06.09.2015 - 08:00

Wort des Bischofs Seid barmherzig

In seinem aktuellen Bischofswort greift Kardinal Woelki die Äußerungen von Papst Franziskus zum Thema Abtreibung auf. Er betont, dass eine Abtreibung eine schwere Sünde darstelle, sieht dennoch in den Worten des Papstes ein starkes Symbol der Barmherzigkeit.

Der Roncalliplatz, auf dem ich hier stehe, ist nach dem auf der ganzen Welt beliebten Papst Johannes XXIII. benannt. Sein aktueller Nachfolger Papst Franziskus sorgte jetzt auch weltweit für Schlagzeilen: In einem Schreiben zum Jahr der Barmherzigkeit, dass der Papst für das nächste Jahr ausgerufen hat, kam auch das Thema Abtreibung zur Sprache. Vielfach wurden die Worte des Papstes kommentiert und leider manchmal auch in einen völlig falschen Zusammenhang gebracht. Nein – selbstverständlich ändert Papst Franziskus nicht einfach mal so ganz nebenbei die kirchliche Lehre: Jede Abtreibung ist und bleibt für die Kirche eine Straftat. Jeder, der eine Abtreibung vornimmt oder daran beteiligt ist, die Eltern oder z.B. der Arzt oder Helfer, begeht in unseren Augen eine Straftat gegen das Leben und die menschliche Freiheit. Die Kirche nennt das schwere Sünde.

Worum es dem Papst in seinem aktuellen Schreiben geht, ist aber gerade nicht zuerst die Verurteilung und Bestrafung dieser Straftat. Er setzt mit seiner Botschaft einen ganz anderen Akzent: Franziskus hat verbindlich mitgeteilt, dass Priester überall auf der Welt diese Sünde der Abtreibung im Namen Gottes vergeben können. Gerade weil er als Beispiel die schwere Sünde der Abtreibung gewählt hat, ist dies ein starkes, unüberhörbares Signal der Barmherzigkeit.  Franziskus, der Papst vom anderen Ende der Welt, macht so sehr deutlich, dass es auf dieser Welt kein einziges menschliches Handeln gibt, was Gott uns Menschen nicht vergeben könnte.

Die Kirche und der Papst wissen im Bereich der Abtreibung um viele leidvolle, oft vielleicht auch dramatische Entscheidungen. Aber die Kirche und der Papst wissen auch von der unendlichen Liebe und Vergebungskraft Gottes. Die Kirche spricht hier von der Beichte, dem Sakrament der Versöhnung zwischen Gott und Mensch. Papst Franziskus ruft also nicht nur ein Jahr der Barmherzigkeit für alle aus, er handelt auch ganz im Sinne des Wortes Jesu: "Seid barmherzig, wie auch Euer himmlischer Vater barmherzig ist!" Wir sollten dem Papst hier folgen und nicht nur von der Barmherzigkeit reden – sondern barmherzig handeln. Immer wieder und immer wieder neu.

Ihr

Rainer Woelki
Erzbischof von Köln