig mit der Kirche am Hut haben, ihren Kindern die christliche Botschaft des Heiligen Martin mit auf den Lebensweg geben. Ich bin ganz sicher, dass diese frohmachende Botschaft eines Tages von all diesen Kindern auch ihren eigenen Kindern weitererzählt wird. Das christliche Erfolgsrezept eines glücklichen Lebens: "Wenn jeder gibt was er hat, dann werden eines Tages vielleicht doch einmal alle satt!"

Ihr

Rainer Woelki
Erzbischof von Köln

Hinweis der Redaktion: Dieses Bischofswort wurde vor den Ereignissen von Paris aufgezeichnet.