05.07.2015 - 08:00

Wort des Bischofs Ein Traum von einem Baum

Bäume faszinieren den Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki. In seinem Bischofswort hofft er, dass der Glaube ebenso tiefe Wurzeln schlägt, wie es prächtige Bäume tun.

Bäume faszinieren uns Menschen. Naturvölker haben früher Bäumen gar besondere magische Kräfte zugesprochen. Selbst in unserer christlichen Religion spielen Bäume eine ganz besondere Rolle: Denken wir nur an den Baum der Erkenntnis im paradiesischen Garten. Immer dann, wenn ich einen richtig prächtigen Baum sehe, muss ich an unsere Kirche denken, denn manchmal wünsche ich mir genau so eine Kirche. Warum?

Nun -  ein prächtig gewachsener alter Baum, ist zunächst einmal richtig gut verwurzelt. Die Stürme der Zeiten und des Lebens werfen ihn nicht um, zu tief ist er verwurzelt. So wünsche ich es mir für unseren Glauben. Er soll uns tiefverwurzelten Halt geben, was immer da auch kommen mag. Dann ist ein prächtiger Baum nicht nur hoch gewachsen, sondern er hat auch eine über die Jahre weit hinausgewachsene Baumkrone. So muss auch eine Kirche gewachsen sein. Nicht rechts- oder linkslastig. Frei gewachsen in alle Richtungen – es gibt junge Triebe nach allen Seiten, die bald schon kostbares Fruchtholz werden. Man muss diesen Glaubensbaum wachsen lassen, denn wenn er immer nur beschnitten wird, sieht er auf die Dauer doch ziemlich verunstaltet und verkrüppelt aus.

Auch hat jeder Baum alte Äste, die kaum noch die Last tragen und vielleicht auch gestützt werden müssen – genau so wie junge frische grüne Triebe. So wünsche ich mir das für unsere Kirche – dass Jung und Alt verwachsen sind und sich gegenseitig stärken und ergänzen. Immer dann aber, wenn ein Baum kräftig aufblüht, dann erkennt man die Kraft und Fülle des Lebens. Und selbst wenn ein Baum im Herbst seine Blätter abwirft und scheinbar stirbt, so sammelt er doch nur sein Kräfte, um gut über den Winter zu kommen und im nächsten Frühling noch schöner und kräftiger aufzublühen.

Vielleicht gibt es auch in unserer Kirche verschiedene Jahreszeiten – mit aufblühenden und absterbenden Zeiten. Die Gewissheit aber, dass der Gott des Lebens uns immer Luft, Licht, Nahrung und Wasser gibt, quasi all das, was wir zum Leben brauchen, die möge auch uns immer wieder neue Kraft geben. Kraft für unser ganzes Leben – Kraft für unsere ganze Kirche.

Ihr

Rainer Woelki
Erzbischof von Köln